InterviewRegionaler IPBES-Bericht zu Europa/Zentralasien

„Wir brauchen derzeit unser Naturkapital auf, dabei sollten wir von den Zinsen leben“
Im NeFo-Interview: 
Berichtsleiter Prof. Markus Fischer und weitere AutorInnen

Das regionale Assessment zu Europa und Zentralasien zeigt: Die biologische Vielfalt dieser Region, sei es im Meer, Binnengewässern oder an Land, geht flächendeckend zurück. Maßnahmen, die zu Verbesserungen geführt haben, wiegen den Verlust nicht auf. Der größte Treiber ist eine nicht-nachhaltige Landnutzung, eine wichtige Möglichkeit zur Verbesserung der Situation eine Bewertung des gesellschaftlichen Wohlstands über das Bruttoinlandprodukt hinaus unter Einbeziehung der Werte der Natur für den Menschen. Als Autoren beteiligt waren auch einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland und der Schweiz. Die Hauptverantwortung hatte u.a. Prof. Markus Fischer von der Universität Bern. Er und vier weitere Expertinnen und Experten erzählen im NeFo-Interview, was die Politik nun daraus ableiten kann.

 


Prof. Markus Fischer (Universität Bern): Berichtsleiter (Co-Chair) des regionalen Berichts zu Europa/Zentralasien


 

Prof. Irene Ring (Technische Universität Dresden): Koordinierende Leitautorin (CLA) im regionalen Bericht zu Europa/Zentralasien in Kapitel 6 (Optionen für Regierungsführung, Institutionen und Entscheidungsfindung)

 

Dr. Jennifer Hauck (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung- UFZ/CoKnow Consulting): Koordinierende Leitautorin (CLA) im regionalen Bericht zu Europa/Zentralasien in Kapitel 5 zur Analyse möglicher langfristiger Wechselwirkungen zwischen Natur und Gesellschaft

Dr. Matthias Schröter (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung- UFZ): Leitautor (LA) im regionalen Bericht zu Europa/Zentralasien in Kapitel 2  zu Status und Trends von  Ökosystemleistungen

 

Prof. Christine Fürst (Universität Halle): Leitautorin (LA) im regionalen Bericht zu Europa/Zentralasien in Kapitel 6 (Optionen für Regierungsführung, Institutionen und Entscheidungsfindung)

 

NeFo: Herr Fischer, welches Ergebnis des IPBES-Berichtes zu Europa und Zentralasien betrachten Sie als das wichtigste bzw. als wichtigste Botschaft an die Politikschaffenden in der Region?

Fischer: Ganz einfach: Wenn man nicht zeitnah Handlungsmöglichkeiten ergreift, erreichen wir die UN-Entwicklungsziele (SDGs) nicht, und die haben wir uns nicht ohne Grund vorgenommen. Verkürzt gesagt brauchen wir derzeit das Naturkapital auf, dabei sollten wir von dessen Zinsen leben. Die SDGs sehen ja vor, die Werte der Natur zum Wohle der Menschen stärker zu nutzen. Aber die Fähigkeit dieser Natur, die Ökosystemleistungen zu erbringen, geht immer stärker zurück. Wir haben die Natur in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker dazu getrieben, ein Maximum an einer Leistung, der Produktion zu erreichen, zu Lasten der anderen Leistungen. Das müssen wir rückgängig machen.

NeFo: An welche Handlungsmöglichkeiten denken Sie?

Fischer: Erstens muss der Wert der Biodiversität und das Ziel der Erhaltung und nachhaltigen Nutzung in allen Politikbereichen verankert werden. Das nennen wir Mainstreaming. Es muss ein breites Bewusstsein für das Problem des Biodiversitätsschwundes erreicht werden und dafür, dass deren Erhaltung nicht einfach Einschränkungen bedeutet, sondern sich dadurch Möglichkeiten ergeben.
Ein Beispiel: In einer artenreicheren Agrarlandschaft braucht man etwa nicht mehr so viele Pestizide, da Schädlinge hier Gegenspieler haben. Das spart Geld. Außerdem kann diese Landschaft wesentlich besser weitere Leistungen zur Verfügung stellen als intensiv bewirtschaftete Flächen, die bei entsprechender Bewertung weitere Einkommen generieren können und die Abhängigkeit von einer Ertragsmaximierung senkt.

