30 Jahre Tschernobyl

"Die Katastrophe hat eine Referenzfläche für eine natürliche Landschaft in Europa hinterlassen.“
Im NeFo-Interview: 
Michael Brombacher

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Tschernobyl, ZGF, Bormbacher
Dipl. Geoökologe Michael Brombacher
Foto: N. Guthier / Zoolog. Gesellschaft Frankfurt (ZGF)

Der Geoökologe Michael Brombacher leitet das Referat Europa der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt (ZGF), die sich in Europa führend für den Schutz großer Wildnisgebiete unter anderem in den Karpaten, in Weißrussland, Kasachstan aber auch in Deutschland einsetzt. Brombacher hatte im April 2013 im Rahmen einer Fachveranstaltung die Möglichkeit, das Schutzgebiet bei Tschernobyl zu besuchen. Im NeFo-Interview schildert er seine Eindrücke vor Ort und erklärt, welchen Wert das Gebiet für die ökologische Forschung hat.

NeFo: Herr Brombacher, was haben Sie beim Besuch des Sperrgebietes nahe des Unglücksreaktors erlebt?

Brombacher: Zunächst fährt man in dieses Gebiet mit einem sehr mulmigen Gefühl. Der Anblick der verlassenen Siedlungen ist deprimierend, die Tragik für die Menschen, die ihre Heimat für immer verloren haben, spürbar. Faszinierend war für mich aber sofort diese reichhaltige Natur, die sich das Gebiet konsequent zurückerobert. Die Entwicklung fast ohne menschliche Störungen macht Erfahrungen möglich, die anderswo schwer zu haben sind. Ich habe nach kurzer Zeit bereits einen Wolf, viele Elche und auch viele balzende Birkhühner auf ehemaligen Ackerflächen gesehen, Flächen, die jetzt wiedervernässte Moore sind. An den Uferhängen des Pripyats brüten Eisvögel, im Wasser schwimmen Fischotter. Wisente wurden in dem Gebiet wieder angesiedelt, deren Population auf über 100 Tiere ­angestiegen sein soll. Auch sie konnte ich beobachten.

NeFo: Was war der Anlass Ihrer Exkursion?

Brombacher: Wir, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) arbeiten bereits seit vielen Jahren in Weißrussland. Der Schwerpunkt unserer Arbeit in Europa ist die Erhaltung der letzten Wildnisgebiete. Weißrussland leistet hier – trotz angespannter wirtschaftlicher Situation – Beachtliches. Wir arbeiten im Beloveshkaya Pushcha Nationalpark im Westen des Landes und auch in der Region Polesie mit ihren riesigen Flussauenlandschaften. Die ZGF macht im Unglücksgebiet selbst allerdings keine Projektarbeit oder Forschung. Ich war gewissermaßen Fachtourist im Rahmen einer Tagung und  wollte sehen, wie sich ein solch großes Gebiet ohne den Einfluss des Menschen entwickelt.

NeFo:  Was macht dieses Gebiet so interessant für Sie?

Brombacher: Man bekommt eine sehr eindrückliche Vorstellung wie Naturlandschaften in Mitteleuropa aussehen müssten. Die Reaktorkatastrophe hat als Nebeneffekt eine Referenzfläche für eine natürliche Landschaft hinterlassen, aus der wir wichtige Erkenntnisse ziehen können, wie sich die Landschaft ohne jeglichen menschlichen Einfluss entwickelt und wie sich die Präsenz wichtiger Räuber wie Wolf und Luchs auf die Landschafts- und vor allem die Waldentwicklung auswirkt. Auch, ob sich an das Offenland gebundene Arten wie Wiedehopf oder Ziegenmelker in einem Lebensraum mit dynamischer Waldentwicklung halten können.

Durch den fehlenden Einfluss des Menschen verwildert die Landschaft und vor allem Tierarten, die natürliche Lebensräume als Rückzugsräume brauchen, wie Elch, Wolf, See- und Schelladler oder Schwarzstorch siedeln sich erfolgreich wieder an und werden mehr. All diese Erkenntnisse sind unter anderem auch für Deutschland relevant, etwa auf „geschundenen“ Landschaften wie ehemaligen Truppenübungsplätzen. In Tschernobyl können wir sehen, wie schnell oder wie langsam sich in einer solchen Landschaft wieder Wald entwickelt.

NeFo: Darf man das Gebiet einfach betreten?

Brombacher: Ganz so einfach ist es nicht. Der Zugang ist streng limitiert. Es sind Sondergenehmigungen nötig und auch die Wissenschaftler der Schutzgebietsverwaltung arbeiten in streng reglementierten Wochenschichten, um sie vor der Strahlenwirkung zu schützen. Auf der ukrainischen Seite ist der Zugang zur Sperrzone leichter, es gibt verschiedene Anbieter, die Touren in die Gegend anbieten. Dort sind sogar einige nach dem Unglück umgesiedelte Dorfbewohner wieder in Ihre Häuser zurückgekehrt und leben dort.

NeFo:  Und welche Vorkehrungen mussten Sie wg. der Strahlung treffen?

Brombacher: Die Kollegen der Reservatsverwaltung haben uns vor und nach der Exkursion mit dem Geigerzähler überprüft, vor allem Schuhe und Kleidung. Der Geigerzähler war eigentlich ständiger Begleiter. Besuche sind in der Regel stark reglementiert und so durfte auch ich das Gebiet nur einen knappen Tag besuchen. 

NeFo:  Gibt es systematische Forschung zur Entwicklung der Artenvielfalt rund um den verunglückten Reaktor auf populationsökologischer Ebene?

