Über Biodiversität

Biodiversität, Biodiversitätsverlust, Biodiversitätsforschung und Argumente zum Schutz der biologischen Vielfalt

Biodiversität - im naturwissenschaftlichen Sinn

Biodiversität - im gesellschaftlichen Sinn

Biodiversität - im politischen Sinn


Der Verlust der biologischen Vielfalt

Wozu brauchen wir biologische Vielfalt?

Was ist Biodiversitätsforschung?

Wer forscht?

Wie macht man das und welche Herausforderungen stellen sich den Forschenden?

Nutzung der Forschungsergebnisse

Wozu brauchen wir Biodiversitätsforschende?

Ethische Argumente für die Erhaltung der biologischen Vielfalt

Die fundamentale Bedeutung genetischer Vielfalt

Die Bedeutung der Artenvielfalt für Leistungsfähigkeit und Stabilität von Ökosystemen

Die Bedeutung biologischer Vielfalt für die Gesellschaft: Ökosystemleistungen

Der ökonomische Wert biologischer Vielfalt

Wie können wir biologische Vielfalt erhalten?

 



 

Biodiversität - im naturwissenschaftlichen Sinn

Biologische Vielfalt – oder Biodiversität – bezeichnet die Vielfalt des Lebens auf der Erde, also die Vielfältigkeit der Tier-, Pilz- und Pflanzenwelt, die selbstverständlich die Spezies "Mensch" einschließt . Diversität kann auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden: zwischen Arten (Artenvielfalt), innerhalb von Arten (genetische Vielfalt) oder zwischen Ökosystemen. Auch die Vielfalt von Lebensgemeinschaften oder von Interaktionsmustern gehört zur Biodiversität. Doch die biologische Vielfalt der Erde ist stark bedroht, insbesondere durch den großen Ressourcenverbrauch der wachsenden Weltbevölkerung, Landnutzungswandel, Verschmutzung, Klimawandel sowie invasive Arten.

 

Biodiversität - im gesellschaftlichen Sinn

Die natürliche Vielfalt der Organismen (Biodiversität) ist eine der wesentlichen Grundlagen für das menschliche Überleben und ihr Wohlergehen. Auf der Vielfalt von Organismen und ihren Interaktionen beruhen Prozesse und Produktionswege in Ökosystemen, die von Menschen genutzt werden. Entsprechend ist der Erhalt von Biodiversität Vorraussetzung für Ernährung und Gesundheitsvorsorge (Medizin), die Bereitstellung von Naturstoffen (Kleidung, Baumaterial, Werkstoffe) und anderer sogenannter Ökosystemleistungen, wie z.B. die Pufferung des Klimas, die Verfügbarkeit von (Trink-)Wasser und der Schutz vor Überflutung.

 

Biodiversität - im politischen Sinn

Die enorme Bedeutung der Biodiversität für die menschliche Existenz hat ihren politischen Niederschlag vor allem im Übereinkommen zum Schutz der Biodiversität (Convention on Biological Diversity - CBD) gefunden, welches im Anschluss an den ersten Weltumweltgipfel in Rio de Janeiro im Jahr 1992 verabschiedet wurde. Die größte, inzwischen von über 190 Staaten unterzeichnete Umweltkonvention hält fest, dass Biodiversität grundlegend für das Wohlergehen und die Lebensqualität von Menschen ist. Der Erhalt der Biodiversität, die nachhaltige Nutzung und die gerechte Teilung der Vorteile aus ihrer Nutzung (access and benefit sharing; ABS) sind als gleichwertige Ziele formuliert worden.

Neben der CBD existieren noch verschiedene weitere internationale Abkommen und Verträge, die sich bestimmten Teilen oder Aspekten der Biodiversität widmen, wie z.B. das Washingtoner Artenschutz-Übereinkommen (CITES), das Übereinkommen zum Schutz wandernder Tierarten (CMS) und das Übereinkommen zum Schutz von Feuchtgebieten ("Ramsar-Konvention"), die insgesamt die politische Bedeutung der Biodiversität unterstreichen.