Zweitens müsste ein neues Bilanzierungssystem für Prosperität her, denn das bisherige Bruttoinlandsprodukt bildet die Naturwerte nicht ab.

Drittens sollten Entscheidungsträger integrativer denken, nicht nur in ihrem eigenen Entscheidungsbereich, sondern Synergien ermöglichen, indem mehrere Sektoren gemeinsam planen, sei es in der Stadtentwicklung, Raumplanung etc. Hier sollten auch verschiedene Player gemeinsam arbeiten, etwa im Rahmen einer Public-Private-Partnership.

Und viertens müssen wir alle einen Wandel im Verhalten anstreben, von der Staatsregierung runter bis zur Lokalebene, aber auch Unternehmen, Medien, Verbraucher, alle eben. Die Summe bringt dann den Effekt.

NeFo: Wozu brauchen wir eigentlich eine vielfältige Natur?

Ring: Eine vielfältige Natur hat zuerst einmal einen Eigenwert, einen Wert für sich. Gleichzeitig ist eine vielfältige Natur Grundlage für unser Leben und unsere Gesundheit, für eine gute Lebensqualität und nicht zuletzt unsere Wirtschaft. Eine vielfältige Natur ist Voraussetzung für das Funktionieren unserer Ökosysteme, und die nachhaltige und langfristige Bereitstellung der vielfältigen Leistungen, die die Natur für unser Wohlergehen erbringt.

Dazu gehören z.B. die Nahrungsversorgung, Klimaregulation, Hochwasserregulation oder die Möglichkeit, uns in der Natur zu erholen. Obwohl wir insbesondere in Europa aufgrund einer erfolgreichen Naturschutzpolitik in einigen Bereichen Erfolge aufweisen können, nimmt die Vielfalt der Natur insgesamt und z. T. dramatisch weiter ab und gefährdet die langfristige Bereitstellung von Ökosystemleistungen für uns Menschen.

NeFo: Es wird weitläufig argumentiert, Biodiversität zu erhalten oder zu erhöhen hieße Ökosystemleistungen und die Vorteile für den Menschen zu erhalten oder zu erhöhen. Ist diese Korrelation von Biodiversität und Lebensqualität für die Menschen wirklich erwiesen?

Schröter: Es gibt mittlerweile zahlreiche Feldstudien und Experimente, die einen positiven Zusammenhang von Biodiversität und der Bereitstellung von Ökosystemleistungen aufzeigen. Dieser Zusammenhang konnte insbesondere für Holzproduktion, Produktivität von Grünland, also für Futter, und die Fischerei gezeigt werden. Bestäubung, Kohlenstoffspeicherung und mikrobiologischer Abbau von Schadstoffen sind sogenannte Regulationsleistungen, die stark von Biodiversität abhängen.
Für einige andere Leistungen ist der Zusammenhang noch nicht eindeutig geklärt und es gibt hohen Forschungsbedarf.
Wir zeigen allerdings auch auf, dass Menschen bestimmte Arten wertschätzen, unabhängig davon, ob sie sie direkt nutzen. In Europa und Zentralasien sind das beispielsweise große, ikonische Säugetierarten, wie der Wolf, der Braunbär, der Elch oder der Buckelwal.

NeFo: Der Bericht stellt große Wissens- und Datenlücken etwa zu Status und Trends der Natur in der Untersuchungsregion fest, besonders bzgl. der Bestände von Wirbellosen, Meeres- und Süßwasserarten. Zu den meisten marinen Habitaten in Europa und Zentralasien mangelt es an Daten, eine systematische Erfassung des Erhaltungsstatus‘ von Lebensräumen wird nur im Raum der Europäischen Union durchgeführt.  Dennoch spricht man vom generellen Rückgang der Biologischen Vielfalt. Wieso ist man sich da so sicher?

Fischer: Es gibt Tausende von Studien, die alle in die gleiche Richtung zeigen. Die decken tatsächlich nicht alle Bereiche ab, aber es gibt keine Hinweise, die darauf hindeuten, dass sich dort etwas anderes abspielt. Das Bild ist absolut überzeugend. Natürlich brauchen wir noch mehr Daten, das ist jedoch kein Grund zu sagen, wir wüssten nicht genug um schon zu handeln.

NeFo: Wozu brauchen wir denn dann noch mehr Daten?

