InterviewNeuer Leiter des Thünen-Instituts für Biodiversität

"Biodiversität zu erhalten, muss die Antwort auf die verschiedenen Ziele der verschiedenen Politikfelder sein"
Im NeFo-Interview: 
Prof. Jens Dauber, Thünen-Institut für Biodiversität

Seit Herbst letzten Jahres hat das Thünen-Institut für Biodiversität einen neuen Leiter: den Agrarökologen Prof. Jens Dauber. Das Institut ist eines von 14 Fachinstituten im Rahmen des Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig, eine selbstständige Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Als Ressortforschungsinstitut hat es die Aufgabe, wissenschaftliche Entscheidungshilfen für die Politik zu erarbeiten. Im Rahmen dieser Aufgaben ist das Thünen-Institut wissenschaftlich selbstständig.

Das Thünen-Institut für Biodiversität erarbeitet Konzepte, die den Schutz und die Nutzung der biologischen Vielfalt in Agrarökosystemen ermöglichen sollen. Untersucht wird, welche Organismen in Agrarökosystemen und in Agrarlandschaften vorkommen, welche funktionelle Rolle sie spielen und wie sie auf die Art und Intensität der Landnutzung und andere Einflussfaktoren reagieren (Aufgabenbeschreibung des Instituts). Prof. Jens Dauber ist Leiter des Arbeitsbereichs „Landschaftsbezogene Agrobiodiversität“. Seine künftigen Ziele als Institutsleiter und seine Vorstellung, wie die Konflikte von Landnutzung und Biodiversitätsschutz sowie die Zielkonflikte in den verschiedenen Politikresorts gelöst werden könnten, stellt er im NeFo-Interview dar.


 

NeFo: Herr Dauber, wir gratulieren zur Leitung des Thünen-Instituts für Biodiversität. Für jene, die es noch nicht kennen: Beschreiben Sie doch bitte mal, was Ihr Institut macht.

Dauber: Die originäre Aufgabe des Thünen-Institutes als dem Bundeslandwirtschaftsministerium unterstellt Einrichtung ist es ja, Forschung zur Unterstützung der Politik im Bereich Agrarwirtschaft zu leisten. Unser Institut für Biodiversität hat seine Kernkompetenzen im naturwissenschaftlich-ökologischen Bereich. Dabei konzentrieren wir uns auf zwei Hauptaufgabenfelder: Biodiversität in offenen Agrarlandschaft (oberirdisch), Biodiversität landwirtschaftlich genutzter Böden (unterirdisch).

In beiden Aufgabenfeldern arbeiten wir an der Generierung neuer Daten, neuen Wissens durch Labor- und Feldarbeit. Zudem bauen wir weitere methodische Bereiche auf, nämlich zum einen Landschaftsökologische Modellierung und zum anderen langfristiges Biodiversitäts-Monitoring in der Agrarlandschaft. Derzeit verfügt das Institut über sieben Planstellenwissenschaftler. Eine dieser Stellen wird demnächst mit der Ausrichtung Modellierung nachbesetzt, für das Monitoring wird allerdings noch weiteres Personal benötigt.

NeFo: Welche Fragen wollen Sie in den kommenden zehn Jahren vorrangig mit Ihrem Haus beantworten?

Dauber: Grundsätzlich bearbeiten wir sowohl aktuelle als auch strategische Fragestellungen. Unsere längerfristigen Leitfragen lauten:

  • Wie lassen sich Zustand und Veränderung der biologischen Vielfalt auf nationaler Ebene möglichst zutreffend messen und bewerten?
  • Wie wirken sich verschiedene Bewirtschaftungs- und Landnutzungsoptionen auf biologische Vielfalt und Ökosystemdienstleistungen aus?
  • Welche Empfehlungen zur Weiterentwicklung von Landwirtschaft und Landnutzung können aus agrarökologischer Sicht und in der interdisziplinären Gesamtschau gegeben werden?
  • Welche Empfehlungen folgen daraus für die Weiterentwicklung der Agrar- und Umweltpolitik?

Derzeit besteht vor allem ein großer Bedarf an Analysen zu den Auswirkungen der Gemeinsamen Agrarpolitik auf die Biodiversität und zu deren Förderung (Greening, Fördermaßnahmen der zweiten Säule, insbesondere Agrarumwelt und Klimamaßnahmen). Daneben gibt es aber auch andere Politikbereiche, deren Wirkungen auf die biologische Vielfalt zu untersuchen sind und die in der längerfristigen Perspektive an Bedeutung gewinnen können. Das betrifft z.B. Politikmaßnahmen zur Förderung des Ökologischen Landbaues, der Bioenergie, der Eiweißstrategie sowie Strategien zur Förderung von Insekten, insbesondere Bestäubern in Agrarlandschaften.

