Interview„Ohne CBD wäre der Zustand unserer Natur wesentlich schlechter als er heute ist." - Interview mit Axel Paulsch

Rio+20 - 20 Jahre CBD

Im NeFo-Interview: Dr. Axel Paulsch 

Vor zwanzig Jahren wurde bei der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio die Einrichtung des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) besiegelt. Getan habe sich seither wenig, ist sich die Presse weitgehend einig, von „Scheitern" und „Versagen" ist meist die Rede. Tatsächlich wurde das ehrgeizige Ziel, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 aufzuhalten, weit verfehlt und auf 2020 verschoben. Ist das Fazit nach 20 Jahren CBD also: „Verzichtbar"? Nein!" meint Dr. Axel Paulsch, Mitarbeiter des Netzwerk-Forum zur Biodiversiätsforschung und CBD-Experte. Der CBD mangle es zwar an starken Mechanismen wie Sanktionsmöglichkeiten, dennoch habe die Konvention sehr dabei geholfen, Natur- und Umweltschutz zum Thema in der internationalen Politik zu machen – nicht zuletzt durch Kompromissbereitschaft. Im NeFo-Interview erzählt Paulsch, warum wir die CBD gerade jetzt umso mehr brauchen.

Herr Paulsch, 20 Jahre CBD! Sie haben den Prozess fast von Anfang an begleitet. Welches Gefühl haben Sie, wenn Sie sich diese Zahl vor Augen führen?

Ich habe ein gutes Gefühl. Das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt ist nicht nur das größte und mit 197 Staaten mitgliederreichste Umweltabkommen, das es je gab. Es ist auch das thematisch umfassendste: Die CBD bemüht sich um die Erhaltung aller Lebensräume und Arten, von Meeren und Küsten über Seen und Flüsse bis zu Gebirgen, von Trockenräumen über landwirtschaftlich genutzte Regionen bis zu Urwäldern. Eine wichtige Errungenschaft der CBD ist es, die nachhaltige Nutzung als eine Form des Schutzes der Biodiversität anzuerkennen und nicht auf eine Trennung von „Natur" im Schutzgebiet hinter einem Zaun und im Gegensatz dazu „vom Menschen genutzte Landschaft" auf der anderen Seite des Zauns hinzuwirken, sondern im Gegenteil darauf zu bestehen, dass eine Erhaltung der Vielfalt des Lebens nur gelingen kann, wenn unsere Wirtschaftsweisen entsprechend umgestaltet werden.

Und die CBD hat in diesen 20 Jahren viel bewegt, auch wenn die Zusammenhänge manchmal nicht sofort ersichtlich sind. Alle Staaten, die der CBD beigetreten sind, haben sich verpflichtet, jeweils eine nationale Biodiversitätsstrategie zu entwickeln und in die nationale Gesetzgebung einzubinden. 170 von 197 haben das auch tatsächlich getan. Man kann also sagen, dass viele Naturschutzgesetze, viele Schutzgebietsausweisungen, Artenschutzbestimmungen, viele Bemühungen zur Vermeidung von Verschmutzung letztlich ihren Ursprung darin haben, dass es ein weltweites Abkommen dazu gibt, nämlich die CBD. Betrachten wir mal Europa: Der EU ist es gelungen, sich auf ein Schutzgebietsnetzwerk (Natura 2000) über alle 27 Mitgliedsstaaten zu einigen. Solche Anstrengungen werden natürlich auch durch die Verpflichtungen motiviert, denen man auf globaler Ebene zugestimmt hat.

Natürlich ist es schwer zu sagen, dass die CBD eine bestimmte Art gerettet hat, denn konkrete Schutzmaßnahmen oder Programme werden ja immer national oder zwischen Nachbarländern umgesetzt. Aber die CBD verbreitet weltweit das Bewusstsein für die Problematik, und dann werden entsprechende Maßnahmen eingeleitet.

Und wenn man bedenkt, dass bei der Unterzeichnung 1992 selbst Deutschland erst sechs Jahre lang überhaupt einen Umweltminister hatte, dann ist es doch als gewaltiger Fortschritt anzusehen, dass Umweltministerien heute weltweit eine Selbstverständlichkeit sind. Auch dazu hat die CBD maßgeblich beigetragen.

