„Schwund von Ökosystemleistungen kann mit integrativen Lösungsansätzen begegnet werden" - Interview mit Holger Gerdes und Christian Schleyer

foto_christian_schleyer_kl.jpg

Dr. Christian Schleyer

Integrativ denken

Im NeFo-Interview: Holger Gerdes und Dr. Christian Schleyer, Nachwuchsgruppe "Ökosystemdienstleistungen" 

„Schwund von Ökosystemleistungen kann mit integrativen Lösungsansätzen begegnet werden"

Die Nachwuchsgruppe „Ökosystemdienstleistungen" besteht aus vier Postdoktoranden/innen, drei Doktoranden/innen und einer Projektassistentin. Träger des Projekts sind die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften, das Ecologic Institut, das Öko-Institut und die Professur für Landespflege der Universität Freiburg. Dieser innovative Verbund aus einer Wissenschaftsakademie, einer Universität und zwei politikberatenden Instituten hatten verfolgt das Ziel, sowohl wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen als auch praxisorientierte Lösungsansätze im Spannungsfeld von Landnutzung, Naturschutz und Klimaschutz zu entwickeln. Das kürzlich veröffentlichte Politikpapier „Kulturlandschaften entwickeln, Ökosystemleistungen stärken – Politikempfehlungen für Deutschland" fasst Erkenntnisse aus vier Jahren gemeinsamer interdisziplinärer Forschung zusammen und soll einen Beitrag für eine effektivere Politikgestaltung leisten.

Das Titelbild Ihres neuen Politikpapiers zeigt eine Teichlandschaft. Inwiefern steht dieses Bild für Ihr Ziel, Ökosystemleistungen stärker in die Aufmerksamkeit von Politikern zu rücken?

Gerdes: Neben Wäldern und landwirtschaftlich genutzten Flächen sind es vor allem die vielen Teiche, die unsere ostdeutsche Untersuchungsregion, das Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft, landschaftlich prägen. Diese Teiche wurden ursprünglich zur Karpfenzucht künstlich angelegt. Gleichzeitig sind sie aber auch Brut- und Rastplatz für Kormorane und ein beliebtes Ziel für Tagesausflüge. Diese Vielfalt von Ökosystemleistungen ist typisch für viele historisch gewachsene mitteleuropäische Kulturlandschaften. Politiker benötigen hier viel Fingerspitzengefühl, um die richtigen Handlungsanreize zu setzen, damit diese Vielfalt auch langfristig erhalten bleibt.

Welche Ökosystemleistungen liefern denn unsere Kulturlandschaften und wieso waren sie bisher kein Thema für die Politik?

Schleyer: Eigentlich waren Ökosystemleistungen von Kulturlandschaften schon immer ein großes politisches Thema. Nur konzentrierte sich die Aufmerksamkeit und Förderung hier lange fast ausschließlich auf Versorgungsleistungen, wie beispielsweise Kartoffeln, Weizen oder Futtergras. Kulturlandschaften stellen aber eine breite Palette an Ökosystemleistungen bereit: Sie speichern große Mengen von Kohlenstoff im Boden und verbessern das Lokalklima. Viele Ackerlandschaften sind durch Hecken, Feldgehölze und Feldraine strukturiert, die Bodenerosion verhindern, den Wasserhaushalt regulieren und das Landschaftsbild bereichern. So üben sie häufig auch eine große Anziehungskraft auf Touristen aus. Die traditionellen Kulturlandschaften, die viele dieser Ökosystemleistungen gleichzeitig bereitstellen können, sind jedoch einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt: durch die Intensivierung der Landwirtschaft, die Zunahme von Monokulturen etwa durch Ausbau der Bioenergie, und die Zunahme von Siedlungs- und Verkehrsflächen. Es geht also darum, Strategien zu entwickeln, wie die Vielfalt von Ökosystemleistungen gesichert und ein Verlust sozialer und ökologischer Werte von Kulturlandschaften verhindert werden kann.

Was ist das Ziel des Ökosystemleistungs-Ansatzes?