NeFo: Wie frei ist das Thünen-Institut als nachgeordnete Behörde bei der Gestaltung der Themen und Schwerpunkte?

Dauber: Wir sind zwar eine nachgeordnete Behörde des Bundeslandwirtschaftsministeriums, das ist richtig, aber gleichzeitig auch ein unabhängiges Forschungsinstitut. Wir sprechen unser Forschungsprogramm natürlich mit dem Ministerium ab und stehen im Austausch. Wir werden aber nicht vom Ministerium hinsichtlich unserer wissenschaftlichen Fragestellungen beschnitten. Viele unserer Arbeiten fallen in den Bereich „Vorlaufforschung“, d.h. wir müssen Fragen stellen und beantworten, die in zehn Jahren erst politisch relevant werden könnten. Dazu kommen aber natürlich auch tagesaktuelle Fragen wie jetzt aktuell zum Biodiversitätsmonitoring in der Agrarlandschaft, die an uns heran getragen werden.

NeFo: Das Biodiversitätsmonitoring ist ja über die Debatte um das Insektensterben auf die politische Agenda gekommen und hat es sogar bis in den Koalitionsvertrag geschafft. Sind also aktuelle politische Debatten hilfreich für Ihre thematische Aufstellung?

Dauber: Der generelle Kurs wird durch aktuelle Debatten nicht beeinflusst. Allerdings können sich dadurch politische Fenster öffnen. D.h. es werden politische Richtungen eingeschlagen, aus denen dann konkrete Aufträge an die Forschung kommen oder auch Gelder zur Verfügung gestellt werden. In diesem Zuge sind wir gefordert, die aktuellen Themen aufzugreifen und zu bearbeiten. Generell ist es als positiv zu bewerten, wenn unserer Forschung durch aktuelle Debatten der Rücken gestärkt wird. Derzeit arbeiten wir zum Beispiel konkret an der Frage, wie ein solches Biodiversitätsmonitoring aussehen sollte.

Bisherige Monitoring-Programme erfassen zwar den Status und die Trends von Artengruppen und Populationen, nicht aber die Ursachen für die Entwicklungen. Die Gefahr besteht gerade, dass dieser Ansatz einfach erweitert wird und wir in zehn Jahren von mehr Artengruppen gesichert sagen können, dass sie zurückgehen, und doch noch immer nicht die Gründe dafür belegen können, also bspw. welchen Anteil daran landwirtschaftliche Praktiken haben. Hier sehen wir uns mit dem Thünen Institut in der Pflicht, entsprechend mitzugestalten, um möglichst wertvolle Politikberatung leisten zu können.

NeFo: Wie sähe Ihr Idealmonitoring aus?

Dauber: Wir versuchen ein modular geprägtes System aufzubauen, bei der wir von der nationalen Skala runter gehen bis auf regionale Skalen und gezieltere Verknüpfungen schaffen zwischen dem derzeitigen trendorientierten Monitoring und einem frageorientierten Monitoring. Das Problem ist ja, dass wir eigentlich über einen langen Zeitraum Daten generieren müssen, sich die Kulturlandschaft aber sehr schnell wandelt. Um hier Kausalitäten feststellen zu können, muss man flexiblere Möglichkeiten haben. Voraussetzung dabei ist aus unserer Sicht allerdings, zuerst einmal gesamtgesellschaftlich zu beschließen, welche Biodiversitätsziele wir in Kulturlandschaften verfolgen möchten.

NeFo: Was wären hier die Bewertungskriterien?

Dauber: Die Frage, welchen Einfluss DIE Landwirtschaft auf DIE Biodiversität hat, ist uns viel zu grob formuliert. Biodiversität hat verschiedene Organisationslevels, von der genetischen Vielfalt bis hin zur Landschaft, und wir können diese aus quantitativer, qualitativer und funktionaler Perspektive bewerten.  Zudem haben wir nicht ein Agrarsystem in Deutschland, sondern sehr viele sehr unterschiedliche mit jeweils anderen Problemstellungen für Biodiversität. Wenn wir jetzt bspw. das Ziel formulieren, dass wir generell wieder eine Vogeldichte wie in den 70er Jahren in unseren Agrarlandschaften wollen, bedeutete das, dass wir auch weite Teile unserer besten Böden in der Produktivität stark zurückfahren müssten. Wollen wir das? Das ist nicht nur eine wissenschaftliche sondern eine gesamtgesellschaftliche Frage.