Wo wurden die meisten Fortschritte erzielt?

Ein großer Fortschritt, den sich die CBD auf die Fahnen schreiben kann, ist, die Probleme, die der Verlust der Vielfalt mit sich bringt, immer weiter ins öffentliche und politische Bewusstsein gebracht zu haben. Die Welt redet gemeinsam über Umweltprobleme - auch Staaten, die sich sonst eher waffenstarrend gegenüberstehen.

Aber es gibt auch konkret messbare positive Einflüsse: So steigt die Zahl und Fläche der Schutzgebiete in allen Ökosystemen weltweit stetig an. Zurzeit stehen etwa 12 Prozent der Landoberfläche unter Schutz, bis 2020 sollen es 17 Prozent sein und 10 Prozent der Meeresoberfläche.

Wesentlich profitiert haben Wälder, auch wenn die Entwaldungsrate nach wie vor erschreckend hoch ist. Das mag zunächst widersprüchlich klingen. In Rio war damals eigentlich auch eine eigenständige Konvention zum Schutz der Wälder geplant, so wie es bspw. eine Konvention zu Feuchtgebieten gibt. Diese kam aber nicht zustande, weil die waldreichen Länder, darunter viele Entwicklungsländer, auf die Nutzung ihrer Wälder nicht verzichten wollten und wollen. Erst durch die CBD, die nachhaltige Nutzung als eine Form des Schutzes anerkennt, konnte in Richtung Waldschutz überhaupt etwas bewegt werden, nämlich ein Arbeitsprogramm zu Wäldern innerhalb der CBD. Das ist zwar nicht optimal, aber das Beste, was zu erreichen war. Insofern ginge es den Wäldern noch viel schlechter, wenn es nicht wenigstens die CBD gäbe.

Profitiert haben auch die Binnengewässer in Industrieländern: Durch das vermehrte Umweltbewusstsein und die daraus folgende Reduzierung der Verschmutzung sind viele Gewässer in Europa in einem wesentlich besseren Zustand als in den 70er und 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Aber trotz partieller Erfolge ist die traurige Wahrheit, dass es weltweit nach wie vor bergab geht mit der Vielfalt des Lebens, besonders schnell in den Tropen, trotz der CBD.

Wo sehen Sie die Stärken der CBD, wo die Schwächen?

Das ist eine schwierige Frage, denn einige Grundprinzipien der CBD haben sowohl ihre Schwächen als auch ihre Stärken. Als Ökologe würde ich sagen, das Grundprinzip, dass jeder Staat innerhalb seiner Grenzen souverän über seine biologische Vielfalt bestimmen kann, ist eine Schwäche, denn Ökosysteme enden nicht an politischen Grenzen. Ein Fluss durchfließt mehrere Länder oder stellt eine Landesgrenze dar, Nachbarländer haben Teil am selben Gebirge, wandernde Tierarten überschreiten Grenzen. Andererseits wäre ohne dieses Grundprinzip nationaler Souveränität nie eine Umweltkonvention zustande gekommen, was im Übrigen auch für andere internationale Abkommen gilt.

Oft wird das auf Konsens basierende Abstimmungsprinzip, nachdem eine Einigung erst als erzielt gilt, wenn kein Mitgliedsstaat mehr Einspruch erhebt, kritisiert, das die CBD zu einem zahnlosen Tiger mache. Ich denke, auch das ist eine zweischneidige Angelegenheit: Einerseits können dadurch zunächst ambitionierte Beschlussvorlagen solange verwässert werden, bis sie nahezu ohne Aussage sind. Andererseits besteht bei einem Abkommen, in dem mit Mehrheiten abgestimmt wird, immer die Gefahr, dass nicht nur rein fachliche Gründe das Abstimmungsverhalten beeinflussen, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Eine Schwäche ist sicherlich, dass es keinen Sanktionsmechanismus gibt, keinen „UN-Umweltgerichtshof" bei dem man sich beschweren könnte, wenn bestimmte Staaten sich nicht an die vereinbarten Ziele halten. In der EU geht das eher - bspw. wurde Deutschland eine Strafe angedroht, weil es die Frist zur Meldung der Natura 2000 Gebiete nicht eingehalten hatte. Andererseits wären manche Staaten sicherlich nicht CBD-Mitglieder, wenn es die Gefahr der Bestrafung gäbe.