Brombacher: 1998 hat die Regierung von Weißrussland ein 220 000 Hektar großes Reservat mit dem etwas umständlichen Namen „Staatliches, radioaktiv belastetes Schutzgebiet Polesie“ eingerichtet. Als Polesie bezeichnet man die Einzugsbereiche des Flusses Prypjat im Grenzgebiet von Weißrussland, Russland und der Ukraine. Das „Schutzgebiet“ beschäftigt über 700 Mitarbeiter, die Mehrzahl davon sind klassische Ranger, die sich vor allem um den Schutz vor Waldbränden kümmern aber auch  klassische „Rangertätigkeiten“ ausüben, wie etwa die Unterbindung des unkontrollierten Zutritts zum Gebiet aber auch die Unterbindung von Wilderei.

Das Reservat verfügt jedoch auch über eine eigene wissenschaftliche Abteilung mit rund 50 Mitarbeitern. Die Wissenschaftler beschäftigen sich in einem Langzeitmonitoring mit den Folgen der Reaktorkatastrophe. Fragestellungen sind beispielsweise die Auswirkungen auf die Populationen der Säugetiere (u.a. Wolf, Elch, Rot- und Rehwild, Schwarzwild) im Gebiet, aber auch auf die Vogelwelt. Darüber hinaus wird die Landschaftsentwicklung beobachtet. Aktuelle Auswertungen der Monitoringdaten der Forscher vor Ort und der Universität Portsmouth zeigen einen Anstieg bei vielen Arten, die Bestände in der Sperrzone liegen teilweise über denen vergleichbarer Schutzgebiete in Weißrussland, vor allem die der Wölfe. Hier soll die Population sogar sieben Mal größer sein. Eine weitere gerade erschienene Studie amerikanischer und japanischer Forscher hat anhand von einem großen Netz an Kamerafallen im Sperrgebiet gezeigt, dass sich die Präsenz zahlreicher großer Säuger gut entwickelt hat. Über den Gesundheitszustand der Individuen sagt das allerdings nichts.

NeFo: Wie erklären Sie sich das?

Brombacher: In Weißrussland gibt es hier unterschiedliche Aussagen zur Anzahl der Wölfe im Polesie Schutzgebiet. Daher ist nicht geklärt, ob der Bestand wirklich höher ist als in vergleichbaren Schutzgebieten. Generell sind Zählungen in der Sperrzone leichter weil dort nicht gejagt wird und es auch sonst keine Störungen durch den Menschen gibt. Der Bestand ist jedoch hoch und das liegt mit Sicherheit daran, dass die Rudel auf einer großen Fläche ungestört leben können und auch ausreichend Nahrung vorfinden.

NeFo:  Welche Folgen der Strahlung auf die Tierwelt sind nachgewiesen worden?

Brombacher: Diese Frage ist natürlich eine der interessantesten, vor allem wie es mit der Belastung der Top-Prädatoren, etwa der Wölfe, aussieht. Genau damit beschäftigt sich derzeit ein weißrussisch-amerikanisches Forscherteam das mit großem Aufwand Gewebeproben von Wölfen in der Sperrzone entnimmt. Die Auswertungen dauern jedoch an und meines Wissens hat sich zuvor noch keine Forschergruppe mit dieser Fragestellung beschäftigt. Mit der negativen Auswirkung der Strahlung beschäftigt sich vor allem die Wissenschaftsabteilung des Polesie-Schutzgebietes in einem Forschungsschwerpunkt unter anderem mit der Mobilität von radioaktiven Nukliden im Boden aber auch der Akkumulation solcher in Organismen. Es wird jedoch in der Regel auf der Ebene einzelner Individuen (etwa bei einzelnen Fisch- oder Vogelarten) geforscht, nicht auf der Ebene von Populationen oder Artengemeinschaften und wie diese mit der Strahlenbelastung umgehen.

Schaut man sich die Entwicklung der Populationen etwa von Wolf aber auch Rot- oder Schwarzwild an, dann scheint hier die positive Entwicklung auf Populationsebene von eventuellen Schädigungen einzelner Individuen überlagert. Ob ein Gebiet stark oder weniger stark verstrahlt ist, scheint keine Auswirkung auf einen allgemein positiven Trend bei den beobachteten Arten zu haben. Das lassen zumindest die Auswertungen der seit Jahren erhobenen Daten (Winterzählungen und Zählungen aus der Luft) durch die Universität Portsmouth vermuten.

NeFo:  Welche Zukunftsaussichten bestehen für das Gebiet?

Brombacher: Alleine Weißrussland hat durch den Reaktorunfall 800.000 Hektar Ackerland verloren und 700.000 Hektar Waldfläche die nicht mehr genutzt werden kann. Große Teile des Landes sind auf Jahrhunderte belastet und nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar bzw. stellen eine dauernde Gefahr für die Menschen in Weißrussland dar. Neben den dramatischen Folgen für die Bevölkerung des Landes durch die Wirkung der radioaktiven Strahlen ist der Verlust dieser Fläche für Weißrussland ein großer und vor allem langfristiger wirtschaftlicher Schaden. Die ehemals landwirtschaftlichen Flächen in der 30 Kilometer breiten Sperrzone um den Reaktor werden auf Jahrhunderte nicht mehr genutzt werden können und die Regierung von Weißrussland hat auch keine Pläne in diese Richtung. Für derzeit nicht nutzbare Flächen außerhalb der Sperrzone werden Pflanzversuche durchgeführt um zu prüfen, welche Pflanzungen künftig angebaut werden können. Auch gibt es Planungen auf diesen Flächen zumindest wieder Forstwirtschaft zu betreiben.

Das Interview führte Sebastian Tilch