Fischer: Je mehr man weiß, desto mehr und effektivere Handlungsmöglichkeiten hat man. Wir haben uns in der Vergangenheit auch zu stark auf reine Biodiversitätsdaten konzentriert und außer Acht gelassen, dass Entscheidungsträger wesentlich mehr Informationen zu den Ursachen der Bedrohungen, dem Gesellschaftlichen Wert der Biodiversität und ihrem Verlust und vor allem Handlungsmöglichkeiten benötigen.

NeFo: Welche Ergebnisse Ihres Kapitels zu Status und Trends von kulturellen Ökosystemleistungen sind denn aus Ihrer Sicht die relevantesten für die Politik?

Schröter: Das ist schwer zu sagen. Wir zeigen zum ersten Mal für Europa und Zentralasien die gesamte Fülle an Leistungen der Natur für den Menschen auf. Es gibt einen starken Rückgang der Regulationsleistungen, wie zum Beispiel Bodenschutz, und Bereitstellung von sauberem Trinkwasser. Es kann hohe Kosten für die Gesellschaft zur Folge haben, wenn wir weitere Leistung verlieren, oder technisch ersetzen müssen. Wir zeigen aber auch die gesamte Bandbreite an Werten auf, die Menschen der Natur gegenüber haben.

Das sind eben nicht nur Geldwerte, obwohl die oft allein bereits hoch sind und gute Argumente für besseren Biodiversitätsschutz liefern. Es geht auch um Aspekte, die sich nicht direkt in Geld ausdrücken lassen, z.B. Gesundheitseffekte von intakter Natur, oder gerechter Zugang zu Ökosystemen und ihren Leistungen, beispielsweise zur Erholung.

Eines der Kapitel, an dem ich mitgearbeitet habe, zeigt auf, in welchem Maße Europa und Zentralasien Ökosystemleistungen importiert, vor allem Nahrungsmittel und Holz. Diese stammen oft aus Übersee, nehmen dort Land in Anspruch und der Anbau verursacht hohe Kosten. Der Verlust von Regenwald für den Sojaanbau ist ein klassisches Beispiel. Dieses Soja wird hier verfüttert, während anderswo Biodiversität verloren geht. Das wirft natürlich politisch relevante Gerechtigkeitsfragen auf.

NeFo: „Die Intensivierung der konventionellen Land- und Forstwirtschaft hat die Biodiversität und ihre Leistungen für das Wohlergehen der Menschen reduziert“. So lautet der erste Satz im Kapitel zu den direkten und indirekten Ursachen bzw. Triebkräften. Dadurch gingen wertvolle Lebensräume verloren bzw. deren Qualität würde gemindert. Daneben werden immer auch weitere direkte Triebkräfte wie Klimawandel Invasive Arten, Verschmutzung und Jagd bzw. Entnahme von Arten genannt. Dabei bleibt unklar, ob man die Reihenfolge als quantitative Reihenfolge lesen, also die Land- und Forstwirtschaft als Hauptursache des Biodiversitätsverlustes benennen kann. Das wäre aber wichtig, um politische Schwerpunkte setzen zu können. Ist das denn nicht möglich?

Fischer: Wir haben die Landnutzung als wichtigsten Treiber identifiziert, darin besteht Evidenz. Der Klimawandel ist auch wichtig und laut einiger Szenarien und Modelle wird er künftig eine noch wichtigere Rolle spielen und womöglich sogar die Landnutzung als Gefährdungsfaktor für die biologische Vielfalt ablösen. Das Paradoxon ist ja, dass wir zwar gerade trotz diesem Biodiversitätsverlust keine Nachteile spüren, weshalb kaum jemand ein Problembewusstsein hat. Wir leben eben vom Naturkapital. Aber das ist endlich und es kommt der Punkt, wo das System kippt. Das ist an vielen Stellen in der Welt ja schon zu beobachten.

Fürst: Ja, die Art und Intensität der Landnutzung sind wesentliche Faktoren im Hinblick auf alle Aspekte der Biodiversität. Nur müssen sie nicht immer negativ wirken. Tier- und Pflanzenarten, die Offenland oder eine hohe Störungsdynamik benötigen, würden sonst nur relativ wenig Lebensraum finden. Eher kommt es darauf an, unterschiedliche Nutzungen und Nutzungsintensitäten in eine optimale räumliche Struktur zu integrieren. Die Frage besteht für mich eigentlich darin, was wir als Maßstab für Biodiversität ansetzen: die Artenzusammensetzung und -entwicklung ohne jegliches menschliches Einwirken oder eine Vielfalt, die sich aus einem Gleichgewicht zwischen notwendiger Landnutzung und Schutz von Lebensräumen und Ressourcen ergibt. Letzteres würde ich als zukunftsweisender betrachten.