 


 

Der Verlust der biologischen Vielfalt

Der aktuellste Bericht vom Oktober 2014, der Global Biodiversity Outlook 4 (GBO 4), des Sekretariates der UN-Umweltkonvention zur Biologischen Vielfalt (Convention on Biological Diversity, CBD) fasst zusammen, dass fast alle Ziele, die sich die Staatengemeinschaft bis 2020 gesetzt hatte, wohl verfehlt werden. Die vierte Auflage des GBO stellt eine Zwischenbilanz auf dem Weg der Staatengemeinschaft zur Erreichung der Ziele bis 2020 dar. Damit droht, sich die Geschichte von 2010 zu wiederholen, als bereits schon einmal das Großziel, den globalen Verlustder Biodiversität aufzuhalten, verschoben wurde.

Die dritte Auflage des GBO hatte 2010 deutlich dargelegt, dass das Ziel der CBD, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 wesentlich zu verringern, deutlich verfehlt wurde. Stattdessen seien die Hauptbedrohungen der biologischen Vielfalt weltweit gestiegen. Darüber hinaus warnte bereits der GBO3 vor dem Überschreiten so genannter Tipping Points oder Kipppunkte, also Schwellenwerten ökologischer Belastungsgrenzen, was zum Teil irreversible Änderungen der Lebensräume und ihrer Dienstleistungen herbeiführen würde und das Wohlergehen der Menschheit wesentlich massiver bedrohen könnte als bisher.

Nur ein Bruchteil der auf der Erde lebenden Organismenarten ist der Wissenschaft heute überhaupt bekannt: Gegenwärtig sind rund 1,8 Millionen Arten beschrieben, davon beispielsweise allein eine Million Insekten-Arten und rund 300.000 Pflanzenarten. Doch auch die noch unerforschte Fülle schrumpft dramatisch, wie der GBO4 und die Roten Listen von IUCN belegen.

 

Wozu brauchen wir biologische Vielfalt?

Diese Gesamtheit der Ökosysteme ist die Grundlage menschlicher Existenz. Alle Gesellschaften und Kulturen unseres Planeten sind auf die Nutzung einer möglichst vielfältigen Natur angewiesen. Sie liefert die so genannten Ökosystemleistungen wie sauberes Wasser, fruchtbares Land, Sauerstoff zum Atmen, Nahrungsmittel, Grundstoffe für die Herstellung von Medikamenten sowie Rohstoffe für die Industrie und Vorbilder für technische Lösungen. Biologische Vielfalt leistet einen unverzichtbaren Beitrag für das Wohlergehen der Menschen und ihrer Lebensumwelt und deren Erhaltung. Gerade in Ländern des globalen Südens hängen die Menschen häufig direkt von den natürlichen Ressourcen der Wälder und Meere ab. Dies macht deutlich, dass auch das von der UN im Jahr 2000 festgelegte Millenniumsziel, extreme Armut in der Welt bis zum Jahr 2015 zu beseitigen, nur gemeinsam mit dem Schutz und der nachhaltigen Nutzung natürlicher Ökosysteme erreicht werden kann.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Ökosysteme mit hoher Biodiversität eine deutlich höhere Stabilität aufweisen. Das zeigt sich deutlich an landwirtschaftlichen Monokulturen, die äußerst anfällig für Schädlinge und Krankheiten sind und nur mit hohem Aufwand und Pestizideinsatz aufrecht erhalten werden können. Der zunehmende Schwund biologischer Vielfalt entzieht uns auf lange Sicht die Lebensgrundlage.

 

Was ist Biodiversitätsforschung?

Die Biodiversitätsforschung untersucht und analysiert die Vielfalt an Genen, Arten und Ökosystemen mit dem Ziel, ihre Entstehung, Funktionen und Wechselwirkungen in Abhängigkeit von naturräumlichen Gegebenheiten, Klima und Landnutzung zu verstehen und zu erklären. Zudem entwickelt sie Methoden und Pfade, die den Schutz von Biodiversität, die nachhaltige Nutzung von Biodiversität und den gerechten Zugang zum Wohle heutiger und zukünftiger Generationen ermöglichen.