Wir bereiten aktuell ein Workshop-Projekt vor, in dem wir die Agrarräume in Deutschland charakterisieren wollen, um für diese dann Biodiversitätsziele zu diskutieren und dann Indikatorensysteme für ein Monitoring zu entwickeln, die auf diese Räume angepasst sind, um zeigen zu können, ob die agrarraumspezifischen Ziele erreicht werden. Vor allem könnte man dadurch auch gezielter Maßnahmen entwickeln, die an die regionalspezifischen Ziele angepasst sind und man käme weg vom bisherigen Gießkannenprinzip. So hätte man für eine hochproduktive Agrarlandschaft andere Ziele und Maßnahmen als etwa in extensiv genutzten Mittelgebirgslagen, wo die Ursachen des Biodiversitätsverlustes ja auch ganz andere sind.

NeFo: Derzeit ist ja ein Trend hin zu immer weniger immer größeren Betrieben zu beobachten und die Landbesitzer immer häufiger gar keine Landwirte mehr sind, sondern das Land zu puren Investitionsobjekten wird. Das legt nahe, dass hier auch zunehmend das Verantwortungsgefühl der Besitzer für die ökologischen Auswirkungen der Bewirtschaftung verloren geht. Ist dieses Phänomen ein wesentlicher Treiber des Biodiversitätsverlustes?

Dauber: Das ist eine Frage, zu der bisher keine gesicherte Evidenzbasis vorliegt. Man könnte vermuten, dass Großbetriebe die Produktivität hochschrauben und damit biodiversitätsfördernde Strukturen in der Landschaft weiter reduzieren. Man könnte aber auch vermuten, dass kleine Betriebe einem viel stärkeren ökonomischen Druck unterliegen und deshalb ihre Fläche maximal ausschöpfen, während ein Landwirt mit mehreren Tausend Hektar es sich leisten könnte größere Verbesserungen für die Biodiversität einzubringen, bspw. Biotopverbünde zu schaffen. Ob das so ist, oder unter welchen Bedingungen welches Szenario greifen könnte, wäre eine sehr spannende Forschungsfrage, die auf unserer Agenda für künftige Projekte steht.

NeFo: Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr ja das Bundeskonzept Grüne Infrastruktur vorgestellt, in dem die für den Naturschutz relevanten Gebiete dargestellt werden, und das als Grundlage für die Planung von Biotopverbünden auf der Verwaltungsebene des Bundes dienen soll. Bei über 50 Prozent Agrarland in Deutschland hat der Landwirtschaftssektor hier ja einen wesentlichen Anteil. Gibt es hier Kooperationen mit dem Naturschutz?

Dauber: Diese Diskussionen laufen aus meiner Erfahrung vor allem naturschutzfachlich ab. Hier sind wir in der Regel kaum beteiligt oder eingeladen. Das betrifft ja auch nicht wirklich das Kerngebiet unseres Institutes. Grundsätzlich fehlt mir bei dieser Debatte aber meist eine klare Definition, um welche Arten es beim Biotopverbund eigentlich geht und welche Bedürfnisse sie haben. Erst dann wäre klar, wie die Landschaft verändert werden müsste.

NeFo: Der Austausch und die gemeinsame Zielfindung der verschiedenen Ressorts scheint ja ein Kernproblem des Biodiversitätsschutzes zu sein. Seit Jahren kommt die Politik ja zu dem Schluss, dass wirksamer Biodiversitätsschutz nur möglich ist, wenn sich sämtliche betroffenen Politikbereiche dieses als Querschnittsziel zu Eigen machen. Im Fachjargon: Mainstreaming. Warum klappt das nicht? Offenbar auch nicht auf Forschungsebene?

Dauber: Meines Erachtens ist das Problem, dass man für mögliche gemeinsame Zielfindungen nie das gesamte System betrachtet, sondern einzelne Symptome von Agrarsystemen isoliert betrachtet. Zusammen kommt man meines Erachtens nur, wenn man einen systemaren Ansatz wählt. Die Biodiversität zu erhalten, muss die Antwort auf die verschiedenen Ziele der verschiedenen Politikfelder sein. Bei den Debatten zum Biodiversitätsschutz reden jedoch Landwirtschaft und Naturschutz meist aneinander vorbei, da man nicht bereit ist, die Brille des jeweils anderen aufzusetzen.