Auch hier ein Beispiel - Wacholderheiden, Orchideenstandorte in Niederwäldern oder Lebensräume für Feldbrüter sind zumindest im westlichen Europa eher ein Ergebnis historischer Landnutzungen und werden dennoch als sehr wertvoll eingestuft. Arten wie Auerhahn oder Ziegenmelker benötigen beispielsweise aufgelichtete Wälder und Saumbereiche, die in unbewirtschafteten Wäldern nicht überall vorkommen würden - ihr Vorkommen ist daher ebenfalls mit bestimmten Formen der Nutzung verbunden. Selbst Wasserflächen aus ehemaligen Tagebauten bieten heute neue und willkommene Brutgebiete und Zwischenstationen für Zugvögel. Insofern ist es nicht sinnvoll, Landnutzung als solches zu verteufeln, sondern eher zu fragen, wie man sie weitergestalten möchte, um Daseinsvorsorge und Erhalt grundlegender Strukturen und Prozesse gleichermaßen zu gewährleisten.

NeFo: Der Bericht besagt auch, die Bedeutung des Klimawandels als Ursache des Biodiversitätsverlustes könnte in Zukunft die Landwirtschaft überholen. Wie lassen sich die beiden Faktoren direkt vergleichen?

Fürst: Klimawandel verändert natürlich das Bestehen und die Eignung von Habitaten für viele Arten, dennoch kann ich aus eigener Forschung nur ableiten, dass bislang der Einfluss der Landnutzung bei weitem überwiegt. Nehmen wir als Beispiel Waldökosysteme -  traditionelle "Brotbaumarten" wie Fichte und Kiefer - oder in manchen Bereichen Plantagenarten wie Eukalyptus oder Neophyten wie die Douglasie -  würden flächig eine weitaus geringere Rolle spielen, wenn sie nicht aktiv angebaut worden wären.

Der Klimawandel beeinflusst hier eher die Entscheidung, in welcher Mischung und Struktur solche Baumarten weitergeführt werden, jedoch nicht zwingend die grundsätzliche Entscheidung, mit solchen Baumarten zu arbeiten. Betrachten Sie die Verteilung der Landnutzung - Offenland, wie es aus ackerbaulicher Kultur herrührt, würde es in vielen Bereichen Europas so gar nicht geben, da große Teile Europas eigentlich "Waldland" sind. Insofern - als die Landnutzung ja auch eine wesentliche Daseinsvorsorge übernimmt, wird ihr Einfluss auf die Artenvielfalt und deren Naturnähe, auf strukturelle und genetische Vielfalt immer überwiegen.

NeFo: Die westeuropäische Landschaft ist ja schon lange nicht mehr naturnah. Deutschland wurde flurbereinigt, über 50 Prozent sind Agrarland. Die Land- und Pachtpreise sind inzwischen horrend, weshalb der Trend gen Osten geht. Die Staaten Osteuropas und Zentralasiens laden Investoren aus dem Westen ein, die großen weiten Flächen zu bewirtschaften, die bisher oft nur extensiv genutzt worden waren oder nie, wie etwa Moorflächen. Welchen Verlust erleben wir dort derzeit im Vergleich zu unseren Breiten?

Christine Fürst: Ich möchte dem entgegenhalten, dass wir durch vielfältige Kulturlandschaften in West- und Osteuropa erst vielfältige Lebensräume geschaffen haben, die so ursprünglich nicht existiert haben. Eher geht es nun darum, den Schutz und die sinnvolle Entwicklung solcher Kulturlandschaften sicherzustellen. Industrielle Landwirtschaft ist in den östlichen europäischen Ländern und den zentralasiatischen Staaten schon lange vertreten, daher könnte ich mir eher vorstellen, dass durch Ansätze z.B. in der Zertifizierung, in Förderpolitiken und in gemeinsame Abkommen zum Schutz von Biodiversität und Ökosystemleistungen positive Effekte erreicht werden können. Natürlich ist es wichtig, verantwortungsloses "Land grabbing" zu verhindern, hier sehe ich aber eher Handlungsnotwendigkeiten im Globalen Süden.