 

Wer forscht?

Entsprechend der unterschiedlich weit definierten Felder und des integrativen Charakters der Biodiversitätsforschung ist die Abgrenzung nicht immer ganz klar. Biodiversitätsforschung im klassischen Sinn wird überwiegend an Universitäten und Museen durchgeführt, die über (große) Sammlungen und Datenbanken zu Eigenschaften und Vorkommen der Organismen verfügen. Dem Erhalt und der nachhaltigen Nutzung von Biodiversität dienen darüber hinaus auch viele Forschungs- und Lehraktivitäten von Fachhochschulen und außeruniversitären Einrichtungen, wie z.B. Ämter, Institute der Leibniz-Gemeinschaft oder Max-Planck Institute.

Der Biodiversitätsforschungsatlas gibt eine Übersicht über Einrichtungen, die in Deutschland Biodiversitätsforschung betreiben.

 

Wie macht man das und welche Herausforderungen stellen sich den Forschenden?

Es gibt ein weites Feld von Untersuchungsmöglichkeiten in der Biodiversitätsforschung. Die Methoden reichen von Beobachtungen und Aufsammlungen über phylogenetische und ökosystemare Klassifizierungen bis hin zur partizipativen Entwicklung von Managementstrukturen oder der Modellierung auf unterschiedlichen Skalen.

Die größte Herausforderung ist keine rein wissenschaftliche, sondern betrifft unsere ganze Wirtschafts- und Lebensweise. Es wird immer deutlicher, dass der Erhalt von Biodiversität eine Grundvoraussetzung für Lebensqualität und globale Gerechtigkeit ist. Dieser Zusammenhang muss stärker durch wissenschaftliche Evidenzen belegt werden und es müssen Strategien entwickelt werden, dieses Wissen in gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen.

Weitere Herausforderungen sind die unzureichende Artenkenntnis, verstärkt durch das „Aussterben“ von Taxonomen, und die Zuordnung von Arten und Artengemeinschaften zu ökosystemaren Funktionen. Zudem gibt es Konflikte zwischen den Ländern mit vielen Arten und Forschenden, da einerseits ökonomische Gewinne aus z.B. Medizinalpflanzen nicht immer den Ursprungsländern zugute kommen, und andererseits das gesammelte Material zu den taxonomischen Experten in der ganzen Welt verteilt wird, ohne dass alle Wege für die Ursprungsländer transparent sind. Hier soll das im Rahmen der CBD beschlossene und 2014 in Kraft getretene Nagoya-Protokoll, welches ABS (access and benefit sharing) zum Gegenstand hat, zu einer Verbesserung der Situation beitragen.

 

Nutzung der Forschungsergebnisse

Die Forschungsergebnisse sind wichtig, um Folgen von politischen, gesellschaftlichen oder ökonomischen Entscheidungen auf unterschiedliche Biodiversitätsparameter abzuschätzen. Sie dienen der Erkenntnis darüber, wie Ökosysteme funktionieren. Direkte Nutzer sind Entscheidungstragende auf verschiedenen Ebenen und in verschiedenen Bereichen, Bildungsreinrichtungen und die interessierte Öffentlichkeit. Die Forschung erfüllt aber auch einen weiteren Zweck, nämlich die Befriedigung des Bedürfnisses nach Erkenntnis „was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält“. Die Biodiversitätsforschung dient nicht nur dazu, menschliche Lebensqualität zu sichern, sondern auch, vergleichbar der Kunst, zu zeigen, welche Vielfalt, Schönheit und Abenteuer auf der Erde zu entdecken sind.

 

Wozu brauchen wir Biodiversitätsforschende?