Das Hauptproblem aus meiner Sicht ist nicht der innere Aufbau der CBD oder ihre Struktur. Das Grundproblem ist, dass es wohl kein Land der Welt gibt, in dem der Schutz der Umwelt höher bewertet wird als das Wachstum der Wirtschaft, in dem also der Umweltminister mehr Einfluss hätte als der Wirtschafts- und Finanzminister – kein Land also, in dem das menschliche Tun tatsächlich nachhaltig ist. Diese Schwäche unserer Grundhaltung in unserer Lebenseinstellung ist jedoch nicht der CBD als Abkommen anzulasten. Dass in vielen Ländern die Menschenrechte nach wie vor mit Füßen getreten werden, ist ja auch nicht Schuld der Menschenrechtsabkommen.

Welche Widerstände gibt es vor allem?

Jede Entscheidung, die bei der CBD getroffen wird, ist auch von den unterschiedlichen Einzelinteressen der Staaten geprägt. Es gibt Staaten, die sich dagegen wehren, in eine Definition des Begriffs „Wald" Bezüge zu Artenvielfalt einzuarbeiten, einfach deshalb, weil dann ihre als Monokulturen ausgeführten Aufforstungen unter der Klimakonvention nicht mehr als Wald anrechenbar wären, was direkte finanzielle Konsequenzen hätte. Andere Staaten, die z.B. in den letzten Jahrzehnten ihre Fischfangflotten stark ausgebaut haben, tun sich schwer, für Fischfangverbote einzutreten. Viele Entwicklungsländer beklagen zu Recht, dass die Agrarsubventionen der EU nicht biodiversitätsfördernd sind und - das ist der Hauptgrund der Beschwerde – dadurch afrikanische Märkte kaputt machen. EU-Länder, in denen große Teile der Landwirtschaft von diesen Subventionen profitieren, achten sehr genau darauf, in der CBD keinen Beschlüssen zuzustimmen, die das bestehende System aushebeln würden.

Staaten, in denen eine indigene Bevölkerung ein starkes Mitspracherecht hat, achten darauf, dass Schutzgebietsausweisungen nicht dazu führen, dass indigene Völker vertrieben werden.

Staaten, die großflächig den Anbau von Energiepflanzen vorantreiben, bestreiten negative Einflüsse auf die biologische Vielfalt, andere Staaten, die an diesem Geschäft nicht beteiligt sind, weisen auf den Verlust natürlicher Lebensräume hin. Solange sich die Erkenntnis nicht durchsetzt, dass zunehmender Wohlstand ohne stabile Umwelt nicht zu haben ist, wird dieses politische Taktieren zugunsten der eigenen Wirtschaftsinteressen auch bestehen bleiben.

Der Verlust der biologischen Vielfalt schreitet ja ungebremst fort. Schon das Ziel, dieses bis 2010 zu stoppen, wurde weit verfehlt. Nun soll dies 2020 erreicht sein. Sie kennen die Abläufe der internationalen Verhandlungen sehr gut. Was müsste sich strukturell ändern, damit noch schneller Ergebnisse erzielt werden können?

Dass das 2010-Ziel nicht erreicht wurde und das auch bis 2020 kaum zu schaffen sein wird, liegt nicht in erster Linie an der Zähigkeit internationaler Verhandlungen. Die Ziele, auf die man sich 2010 geeinigt hat und die 2020 erreicht sein sollen, sind sehr gut. Es fehlt an dem Willen, sie national wirklich konsequent umzusetzen. Wie schon gesagt, solange ich als Staat nicht bereit bin, meine Fischfangflotte abzurüsten, weil das Arbeitsplätze und Wählerstimmen kostet, solange werde ich das 2020-Ziel, jedwede Überfischung zu stoppen, nicht erreichen. Solange Urwälder durch Ölpalmplantagen ersetzt werden, ist der Verlust der Vielfalt nicht zu bremsen. Dazu bedarf es aber keines Umbaus der CBD als internationalem Abkommen, sondern einer Veränderung der Einstellung dazu, was wir als erstrebenswert erachten und wie wir unser tägliches Leben gestalten. Solange billig, schnell und wegwerfen unsere Alltagsmaximen sind, kann die CBD nicht viel erreichen.