Gerdes: Wir wollen Politikschaffende animieren, Naturschutz als möglichen Weg bei Entscheidungen auch in anderen Politikfeldern zu gehen. Denn die Leistungen von Biodiversität und Ökosystemen haben durchaus auch eine wirtschaftliche Bedeutung für Sektoren wie beispielsweise die Landwirtschafts-, Energie-, Klima-, Wasser-, Tourismus- und Gesundheitspolitik. Der Ökosystemleistungs-Ansatz soll hier das gesellschaftliche und politische Bewusstsein für die Bedeutung von Ökosystemen und Landschaften für den Menschen schärfen und zeigen, welche Wirkungen menschliches Handelns auf die Fähigkeit von Ökosystemen hat, die eben beschriebenen Leistungen im gesellschaftlich gewünschten Maße bereitzustellen. Es geht also im großen Maße um Kommunikation, auch bei unserem Politikpapier. Wir haben darin verdeutlicht, dass dem voranschreitenden Landnutzungswandel in mitteleuropäischen Kulturlandschaften und der damit verbundenen Abnahme von Ökosystemleistungen nur begegnet werden kann, wenn nach integrativen Lösungsansätzen gesucht wird. Und hierzu müssen möglichst vieler Akteure aus unterschiedlichen Sektoren eingebunden werden.

Aus Sicht der Landwirtschaftsverbände bedeutet die Berücksichtigung von Ökosystemleistungen praktisch eine Einschränkung der unternehmerischen Freiheit des Landwirtes zugunsten vieler Zusatzaufgaben, die er für die Gesellschaft erbringen soll – i.d.R. unbezahlt. Wie könnte diese Sichtweise verändert werden?

Schleyer: In der Tat war staatliches Ordnungsrecht häufig das politische Mittel der Stunde um die Übernutzung von Ökosystemen zu verhindern oder die Bereitstellung spezifischer Ökosystemleistungen zu forcieren. Allerdings ist dieser Instrumententyp meist nicht sonderlich zielgenau und kosteneffizient und wurde vor allem von Landwirten meist eher als staatliche Gängelung denn als praktischer und ergebnisorientierter Handlungsanreiz empfunden. Zunehmend werden jedoch marktbasierte Instrumente eingesetzt, um Ökosystemleistungen zu stärken und Kulturlandschaften zu schützen. Diese Instrumente setzen positive, meist finanzielle Anreize für bestimmte umwelt- und landschaftsverträgliche Bewirtschaftungsweisen. Der Ökosystemleistungsansatz befördert diese Entwicklung, in dem er gerade die Vielfalt der Leistungen von Ökosystemen betont und explizit macht, wer und in welchem Umfang von den einzelnen Leistungen profitiert. Dadurch ermöglicht er die vermehrte Inwertsetzung spezifischer Ökosystemleistungen, erschließt zusätzliche Finanzierungsquellen und kann so für zusätzliches Einkommen bei Landwirten sorgen.

An wen richtet sich Ihr Politikpapier? In welchen konkreten Politikprozessen sollen die Empfehlungen Ihres Papiers Anwendung finden?

Gerdes: Unser Politikpapier richtet sich in erster Linie an Entscheidungsträger auf der Bundesebene. Dies schließt Bundestagsabgeordnete und Ministerialbeamte sowie Mitarbeiter in den untergeordneten Behörden ein, gleichzeitig aber auch Vertreter von Umweltverbänden und anderen Nichtregierungsorganisationen. Als konkretes Politikfeld, das mit dem Papier angesprochen wird, ist sicherlich die Landschaftsplanung zu nennen. Hier spielen jedoch eine Reihe von Sektoralpolitiken eine Rolle, insbesondere die Landwirtschafts-, Wald-, Wasser-, und Regionalpolitik. Wir sprechen also Entscheidungsträger aus all den genannten Politikfeldern an und fordern die Entwicklung integrativer Ansätze, die die Interessen der unterschiedlichen Sektoren berücksichtigen und gleichzeitig einen effektiven Schutz der Kulturlandschaften ermöglichen.

Welche Erkenntnisse hat der Workshop im November 2012 gebracht, die in das Papier eingeflossen sind?

Gerdes: Den Workshop haben wir mit dem Ziel veranstaltet, die Diskussion über die Umsetzung des Ökosystemleistungsansatzes in Deutschland voranzubringen. Dazu haben wir zentrale Ergebnisse und Thesen aus unserer Nachwuchsgruppe präsentiert und Entscheidungsträger, Experten aus Forschung und Naturschutzverbänden sowie Praktiker eingeladen, von eigenen Erfahrungen und Aktivitäten zu berichten. Insgesamt haben hier über 50 Teilnehmer die Möglichkeiten einer Umsetzung des Ökosystemleistungs-Ansatzes in den Bereichen Naturschutz-, Wald- und Agrarpolitik diskutiert. Der Workshop hat vor allem gezeigt, dass die Besonderheiten von Kulturlandschaften, die ja eine Vielzahl von Ökosystemleistungen auf ganz unterschiedlichen Ebenen bereitstellen und im Unterschied zu reinen Schutzgebieten einer kontinuierlichen Bewirtschaftung bedürfen, bislang kaum von den einzelnen Sektorpolitiken berücksichtigt werden. Zielkonflikte zwischen bestimmten Ökosystemleistungen sind hier noch kaum identifiziert und werden nur sehr selten bei der Politikgestaltung berücksichtigt.