Notwendige Voraussetzung für einen wirksamen Schutz der biologischen Vielfalt ist es, die Funktionsweisen von Ökosystemen zu kennen und die Ursachen und Mechanismen dieses dramatischen Artenschwunds zu identifizieren. Der Mensch - als eine Art unter vielen - ist ein Teil der globalen Ökosysteme. Allerdings beeinflusst und verändert er sie mit Abstand am stärksten, auf Kosten anderer Lebewesen. Die wichtigsten Auslöser für den Rückgang der Artenvielfalt sind Habitatveränderungen durch Landnutzung, Veränderung von Flüssen und Zerstörung von Korallenriffen sowie der Klimawandel, invasive Arten und Übernutzung bzw. Verunreinigung von Lebensräumen.

Solches Wissen über die Zusammenhänge von Natur und Gesellschaft liefert die Biodiversitätsforschung mit allen ihren Disziplinen - Biowissenschaften wie Sozialwissenschaften oder Ökonomie. Dieses Wissen zu nutzen, um Entscheidungstragende zu unterstützen, ist das Ziel des Netzwerk-Forums für Biodiversitätsforschung (NeFo). Die Forschung kann Antworten liefern, welches Bedrohungspotenzial die zunehmende Zerstörung von Ökosystemen und der starke Rückgang der biologischen Vielfalt beinhaltet. Eine inter- und transdisziplinär arbeitende Forschung ist nötig, um Lösungskonzepte zu entwickeln und zu ihrer Umsetzung beizutragen.

NeFo möchte durch Bereitstellung von Informationen, Beratung und eigene Veranstaltung das nötige Bewusstsein für die Notwendigkeit dieser Zusammenarbeit bei Forschung und Politik schaffen und gleichzeitig die Kontaktstelle dafür bilden. Da der Schwund von Biodiversität globale Ursachen hat, muss auch die Forschung entsprechend vernetzt werden.

 

Ethische Argumente für die Erhaltung biologischer Vielfalt

Es gibt viele Argumente, die für die Erhaltung der biologischen Vielfalt angeführt werden können. Ein wichtiges Argument ist für viele Menschen das des intrinsischen Wertes von Lebewesen, Arten oder Lebensräumen. Aus der Annahme von intrinsischen Werten, also Werten, die die entsprechenden Gegenstände an sich selbst und unabhängig von menschlicher Wertschätzung haben, folgt für viele Menschen, dass diese Gegenstände um ihrer selbst willen geschützt werden sollen und es nicht möglich ost, sie vollständig durch etwas anderes zu ersetzen. Ein häufig in diesem Zusammenhang gebrauchter Begriff ist der des Biozentrismus. Dieser beschreibt ein Weltbild, das Lebewesen einen intrinsischen Wert beimisst und den Menschen lediglich als einen der vielen Bestandteile des natürlichen Systems sieht. Demnach dürfe der Mensch Lebewesen und Lebensräume, die sich über Jahrmillionen entwickelt haben, nicht einfach ausrotten.

Darüber hinaus ist der Mensch abhängig von den Ressourcen und Leistungen, die die Biosphäre mit ihrer Vielfalt bereithält. Er kann sich also gar nicht über ihre Erhaltung hinweg setzen, da er sich dann seiner eigener Lebensgrundlage berauben würde. Genau das geschieht jedoch derzeit, insbesondere mit Blick auf die Lebensgrundlagen unserer Nachkommen. So kann zum Beispiel argumentiert werden, dass eine Art oder ein Lebensraum deshalb schützenswert ist, weil sie die Ernährung des Menschen ermöglicht und sichert und somit einen instrumentellen Wert besitzt. Häufig in diesem Zusammenhang gebrauchte Begriffe sind der des Utilitarismus, der nutzenorientierten Ethik, und der des Anthropozentrismus, ein Weltbild, das den Menschen in den Mittelpunkt moralischer Betrachtungen stellt.