NeFo: Der Bericht stellt auch fest, dass unser ökologischer Fußabdruck in Westeuropa ziemlich hoch ist. Wir nutzen mehr als die doppelte Menge nachwachsender natürlicher Ressourcen als unsere Region an Fläche pro Einwohner zur Verfügung stellen kann (Ressourcen von 5,1 Hektar pro Kopf bei einer Kapazität von 2,2 Hektar). Warum sollte uns beunruhigen, dass wir vermehrt Lebensmittel importieren, vor allem aus Brasilien, Argentinien, China und den USA?

Schröter: Es geht um Nachhaltigkeit: Leben wir auf lange Sicht innerhalb ökologischer Grenzen, oder geht das auf Kosten anderer Regionen? Geht z.B. in den Regionen, aus denen Soja kommt, Regenwald verloren? Wenn natürliche Ressourcen aus anderen Regionen kommen, haben wir weit weniger Wissen darüber und weniger Einfluss darauf, wie sie produziert werden. Das kann zu Lasten von Biodiversität gehen, wenngleich die Produktion in anderen Weltregionen oft günstiger ist.

Dann stellt sich auch die Frage: Ist dieser Handel fair und wollen wir ihn fair gestalten? Nicht zuletzt geht es um Verteilung von globalem Wohlstand und um Machtfragen. Wir wissen auch, dass Europa und Zentralasien mehr CO2 ausstößt als hier durch Ökosysteme wieder aufgenommen wird. Sollen andere Regionen dann Wälder schützen, damit wir unseren hohen Lebensstandard halten oder das Klima erwärmen können? Wie viel steht uns in Europa und Zentralasien eigentlich zu?

NeFo: Das Leben in den modernen Industriestaaten hat sich ja weitestgehend von der Natur abgenabelt. Dass ein Zusammenhang zwischen unserem Wohlergehen und der Natur bestünde, ist den wenigsten bewusst. Entsprechend wenig Interesse wird dem Schwund der biologischen Vielfalt entgegen gebracht. Wenn wir nun so weiter machen wie bisher, welche negativen (sozialen) Konsequenzen für die Lebensqualität hier in unserer Region sind auf absehbare Zeit zu erwarten? Was macht es schon, dass die Biodiversität schwindet?

Ring: Für Deutschland würde ich erst einmal widersprechen wollen, dass dem Schwund der biologischen Vielfalt wenig Interesse entgegengebracht wird. Die regelmäßigen Naturbewusstseinsstudien des Bundesamtes für Naturschutz zeigen im langjährigen Trend, dass mehr als 50% der Deutschen eine positive Einstellung gegenüber der Biodiversität und ihrer Erhaltung äußern und zudem davon ausgehen, dass die biologische Vielfalt auf der Erde abnimmt.

Gleichzeitig zeigt der regionale Bericht für Europa und Zentralasien, dass es seit den 1960er Jahren deutliche negative Trends gibt. Der anhaltende Biodiversitätsverlust hat die Abnahme von zahlreichen Ökosystemleistungen beeinflusst, darunter vor allem Regulationsleistungen sowie immaterielle Leistungen wie Erfahrungswissen und Lernen verbunden mit indigenem und lokalem Wissen.

Dabei sind die Menschen unterschiedlicher sozialer Gruppen in den verschiedenen Regionen Europas und Zentralasiens unterschiedlich abhängig von den Leistungen der Natur und damit ungleich betroffen. Beispielsweise haben 15% der Bevölkerung in Zentralasien keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, aber nur 1% in Westeuropa. Stadtbewohner im Süden der EU haben weniger Zugang zu städtischen Grünflächen als in Nord-, West- und Mitteleuropa.

NeFo: Der Bericht stellt ja dar, von welchen Leistungen der Natur die Gesellschaft wie profitiert und wie sich diese Leistungen durch den Rückgang der Biodiversität verändern. Die konkreten sozialen Folgen werden darin allerdings nicht genannt, was allerdings für die Identifizierung der Öffentlichkeit mit den Informationen notwendig wäre. Etwa, ob die genannte Ungleichverteilung der Zugänglichkeit zu den Leistungen in der Region etwa zu politischer Instabilität innerhalb der EU-Staaten führt, oder ob unser Fleisch- oder auch Palmölkonsum in den Produktionsländern zu Instabilität und dann zu Fluchtwellen führt, die in Europa enden. Gibt es diese Untersuchungen nicht? 

