"Vielfalt der Agrarsysteme begreifen und dann Biodiversitätsziele formulieren" - Interview mit Jens Dauber

jens_dauber.jpg

Dr. habil. Jens Dauber, Thünen-Institut für Biodiversität

Indikatorenbericht zur Nationalen Biodiversitätsstrategie 2014

Im NeFo-Interview: Dr. habil. Jens Dauber, Thünen-Institut für Biodiversität

"Wir müssen und werden mehr tun, um die Strategie konsequent umzusetzen, um den Verlust an biologischer Vielfalt zu stoppen." hat Bundesumweltministerin Barbara Hendricks beim Beschluss des Bundeskabinetts des Indikatorenberichtes 2014 gesagt. Der Bericht soll alle zwei Jahre den Fortschritt der Umsetzung der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt dokumentieren. Trotz der vielfältigen Anstrengungen seien wir aber noch sehr weit von den gesetzten Zielen entfernt, sagte die Ministerin. Warum ist das so? Sind die durchgeführten Anstrengungen womöglich nicht zielführend? Über die Hälfte der Gesamtfläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt. Wer die biologische Vielfalt erhalten will, muss dort ansetzen und die Voraussetzung für biodiversitätsfördernde Bewirtschaftungsformen schaffen. Doch gerade in der Agrarlandschaft seien die eingesetzten Maßnahmen zu wenig zielorientiert, meint Ökologe Dr. Jens Dauber vom Thünen-Institut für Biodiversität. Grund hierfür sei, dass eine flächendeckende Erfassung der Ursachen für den stetigen Verlust der Arten und Lebensräume fehle. Erst auf dieser Grundlage könnten effektive Maßnahmen festgelegt werden.

Herr Dauber, laut Bericht verschlechterte sich der Indikatorwert der Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert (High Nature Value Flächen) im Vergleich zum Jahr 2009 um 1,3 Prozentpunkte. Regional gesehen sogar wesentlich höher, u. a. im Norden Deutschlands von den Bördelandschaften bis zu Alt- und Uckermark sowie teilweise in den Mittelgebirgen. Welche Arten und Lebensräume sind es denn, die in Agrarlandschaften durch die derzeit verbreitete Bewirtschaftungsform leiden?

Der Indikator bilanziert den Anteil der Landwirtschaftsflächen mit hohem Naturwert (HNV-Farmland-Flächen) an der gesamten Landwirtschaftsfläche. Die Einstufung von Landwirtschaftsflächen (Grünland-, Acker-, Streuobst- und Weinbergsflächen sowie Brachen) als HNV-Farmland-Flächen erfolgt über die Erfassung von Pflanzenkennarten. Wenn diese Pflanzenarten in einer bestimmten Anzahl auf einer Fläche vorkommen, wird diese als HNV Fläche kartiert. Wenn also der Anteil an HNV Flächen im Vergleich zum Jahr 2009 abnimmt, dann bedeutet dies, dass diese Kennarten auf den Flächen nicht wiedergefunden wurden. Der Indikator gibt allerdings keine Auskunft darüber, warum diese Arten verschwunden sind. Dies kann an einer Änderung der Bewirtschaftungsform liegen aber auch daran, dass eine Fläche zum Beispiel durch Überbauung und Versiegelung ganz ihre Lebensraumeigenschaften einbüßt. Aus dem existierenden Monitoring zur biologischen Vielfalt auf Bund- und Länderebene sowie aus zahlreichen Fallstudien ist bekannt, dass es durch die derzeit dominierenden Bewirtschaftungsformen kaum Gewinner unter den an Agrarlandschaften angepassten Artengruppen gibt. Betroffen sind nicht nur die seltenen, sondern auch die häufigen Arten. Die meisten Kenntnisse liegen uns hierbei zu Gefäßpflanzen, Vögeln, jagdbarem Wild, Tagfaltern und Bienen vor.

Welche Ursachen sind denn in der deutschen Agrarlandschaft vor allem für den Verlust der biologischen Vielfalt verantwortlich?