 

Die fundamentale Bedeutung genetischer Vielfalt

Biologische Vielfalt auf genetischer Ebene ist die Grundlage der Evolution aller Lebewesen. Die genetische Vielfalt liefert das Material für die natürliche Selektion, also das Überleben der bestangepassten Individuen einer Art; sie ist die Grundlage für die Anpassungsfähigkeit von Arten an ihre Umwelt. Gerade in Zeiten sich ändernder Umweltbedingungen ist diese Fähigkeit wesentlich für den Fortbestand von Arten.

Die genetische Vielfalt innerhalb von Nahrungspflanzen und Nutztieren hat zudem eine sehr große Bedeutung für den Menschen. Sie ist die Ursache für innerartliche Variation und Sortenvielfalt und stellt einerseits das Potential für neue Züchtungen und andererseits eine Absicherung gegen einen Totalverlust dar. Denn dort, wo verschiedene genetische Varianten vorkommen, unterscheidet sich häufig auch deren Anfälligkeit gegenüber bestimmten Krankheiten, Schädlingen oder Klimaschwankungen. Angesichts solcher Bedrohungen erhöht genetische Variabilität also die Chancen für langfristig ertragreiche Ernten oder überdauernde Nutzvieh-Bestände.

 

Die Bedeutung der Artenvielfalt für Leistungsfähigkeit und Stabilität von Ökosystemen

Biologische Vielfalt auf der Ebene der Arten kann die Leistungsfähigkeit von Ökosystemen erhöhen. So können beispielsweise in Grasland-Ökosystemen mehr Pflanzenarten pro Flächeneinheit die Biomasseproduktion und CO2-Speicherung des Ökosystems steigern.

Artenvielfalt kann zudem Ökosysteme widerstandsfähiger machen. So kann es in einer sich ändernden Umwelt zum Beispiel passieren, dass einige Arten aussterben, die besondere Funktionen in Ökosystemen erfüllen, da sie nicht an die neuen Bedingungen angepasst sind. Andere, die an die neue Situation besser angepasst sind, können wiederum diese Umweltveränderung überstehen und dann gegebenenfalls bestimmte Funktionenübernehmen, die vorher vornehmlich von den nun ausgestorbenen Arten erfüllt wurden. Dieses Konzept bezeichnet man als Versicherungs-Hypothese: Die biologische Vielfalt sichert das Ökosystem gegen unvorhersehbare Umweltveränderungen ab.

Einfache kausale Beziehungen zwischen Artenvielfalt und Leistungsfähigkeit bzw. Stabilität von Ökosystemen konnten jedoch bisher überwiegend in wissenschaftlichen Experimentengezeigt werden. In realen komplexen Ökosystemen, die auch noch mit der menschlichen Gesellschaft in Wechselbeziehung stehen, sind solche einfachen kausalen Beziehungen schwieriger zu überprüfen.

Artenvielfalt ist deshalb zwar ein zentraler, aber keineswegs der einzige Aspekt im Naturschutz. Das Wattenmeer hat beispielsweise eine geringere Artenvielfalt als tropische Riffe, ist jedoch trotzdem schützenswert. Zum einen ist es als einzigartiger Ökosystemtyp Bestandteil der Vielfalt verschiedener Ökosysteme. Zum anderen stellt es für Anrainerstaaten wie Deutschland oder die Niederlande ein in ihrem Kontext artenreiches und für viele Tierarten, wie zahlreiche rastende Vogelarten, ein bedeutendes Ökosystem dar.

 

Die Bedeutung biologischer Vielfalt für die Gesellschaft: Ökosystemleistungen

Ökosysteme sind die Existenzgrundlage von Menschen. Menschen beziehen beispielsweise Wasser aus ihnen, sie produzieren Getreide und Fleisch in landwirtschaftlichen Ökosystemen und sie genießen Erholung in naturnahen Ökosystemen. Um die essentielle Abhängigkeit der Menschen von Ökosystemen zu verdeutlichen wurde der Begriff der Ökosystemleistungen geprägt. Nach der Definition des Millenium Ecosystem Assessment sind Ökosystemleistungen all jene durch Ökosysteme bereitgestellte Dinge und Funktionen, die zum Überleben und Wohlbefinden von Menschen beitragen.