Schröter: Die langfristigen gesellschaftlichen Folgen, etwa von ungleichem Zugang zu Ökosystemleistungen oder von Importen aus anderen Weltregionen, sind noch nicht hinreichend erforscht. Wir versuchen gerade zu verstehen, in welchem Umfang das stattfindet, und welche unmittelbaren Auswirkungen das hat. Wir wissen aber, dass es zum Beispiel in großem Ausmaß Landkäufe ausländischer Investoren vor allem in Afrika gibt. Das kann dazu führen, dass Nahrungssicherheit in diesen Ländern nicht mehr gewährleistet werden kann, bzw. dass dort Mitspracherecht verloren geht.

NeFo: Die Autoren stellen heraus, dass ein auf ökonomisches Wachstum ausgerichtetes Wertesystem den Abwärtstrend der Biodiversität aufrechterhalten wird. Abhilfe könnte ein neues Bewertungssystem nationalen Wohlstandes über ökonomische Indikatoren wie das Bruttoinlandsprodukt hinaus schaffen, das die Werte und Leistungen der Natur würdigt und das gute Leben möglichst aller Menschen als Ziel hat. Wie könnte ein solches Bewertungssystem konkret aussehen und gibt es bereits Vorbilder, die einen solchen Paradigmenwechsel erfolgreich vollzogen haben?

Ring: Gesamtwirtschaftlich gesehen geht es hier einerseits um die Weiterentwicklung von alternativen und ergänzenden Indikatoren zur Wohlstandsmessung unter Einbeziehung ökologischer und sozialer Aspekte: Lebensqualität, nachhaltige Entwicklung, Soziales und Umwelt sollten eine größere Rolle bei der Wohlstandsmessung spielen. Konkrete Schritte sind hier schon gemacht, die mit Engagement weiterzuverfolgen sind, wie z.B. die Einbeziehung von Ökosystemleistungen in die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung oder die Erfassung von Lebensqualität und -zufriedenheit über Umfragen.

Andererseits geht es um die Weiterentwicklung des Konzepts der Ökologischen Finanzreform, was traditionell eine Verschiebung der Besteuerung vom Faktor Arbeit hin zu umweltbelastenden Aktivitäten beinhaltet. Besonders relevant für den Biodiversitätsschutz sind jüngere Reformansätze wie die Ökologisierung des Finanzausgleichs. Hier geht es um die Rückverteilung von Steuereinnahmen unter Berücksichtigung ökologischer Indikatoren wie beispielsweise von Naturschutzgebieten. In Europa ist hier Portugal Vorreiter, denn hier werden Natura 2000-Gebiete und weitere nationale Schutzgebiete bereits seit 2007 im Finanzausgleich berücksichtigt. Davon profitiert insbesondere der kommunale Haushalt von Gemeinden in ländlichen Räumen mit hohem Schutzgebietsanteil.

NeFo: IPBES hat sechs verschiedene Zukunftsszenarien aufgestellt und die Entwicklung der Treiber des Biodiversitätsverlustes sowie der verschiedenen Leistungen der Ökosysteme für den Menschen davon abgeleitet: Das „Weiter-wie-bisher“, den „Ökonomischen Optimismus“, den „Regionalen Wettkampf“, die „Regionale Nachhaltigkeit“, die Globale Nachhaltigkeit“ und die „Ungleichheit“. Wie kamen diese Szenarien zustande und wozu sind sie gut?

Hauck: Wir haben uns mit den anderen regionalen Assessment darauf geeinigt, dass wie die Archetypen nutzen die vom IPBES Deliverable 3c zu Szenarien und Modellen vorgeschlagen wurden und diese dann auf Europa und Zentralasien angepasst. Die Archetypen helfen die vielen Studien, die es gibt, zu integrieren und zu zeigen, welche Zukünfte wir als Gesellschaft beschreiten könnten.

NeFo: Frau Ring, Sie haben sich in Ihrem Kapitel ja mit den Politikoptionen befasst. Was könnte die globale Politik tun, um eine Gesellschaft herzustellen, die den UN-Nachhaltigkeitszielen entspricht? Welche Politikinstrumente stehen zur Verfügung, die nachhaltig unseren Umgang mit der Natur ändern könnten?