Die deutschen Agrarlandschaften sind sehr vielfältig. Entsprechend vielfältig sind auch die Ursachen für den Verlust der biologischen Vielfalt. Grob gesagt reicht die Spanne der möglichen Ursachen von starker Intensivierung der Bewirtschaftung bis hin zu Unternutzung und Aufgabe der Bewirtschaftung. Letzteres betrifft insbesondere extensiv bewirtschaftete Grünlandregionen. In intensiv bewirtschafteten Acker- und Grünlandregionen wirken sich vor allem hohe Düngergaben, hoher Pestizideinsatz, schnelle, einheitliche Bewirtschaftung auf großer Fläche, kurze und monotone Fruchtfolgen sowie der Verlust an struktureller Heterogenität negativ aus. Zudem haben Flurbereinigung und Bodenmelioration zu einer Vereinheitlichung der Standortbedingungen geführt, wodurch Arten, welche an extremere Standortbedingungen angepasst sind, ihren Lebensraum verloren haben. In den extensiveren Agrarsystemen findet ebenfalls eine landbauliche und landschaftsstrukturelle Monotonisierung statt, die hier jedoch durch die Aufgabe traditioneller Acker-Grünland Wechselsysteme, die Unternutzung von Extensivgrünland und Nutzungsaufgabe begründet ist.

Im Bericht sind ja bereits einige Gegenmaßnahmen genannt, wie Vermeidung weiteren Grünlandumbruchs, die Einrichtung von extensiv genutzten oder ungenutzten Pufferstreifen um Landschaftselemente und Äcker. Das ist ja schon länger klar. Was verhindert denn derzeit, dass die Landwirte die Maßnahmen umsetzen?

Angesichts der Vielfalt der Agrarlandschaften und der Bewirtschaftungssysteme sind viele der existierenden Maßnahmen zu undifferenziert und zu wenig zielorientiert. Dies liegt unter anderem daran, dass in Deutschland die Zielvorstellungen, welche Komponente der biologischen Vielfalt in welchen Bewirtschaftungssystem und welcher Agrarlandschaft geschützt oder gefördert werden soll, wenig konkret sind. Gerade in sehr produktiven Agrarregionen sind Maßnahmen, die auf eine „Nichtnutzung“ von Fläche abzielen, sehr teuer. Insbesondere der mit einer „Nichtnutzung“ einhergehende Ertragsverlust macht diese Maßnahmen sehr unattraktiv und führt dazu, dass diese von den Landwirten nicht bzw. kaum angenommen werden. Zudem sind geltende naturschutzfachliche Verordnungen oft sehr starr, was einer Etablierung von innovativen Ansätzen im Biodiversitätsschutz im Wege stehen kann. Bei „Nichtnutzung“ einer Fläche oder dem Anbau einer Blühmischung auf einer Fläche über mehr als fünf Jahre, muss ein Landwirt beispielsweise damit rechnen, dass solche Strukturen verstetigt werden, womit dem Landwirt die Möglichkeit einer flexiblen Bewirtschaftung entzogen wird. Hier sind viele Landwirte nicht bereit mitzugehen.

Erwarten Sie durch die aktuellen GAP-Regelungen der EU eine Verbesserung zugunsten der biologischen Vielfalt?

Innerhalb der aktuellen GAP-Regelungen zielen insbesondere die Maßnahmen zur Begrünung („greening“) der Direktzahlungen auf eine Verbesserung der biologischen Vielfalt ab. Aufgrund der beschlossenen Ausgestaltung dieser Maßnahmen ist jedoch kaum mit einer Verbesserung zu rechnen. Das beabsichtigte „greening“ ist letztendlich zu einem „green washing“ geworden. Das Thünen Institut hat zu dieser Frage eine ausführliche Stellungnahme [pdf] erstellt.

Ein positiver Aspekt der GAP-Reform ist, dass die Grünlanddefinition ausgeweitet wurde und nun auch traditionelle, extensive Bewirtschaftungsformen von Grünland mit einem höheren Anteil an Büschen und Bäumen zuwendungsfähig sind. Viele andere Aspekte, die eine gezielte Unterstützung der für die biologische Vielfalt in Europa sehr wertvollen High Nature Value farming Systeme gebracht hätten, wurden jedoch nicht umgesetzt.