Es ist heute gemeinhin anerkannt, dass viele Ökosystemleistungen, wie Nahrungs- und Rohstoffproduktion, Klima- und Hochwasserregulierung oder kulturelle Leistungen, die beispielsweise der Erholung dienen, eine sehr große Bedeutung für die Gesellschaft haben. Anders sieht es mit dem Zusammenhang zwischen biologischer Vielfalt und Ökosystemleistungen aus. Welche genaue Bedeutung biologische Vielfalt für die Erbringung bestimmter Ökosystemleistungen hat ist häufig schwer zu ermitteln. Da das Konzept der Ökosystemleistungen sowohl die Natur als „Anbieter“ als auch die Gesellschaft als „Nachfrager“ einschließt, lassen sich Zusammenhänge häufig nicht in einfachen experimentellen Modellen untersuchen.

Einfache Kausalbeziehungen der Form „hohe biologische Vielfalt = hohe Ökosystemfunktionen = hohe Ökosystemleistungen“ sind deshalb wahrscheinlich eher selten. Die Tatsache, dass Ökosysteme die Lebensgrundlage für Menschen bilden und somit eine kaum zu überschätzende Bedeutung für uns haben, bleibt dadurch aber unberührt.

Der Bedeutung einiger Ökosystemleistungen sind sich die Menschen sehr bewusst, zum Beispiel der von Nahrungsmitteln und Wasser. Für diese gibt es auch Märkte, die Preise und damit einen monetären Wert festlegen. Wesentliche Leistungen, die die Natur darüber hinaus bereitstellt, nehmen jedoch die wenigsten wahr, obwohl sie täglich Gebrauch von ihnen machen. Zu diesen gehören die Bestäubung von Nutzpflanzen durch Bienen und andere Tiere. So sind 30% des weltweiten landwirtschaftlichen Ertrags von tierischer Bestäubung abhängig. Natürliche Schädlingskontrolle, die Reinigung der Luft und des Wassers durch Pflanzen, die Bereitstellung medizinisch wirksamer Pflanzeninhaltsstoffe und die Erzeugung von fruchtbarem Boden durch Bodentiere und Mikroorganismen sind weitere wichtige Ökosystemleistungen. Wälder speichern CO2, sorgen im Sommer für kühlere Temperaturenund sind entscheidend beteiligt an der Bildung von Regen und Sauerstoff. Korallenriffe und Mangrovenwälder sind natürliche Barrieren vor tropischen und sub-tropischen Küsten, die Auswirkungen von Extremwetterereignissen wie Tsunamis und Wirbelstürmen abschwächen können. Gleichzeitig sind diese Lebensräume die Kinderstube der Fischbrut. Die Zerstörung dieser Lebensräume setzt küstennahe menschliche Siedlungen sowie küstennahe Ökosysteme größeren Gefahren durch Stürme und Fluten aus und führt langfristig zum Zusammenbruch vieler Fischbestände und damit zum Verlust einer der wichtigsten Nahrungsquellen des Menschen und anderer Lebewesen.

 

Der ökonomische Wert biologischer Vielfalt

Das Forschungsprojekt "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB) wurde im Jahr 2007 unter der Schirmherrschaft des UN-Umweltprogramms UNEP initiiert und von dem Ökonomen Pavan Sukhdev von der Deutschen Bank geleitet. Es sollte den wirtschaftlichen Wert biologischer Vielfalt untersuchen und die wirtschaftlichen Kosten ihres Verlusts dem möglichen Gewinn gegenüberstellen, der aus ihrer Zerstörung oder nicht-nachhaltigen Nutzung erwirtschaftetet werden könnte. Mittlerweile liegen die Ergebnisse der TEEB Studie vor. Diese wurden in Berichten zusammengefasst die spezifisch auf bestimmte Nutzer wissenschaftlicher Informationen zugeschnitten sind:

  • Ein Berichtfür nationale und internationale Politiker
  • Ein Berichtfür Unternehmen
  • Ein Berichtfür lokale Politik
  • Ein Berichtfür ökologische und ökonomische Stiftungen

Beispiele aus Deutschland und der Schweiz:

Elbe-Rückhalteflächenmit positivem Kosten-Nutzen-Verhältnis:

Wissenschaftler der TU Berlin konnten mit einer Fallstudie an der Elbe nachweisen, dass der Nutzen naturverträglicher Hochwasserschutzmaßnahmen dreimal höher ist als deren Kosten. Bei traditionellen Kosten-Nutzen-Analysen schneiden Hochwasserschutzmaßnahmen, die auch dem Naturschutz zugute kommen, meist vergleichsweise schlecht ab. Die Ursache dafür ist, dass die Analysen nur die direkt vermiedenen Hochwasserschäden betrachten, jedoch andere positive Effekte, wie die Nutzung der Auen als Lebensraum für Pflanzen und Tiere, als Erholungsraum für Menschen und als Filter für Schadstoffe unberücksichtigt lassen. Nach der klassischen Sichtweise würde sich die Rückverlegung von Deichen und die Schaffung von 35.000 Hektar Retentionsflächen nicht rechnen: Die Rückverlegung von Deichen wäre durch Kosten von etwa 407 Millionen Euro und einen Nutzen von lediglich 177 Millionen Euro unwirtschaftlich. Werden jedoch alle positiven Effekte der Ökosysteme betrachtet und monetär bewertet, dann erbringt die Rückverlegung von Deichen mit 1184 Millionen Euro einen im Verhältnis zu den Kosten einen sehr viel höheren Nutzen.

 

Renaturierung von Mooren und Wäldernspart 21,7 Millionen Euro jährlich:

Bis Anfang der 1990er Jahre wurden 300.000 Hektar bzw. 97% aller Moore in Mecklenburg-Vorpommern trockengelegt, um die Flächen für die Futtermittelproduktion oder als Weide zu verwenden. In den folgenden Jahren wurde der ökonomische Nutzen der Trockenlegungen jedoch zunehmend in Frage gestellt, denn Moore können durch ihre Ökosystemleistungen wichtige Beiträge zur Wirtschaft erbringen. Zu diesen zählen sowohl die Speicherung von CO2 und Wasser als auch der Schutz der in Mooren vorkommenden biologischen Vielfalt.

Das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz in Mecklenburg-Vorpommern entwickelte deshalb eine Strategie zur Wiederherstellung von Mooren. Die Umsetzung der Strategie führte von 2000 bis 2008 zur Renaturierung von 29.764 ha Moorfläche, also 10% der zuvor trockengelegten Fläche. Der dadurch vermiedene CO2-Ausstoß im Vergleich zu intensiver landwirtschaftlicher Nutzung beträgt jährlich 309.345 Tonnen. Legt man den vom Umweltbundesamt empfohlenen Preis von 70 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent zugrunde, ergeben sich jährlich vermiedene Kosten von 21,7 Millionen Euro oder im Durchschnitt 728 Euro vermiedene Kosten pro Hektar renaturierter Moorfläche.

Renaturierungsmaßnahmen verursachen aber auch Kosten, beispielsweise über den Ankauf von Land durch den Staat, das aus der Nutzung genommen wird. Schließt sich an die Renaturierung jedoch eine naturnahe Nutzung des Moores an, entfallen die Kosten für den Landerwerb und die Kosten für die Vermeidung von CO2-Emissionen durch Moorrenaturierung belaufen sich dann auf lediglich 0-4 Euro pro Tonne CO2.

 

Lawinenschutz in der Schweiz:

Seit über 150 Jahren wird ein Teil des Schweizer Waldes genutzt, um Lawinen, Bergrutsche und Steinschlag in den Alpen zu verhindern. Etwa 17% des Waldes dienen inzwischen zu dieser Gefahrenabwehr – meist auf lokaler Ebene. Unterstützt werden die Maßnahmen durch Berechnungen, wonach der „Schutzwald“ Ökosystemleistungen von 2,5 bis 3 Milliarden US$ pro Jahr erbringt.