Welchen Beitrag zur Bewusstseinsbildung und -änderung kann die Forschung leisten?

Die Biodiversitätsforschung untersucht u. a. die Zusammenhänge zwischen unserem Handeln und Wirtschaften und den Reaktionen der Ökosysteme darauf. Sie liefert die Erkenntnisse, Zahlen und Fakten, die wir brauchen, zum einen um unser Handeln nachhaltiger und weniger schädlich zu gestalten, und zum anderen um die Bewusstseinsbildung mit einsichtigen Beispielen voran zu bringen. Wenn die Meeresforschung zusammen mit Ökonomen feststellt, dass ein einziger Quadratkilometer intaktes Korallenriff im Jahr allein für den Küstenschutz 18 Millionen Dollar wert ist und bis zu 100 Millionen Dollar für den Tourismus erbringen kann, wird es sehr plastisch, warum gesunde Ökosysteme die Grundlage für gesunde Wirtschaft sind.

Biodiversitäsforschung zeigt auch Alternativen auf. So untersucht das vom Bundesforschungsministerium getragene Programm „Nachhaltiges Landmanagement" zurzeit in zwölf Großprojekten in verschiedenen Teilen der Welt, wie landwirtschaftliche Nutzung so gestaltet werden kann, dass die Ökosysteme erhalten bzw. sogar restauriert werden können. Da geht es z.B. um Baumwollplantagen in China, in denen durch zu viel Bewässerung der Boden versalzt und die durch Grundwasserspiegelabsenkung der Wüstenbildung Vorschub leisten. Hier stellt sich die Frage, welche Pflanzen wo Sinn machen, allein was den Wasserbedarf anbetrifft. Gibt es Kombinationsmöglichkeiten mit Schattenbäumen? Wie können die Bodenorganismen und dadurch die Bodenfruchtbarkeit erhalten werden? In Zusammenarbeit mit den lokalen Bauern und Kooperativen ist das direkte Bewusstseinsbildung durch Forschung und sofortige Anwendung der Ergebnisse.

Wir wissen viel und mangelndes Wissen darf kein Freibrief für ein „Einfach-weiter-so" sein, aber wir wissen vieles auch noch nicht und deshalb ist die Biodiversitätsforschung ein ganz wesentlicher Baustein für unseren Umgang mit unseren endlichen Ressourcen.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Herausforderungen und Themen für die CBD in den kommenden Jahren? Was muss unbedingt geschafft werden?

Die CBD hat in den 20 Jahren seit ihrer Entstehung zu nahezu allen denkbaren Umweltthemen Programme entworfen und Beschlüsse gefasst. Ich sehe die wichtigste Herausforderung also nicht in der Abfassung weiterer Programmen, sondern in der nationalen Umsetzung dessen, was längst beschlossen ist. Die CBD hat längst den Rahmen gesetzt, jetzt sind die Mitgliedsstaaten am Zug, bei sich zu Hause vor Ort konkrete Maßnahmen zu unternehmen. Dazu gehören mehr Schutzgebiete, weniger Abholzung von Urwäldern, vernünftige Fangquoten für Fische, aber auch eine nachhaltigere Landwirtschaft und bei uns weniger exzessiver Konsum.

Was unbedingt geschafft werden muss, ist, dass die Menschen begreifen, dass die biologische Vielfalt unsere Lebensgrundlage ist, ohne die ein Leben, wie wir es kennen und genießen, nicht möglich ist. Von daher ist die Erhaltung der Vielfalt in unserem ureigensten Interesse. Wenn die Mehrheit das begriffen hat und einfordert, wird auch die Politik ihre Schwerpunkte entsprechend setzen. Insofern ist eigentlich Aufklärung die wichtigste Aufgabe und größte Herausforderung. Meiner Ansicht nach fehlt es nicht an Ideen und guten Lösungsansätzen, wie die biologische Vielfalt zu erhalten und nachhaltig zu nutzen wäre. Es fehlt an der Einsicht, dass wir das dringend angehen müssen, wenn wir weiterhin in einer lebenswerten Welt leben wollen.

 

Das Interview führte Sebastian Tilch