Ring: Es gibt eine Vielzahl von Optionen und Politikinstrumenten, unseren Umgang mit der Natur nachhaltiger zu gestalten. In unserem Team haben wir für unterschiedlichste Akteure auf verschiedenen Entscheidungsebenen von der lokalen bis zur internationalen Ebene, und für verschiedene Politik- und Wirtschaftssektoren einige hundert Politik- und Handlungsoptionen vorgestellt und hinsichtlich ihrer Umsetzung eingeschätzt. Politikinstrumente reichen von rechtlichen über ökonomische hin zu informationsbezogenen Instrumenten sowie Instrumenten, die die Rechte und Normen indigener Völker und lokalen Gemeinschaften stärken. Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, etwas für den Schutz der biologischen Vielfalt und die Erhaltung der Leistungen der Natur etwas zu tun.

NeFo: Laut der Tabelle auf Seite 33 der Politikzusammenfassung hat West- und Zentraleuropa, also vermutlich die EU, bereits schädliche Agrarsubventionen abgeschafft, allerdings müsse hier noch mehr passieren. Ist denn eigentlich schon klar, um welche Subventionen es sich da handelt?

Ring: Umweltschädliche Subventionen sind in Europa und Zentralasien in einigen Bereichen ein Problem und abzubauen. Das betrifft nicht nur den Agrarbereich, sondern auch die Fischerei, den Energiesektor und die Rohstoffgewinnung. In der EU befindet man sich seit Jahrzehnten in einem Reformprozess der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), in dem man schon einiges erreicht hat, wo aber auch noch viel zu tun ist. Dies beinhaltet z.B. eine klarere und kohärentere Definition von Zielen der GAP, die gleichzeitige Berücksichtigung mehrerer Ökosystemleistungen sowie eine ausgeglichenere und transparentere finanzielle Unterstützung der Produktion landwirtschaftlicher Produkte und der Bereitstellung öffentlicher Güter.

Einige Instrumente der EU Agrarpolitik sind leider weniger geeignet, bzw. in einer Art und Weise gerade in mitteleuropäischen Mitgliedstaaten wie z.B. Ungarn umgesetzt, sodass Kleinbetriebe nicht antragsberechtigt und in ihrer Existenz bedroht sind. So gehen traditionelles ökologisches Wissen und lokale Praktiken gerade in Gebieten mit ökologisch wertvollen Flächen verloren. Insgesamt sollte der Blick aber auf alle Arten von umweltschädlichen Subventionen und ihre Abschaffung in Europa und Zentralasien gerichtet werden.

NeFo: Welches Szenario maximiert das dauerhafte menschliche Wohlergehen weltweit?

Hauck: Hier gibt es zwei Szenarien „Regional sustainability“ und „Global sustainable development“. Beide maximieren das dauerhafte menschliche Wohlergehen.

NeFo: Wie sähe eine solche Gesellschaft aus?

Hauck: Tatsächlich unterscheiden sich die beiden Szenarien darin wie die Gesellschaft aussehen würde. „Global sustainable development“ hat, wie der Name schon sagt einen globalen Fokus, und Entscheidungen werden auf höheren politischen Ebenen getroffen. In „Regional sustainability“ werden Entscheidungen so lokal und regional wie möglich getroffen, mit starkem Fokus auf Partizipation.

NeFo: Welche politischen Weichenstellungen würden in Deutschland den größtmöglichen Effekt zur Erhaltung oder Wiederherstellung der biologischen Vielfalt erzeugen?

Fürst: Im Assessment sind wir nicht eigentlich auf nationale Handlungsoptionen eingegangen, da es ja ein regionales Assessment (Europe-Central-Asia) war und der Fokus mehr auf Instrumenten lag, die den Schutz der Biodiversität und die Wahrung von Ökosystemleistungen im übergeordneten Kontext gewährleisten. Daher kann ich hier eher aus Sicht der Planung antworten.

Sicherlich wäre es sinnvoll, Planungsinstrumente dahingehend zu schärfen, dass diese einen effektiven Freiraumschutz gewährleisten und die Ziele zur Reduktion der Versiegelung von Flächen helfen umzusetzen. Weiterhin wäre es sinnvoll, die Förderungspolitiken im Bereich der Landwirtschaft und Förderung der ländlichen Räume im Hinblick auf gezieltere und räumlich spezifische Anreize zur Herstellung einer vielfältigen und gut vernetzten Landschafts- und Lebensraumstruktur weiterzuentwickeln.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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