 

Globale Beispiele:

Der TEEB-Bericht sagt bei anhaltender Naturzerstörung bis zum Jahr 2050 Wohlstandseinbußen von sechs bis acht Prozent des Weltbruttosozialprodukts durch fehlende Ökosystemleistungen voraus. Dem Bericht zufolge entstehen 20 % der CO2-Emissionen jährlich allein durch Rodung von Wald, großenteils um scheinbar klimafreundlichen Biosprit herzustellen. Das sind mehr Emissionen, als der globale Verkehr insgesamt verursacht. Denn Bäume speichern große Mengen an CO2, die bei der Rodung, meist durch Feuer, in die Atmosphäre gelangen.

Durch hohe CO2-Werte in der Atmosphäre sind weltweit wiederum Korallenriffe akut bedroht. Das CO2 löst sich im Wasser und säuert es an. Die kalkhaltigen Korallen lösen sich nach und nach auf. Derzeit haben wir eine CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 390 ppm. Nur eine Absenkung auf einen Wert deutlich unter 350 ppm kann die Riffe als einzigartige und enorm wichtige Ökosysteme langfristig retten. Denn als Kinderstube von mindestens einem Viertel unserer Fischbestände hängt die wirtschaftliche Existenz einer halben Milliarde Menschen von ihnen ab. Der wirtschaftliche Wert der Korallenriffe beziffert die TEEB-Studie mit jährlich 170 Milliarden Dollar, vom Küstenschutzbis zur Fischzucht.

Ähnlich verhält es sich mit Mangrovenwäldern: So verursacht zwar das Anpflanzen und der Schutz von fast 12.000 Hektar Mangroven in Vietnam Kosten von 1,1 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig können damit aber Kosten in Höhe von 7,3 Millionen US-Dollar für Deiche eingespart werden. Weltweit könnten Investitionen in Höhe von 45 Milliarden US-Dollar in Schutzgebiete Ökosystemleistungen im Wert von jährlich rund 5.000 Milliarden US-Dollar sichern.

 

Wie können wir biologische Vielfalt erhalten?

Um die Ziele der CBD zu erreichen, hat die Bundesregierung im Jahr 2007 die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) verabschiedet. Sie setzt für Deutschland rund 330 Ziele und beschreibt etwa 430 Maßnahmen zu verschiedenen biodiversitätsrelevanten Themen. Diese Strategie liefert damit wesentliche Instrumente für den beabsichtigten Biodiversitätsschutz auf nationaler und regionaler Ebene. Der weiter anhaltende Abwärtstrend der biologischen Vielfalt zeigt jedoch, dass noch erhebliche Defizite bei der politischen Umsetzung der NBS bestehen. Nach wie vor werden die Risiken des Vielfaltverlustes unterschätzt und Verwaltungsstrukturen und letztlich illusorische Weltbilder verhindern die notwendigen Maßnahmen und Entscheidungen. Vor allem zeigt sich, dass effektiver Schutz der biologischen Vielfalt nur dann funktioniert, wenn er als integrative Aufgabe aller Politikbereiche verstanden wird.

Schnittstellen zwischen Politik und Wissenschaft können die Zusammenarbeit beider Bereiche zum Schutz der biologischen Vielfalt verbessern. Im Jahr 2012 wurde durch die UN-Generalversammlung der Weltbiodiversitätsrat (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, IPBES) mit Sitz in Bonn gegründet. Auf europäischer Ebene entwickelt seit rund zehn Jahren die European Platform for Biodiversity Research Strategy (EPBRS) Forschungsziele und Empfehlungen für die Umsetzung von Schutzstrategien.

In Deutschland wurde im Jahr 2009 das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung (NeFo) als Schnittstelle zwischen Politik, Forschung und Öffentlichkeit im Bereich biologische Vielfalt eingerichtet.

 

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