Bezüglich der nach wie vor zu hohen Stickstoffwerte im Boden durch Düngung verweist der Bericht auf die kommende Düngeregelungsänderung. Erwarten Sie sich hier tatsächlich Verbesserungen für die biologische Vielfalt?

Der derzeitige Entwurf zur Reform der Düngeverordnung ist durchaus umstritten und es wird von vielen Seiten bezweifelt, dass die Novelle in der derzeit diskutierten Form ausreichen wird, um die Vorgaben der relevanten EU-Richtlinien zu erfüllen. Was mich bei der Diskussion hinsichtlich möglicher Verbesserungen für die biologische Vielfalt stutzig macht, ist die Tatsache, dass viel über die Bekämpfung der Symptome gesprochen wird, wie zum Beispiel über Hoftorbilanzen, Sanktionierungen, Obergrenzen, Sperrfristen und Lagerkapazitäten, jedoch wenig über die Ursachen der regionalen Nährstoffüberschüsse. Zielführender wäre es wahrscheinlich, sich mehr Gedanken darüber zu machen, wie wir innovative, ressourceneffiziente Bewirtschaftungssysteme einführen können, die zu einer Erhöhung der Bodenfruchtbarkeit beitragen und auf geringere Düngergaben angewiesen sind. Damit einhergehend sollte man Strategien entwickeln, die Perspektiven aufzeigen, wie man von einer flächenunabhängigen Tierhaltung mit lokal sehr hohen Güllemengen wieder zu einer stärkeren Tierhaltung auf Grünland zurückkommen kann. Solche Strategien könnten zudem dazu beitragen, dass Problem der Unternutzung von Extensivgrünland zu beheben.

Indikatoren für die biologische Vielfalt sind bei der NBS ja auch der Anteil von Ökolandbau in der Deutschen Landwirtschaft. Wie aussagekräftig sind solche Indikatoren für die biologische Vielfalt wirklich?

Biologische Vielfalt ist ein komplexes Konzept, welches deutlich mehr beinhaltet als Artenvielfalt. Daher macht es durchaus Sinn, neben organismischen Indikatoren wie Vögeln oder Tagfaltern auch solche Indikatoren zu erheben und zu berichten, welche Aussagen über den Zustand und die Entwicklung anderer Organisationsebenen der Biodiversität, wie der genetischen Vilefalt oder der Vielfalt der Ökosysteme und Landschaften ermöglichen. Gerade bei einem Biodiversitätsmonitoring im Agrarbereich wäre es auch sehr wünschenswert, genaue Daten zur Entwicklung von Pressure-Faktoren, welche sich auf Biodiversität auswirken, zu erheben. Der Anteil der Flächen mit ökologischem Landbau an der landwirtschaftlich genutzten Fläche ist in diesem Zusammenhang meines Erachtens nach allerdings ein schlechtes Beispiel, da es auch beim Ökolandbau stark von der Art der Bewirtschaftung (und dem landschaftlichen Kontext) abhängt, ob und inwieweit Biodiversität tatsächlich gefördert wird.

Der Indikator „Ökologischer Landbau“ erscheint mir angesichts der wissenschaftlichen Datenlage eher ein ideologischer als ein fachlich fundierter Indikator zu sein. Das Problem, warum solche wenig aussagekräftigen Indikatoren für die deutsche Berichterstattung herangezogen werden müssen, ist, dass auf politischer Ebene nicht die Bereitschaft existiert, ein umfassendes Biodiversitätsmonitoring aufzubauen und langfristig zu finanzieren. Auch wenn sich national, auf EU-Ebene oder begründet durch internationale Verpflichtungen (CBD) neue Berichtspflichten ergeben (z.B. GVO Monitoring, MAES oder NBS), dominiert die Sichtweise, dass diese nur durch existierende Daten und Indikatoren (z.B. Vogelindikator, HNV Basisindikator) abgedeckt werden dürfen. Mit dieser Vorgehensweise macht sich die deutsche Agrar- und Umweltpolitik jedoch langfristig unglaubwürdig, da eine evidenzbasierte Entscheidungsunterstützung auf fundierte Daten und Indikatoren zu Zustand, Entwicklungen und Ursachen angewiesen ist.