Ein wesentlicher Punkt Ihres Papiers ist ja eine übersektorale Berücksichtigung der Ökosystemleistungen, was im Klartext eine bessere Zusammenarbeit von Politik und Verwaltung verschiedener Zuständigkeiten wie Forst, Agrar- Wasser, Verkehrs und Landschaftsplanung bedeutet. Weshalb sehen diese Akteure bisher nicht genug über den eigenen Tellerrand und reicht es, sie durch ein Politikpapier daran zu erinnern?

Schleyer: Die praktische Integration des Ökosystemleistungsansatzes in die jeweiligen politischen und administrativen Prozesse in den einzelnen Politiksektoren in Deutschland erfolgt in der Tat mit sehr unterschiedlicher Intensität und Systematik. Während im Naturschutz, in der Waldpolitik aber auch in der Landschaftsplanung schon Komponenten des Ansatzes mehr und mehr Berücksichtigung finden, ist dies im Agrarsektor bislang kaum der Fall. Eine übersektorale Abstimmung wird hier unter anderem dadurch erschwert, dass es bislang für die Erfassung vieler Ökosystemleistungen keine einheitlichen Indikatorensysteme gibt und auch die Bewertung der Leistungen bisher nur sehr punktuell erfolgt. Zudem fehlt es hier häufig auch an Verfahren – und vielleicht auch dem politischen Wille –, um mit sektorinternen aber vor allem auch sektorübergreifenden Zielkonflikten umzugehen. Natürlich genügt ein solches Politikpapier allein nicht, um komplexe und langwierige politische Prozesse entscheidend zu beeinflussen, zumal diese ja auch meist in internationale Politikdiskurse eingebettet sind. Aus unserer Sicht ist es aber wichtig, die politische Debatte um die Umsetzung des Ökosystemleistungsansatzes in den einzelnen Sektoren nicht zuletzt auch mit konkreten wissenschaftlich-empirischen Erkenntnissen zu befördern und auf das Potential des Ansatzes hinzuweisen. Und: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Was würde die konsequente Umsetzung Ihrer Vorschläge für die Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) bedeuten?

Gerdes: Die Vorschläge der EU-Kommission zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik sind, was die ökologischen Komponenten angeht, stark verwässert worden. Es hätte die Möglichkeit bestanden, den Ökosystemleistungsansatz zu einer zentralen Komponente bei der Ausgestaltung der GAP zu machen und vor allem die landwirtschaftlichen Förderprogramme systematisch darauf auszurichten. Dies wurde leider verfehlt. Während man hier also wahrscheinlich auf die nächste große Reform in einigen Jahren warten muss, lassen sich auf nationaler und regionaler Ebene doch noch einige Stellschrauben drehen. Politische Instrumente müssen entsprechend mit effektiven Regeln oder ausreichenden finanziellen Anreizen ausgestaltet werden, um grundsätzlich die Bereitstellung dieser Güter oder Leistungen zu fördern und ihrer Übernutzung entgegenzuwirken. So kann die Nutzung von Grundwasser als Aufnahmemedium für Nitratrückstände sowohl durch Düngeverbote als auch durch Zahlungen an Landwirte als Ausgleich für den Verzicht auf Stickstoffdünger eingeschränkt werden. Hier bietet sich viel Spielraum, den wir mit unserem Politikpapier aufzeigen wollen.

Sehen Sie bereits Fortschritte in der Wahrnehmung von Naturschutzbelangen in relevanten Politikfeldern oder Ministerien?

Schleyer: Generell lässt sich sagen, dass der Ökosystemleistungsansatz seinen Weg in die Politik gefunden hat. Ausgehend von internationalen Initiativen, wie der TEEB-Studie, und europäischer Gesetzgebung werden in den Bundesministerien die Möglichkeiten für eine Umsetzung diskutiert. Es wird jedoch noch viel Arbeit zu leisten sein, bis der Ansatz – wie von uns gefordert – eine zentrale Rolle in der Politikgestaltung einnimmt. Im Bereich der Landschaftsplanung muss hierbei insbesondere die regionale und lokale Ebene stärker beachtet werden, denn hier werden die relevanten Entscheidungen getroffen und umgesetzt. Es muss also darum gehen, den Ökosystemleistungsansatz auch in den unteren Verwaltungsebenen bekannt zu machen und für seine Vorteile zu werben.

 

Zum Hauptartikel

EU-Agrarpolitik sollte gesellschaftsrelevante Ökosystemleistungen fördern