Schon der letzten Herbst erschienene Zwischenbericht der UN-Biodiversitätskonvention CBD hatte ein viel zu langsames Vorankommen zur Erreichung der bis 2020 gesetzten Ziele diagnostiziert. Dasselbe Phänomen zeigt nun der Indikatorenbericht auf nationaler Ebene. Woran liegt das? Sind die eingesetzten politischen Instrumente nicht die richtigen?

Trotz eindeutiger nationaler Gesetzeslage und internationaler Verpflichtungen zum Schutz und zur Förderung der biologischen Vielfalt wird nach meiner Erfahrung Biodiversität von Politik, Wirtschaft aber auch Gesellschaft meist als ein „nice to have“ aber nicht als ein „must have“ angesehen. Eine solche Haltung ist nicht unbedingt dienlich um rasche Fortschritte zu erzielen. Um Aussagen darüber treffen zu können, ob die eingesetzten politischen Instrumente die „richtigen“ sind, müssten wir auf Daten aus einem generellen Biodiversitätsmonitoring im Agrarbereich zugreifen können und diese unterfüttern mit Daten aus einer frageorientierten, auf die jeweiligen politischen Instrumente zugeschnittenen Begleitforschung. Basierend auf der derzeit bestehenden Datenlage ist es jedoch kaum möglich eine fundierte Rückmeldung an die Politik zu liefern, damit die Wirksamkeit von Politikinstrumenten gestärkt wird.

Gerade im Agrarland stellt die Erhaltung von nicht-vermarktbaren Elementen wie die Erhaltung intakter Lebensräume einen Trade-off zur Gewinnmaximierung dar. Oder provokant ausgedrückt: Feldlerchen bringen nichts ein, besetzen aber nutzbare Flächen. Wie ließe sich die Wertschätzung für die biologische Vielfalt unter den Landnutzern erhöhen?

Mein Eindruck ist, dass nicht alle Landnutzer nur auf Gewinnmaximierung aus sind und biologische Vielfalt nicht wertschätzen würden. Ich gehe schon davon aus, dass viele Landwirte bereit sind, auf ihren Betrieben mehr für die Erhaltung der Biodiversität zu tun, auch im Sinne einer Nutzung der Biodiversität und der ökologischen Leistungen. Wichtig ist, dass Maßnahmen in enger Zusammenarbeit mit Landwirten entwickelt werden, und dass eine auf die jeweiligen Betriebstypen angepasste und zielorientierte Beratung durchgeführt wird.

Frau Hendricks hat ja nun angekündigt, mehr zu tun. Was müsste aus Ihrer Sicht hier vor allem getan werden und in welchen politischen Bereichen?

Wenn wir ernsthaft biologische Vielfalt im Agrarbereich schützen, fördern und nutzen wollen, ist es wichtig, dass die verschiedenen politischen Bereiche eng zusammenarbeiten. Wir müssen stärker als bisher daran arbeiten, die Vielfalt der Agrarsysteme zu begreifen und darauf aufbauend, angepasste und umsetzbare Umwelt- und Biodiversitätsziele formulieren. Begleitend hierzu muss ein nationales Biodiversitätsmonitoring aufgebaut werden, welches in der Lage ist, differenzierte Aussagen zu liefern, die für politische Entscheidungsfindungen relevant sind. Hierzu muss auch über neue Indikatoren nachgedacht werden. Neben dem Monitoring benötigen wir eine vorrangig auf Fallstudien basierende Begleitforschung (zum Beispiel zu Auswirkungen der GAP) aber auch Innovationsforschung zur Entwicklung nachhaltiger und biodiversitätsfördernder Bewirtschaftungssysteme.

 

Das Interview führte Sebastian Tilch

 

Weitere Informationen zum Thema:

Pressemitteilung des BMUB

Indikatorenbericht 2014 zur Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt

Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt

4. Globaler Ausblick der CBD
Download PDF engl.
Deutsche Kurzübersetzung

Weitere NeFo-Beiträge zum Thema:

EU-Agrarreform: Biodiversitätsforscher fühlen sich von der Politik ignoriert, von Sebastian Tilch und Rosmarie Katrin Neumann

EU-Agrarpolitik sollte gesellschaftsrelevante Ökosystemleistungen fördernvon Sebastian Tilch