Nehmen wir das Beispiel Glyphosat. Die Debatte beschäftigt sich hauptsächlich mit der Wirkung des Mittels auf Mensch und Natur und der Frage der Zulassung: ja oder nein? In der Debatte wird selten die Frage gestellt, warum dieses Pflanzenschutzmittel überhaupt in diesem Umfang in der Landwirtschaft eingesetzt wird bzw. welche Alternativen es dazu gäbe. Im Sinne eines Mainstreaming würde man vielleicht besser die Anbaupraktiken beleuchten sowie die Gründe für diese Anbaupraktiken hinterfragen.

Würde man die Erhaltung der „Biodiversität“ in diesem Zusammenhang nicht nur zum Ziele des Artenschutzes verstehen, sondern auch als Ressource, die zum Zwecke der Landwirtschaft, als Ökosystemleistungen für die Produktion, genutzt werden kann und darf, dann käme man wohl zu wesentlich zielführenderen Diskussionen. Dann würden wir nicht isoliert über Glyphosat oder Neonikotionoide diskutieren, sondern über Agrarsysteme, die Ökosystemleistungen so fördern und nutzen, dass es möglich wird den Mitteleinsatz insgesamt zu reduzieren und dabei auch noch die Biodiversität als Schutzgut erhalten.

NeFo: Ist es denn möglich, diese Alternativen wirklich ökonomisch vergleichbar zu machen und den Landwirten so erst zur Alternative werden zu lassen? Die Kosten für Pestizide, Dünger, Bewässerung sind recht einfach betriebswirtschaftlich darstellbar, die Kosten beim Einsatz der Ressource „Biodiversität“ und der Gewinn daraus auch?

Dauber: Der Vergleich ist möglich, wenn wir einen fairen Systemvergleich zulassen. Wenn wir Nachhaltigkeit im Blick haben, können wir nicht nur die Tagesökonomie betrachten, sondern müssen die Resilienz und Stabilität von Agrarsystemen über einen langen Zeitraum hinweg analysieren. Und das Ziel „Ernährungssicherung“ bezieht sich auch nicht nur auf die nächsten zehn Jahre, sondern die nächsten hundert bis zweihundert Jahre.

Dafür brauchen wir Systeme, die dazu in der Lage sind, langfristig Erträge zu liefern. Damit diese attraktiv werden, brauchen wir entsprechende Bewertungssysteme, ökologisch, ökonomisch und sozial, an denen wir in der Tat noch arbeiten müssen. Gesellschaft und Politik müssen die Aufgabe annehmen und sagen: „Wir haben hier ein Systemproblem, wir müssen langfristig denken.“

NeFo: Wie könnte das praktisch aussehen?

Dauber: Beispielsweise indem die wahren Preise für die Produkte verlangt werden, die wirklich alle Kosten einbeziehen.

NeFo: Und wie kommt man da hin?

Dauber: Das ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Wir Naturwissenschaftler können Optionen aufzeigen, für die sich die Politik entscheiden kann. Oder eben auch nicht. Politikberatung bedeutet, Politik und Gesellschaft zu informieren. Wir haben ja laufende transdisziplinäre Projekte, die alternative Agrarsysteme auf die Wirkung von Biodiversität und auch Ökonomie untersuchen.

Beispielsweise vermehrter Anbau von Leguminosen, also Stickstoff bindenden Blühpflanzen, oder auch eine verstärkte Wahl von mehrjährigen Pflanzen, was im Energiesektor relevant sein könnte, um das Tempo der Bewirtschaftung aus dem System zu nehmen, die Wechsel zu verlangsamen und den Tieren so mehr Nist- und Überwinterungsmöglichkeiten zu bieten. Es geht also darum, die ökologischen Regelkreisläufe, die wir in der Agrarlandschaft häufig verloren haben, wieder zu regenerieren. Leider dauert das eine Weile. Deshalb müssen wir längerfristig bewerten.

NeFo: Eine aktuelle ökonomische Studie hat ja gerade die Gemeinsame Agrarpolitik der EU (GAP) als ineffizient, nicht nur aus Sicht des Naturschutzes, bewertet. Dies sei seit Einführung der GAP 1955 die erste Untersuchung in dieser Hinsicht. Beschäftigt sich Ihr Institut nicht mit solchen Fragen?

Dauber: Die GAP und GAP-Reformen sind ein sehr zentrales Thema des Thünen-Instituts, sowohl bei den ökonomischen als auch ökologischen Instituten. Gerade was die Möglichkeiten des Greenings zur Förderung der Biodiversität anbetrifft, die in der aktuellen Umsetzung der GAP ja offensichtlich weit hinter den Erwartungen liegen, die machbar und auch sinnvollwären, arbeiten wir viel. Hierzu gehören die erwähnten Studien zur Anbaudiversifizierung oder auch die Leguminosen-Studien. Aus diesen werden dann Informationen für die Politikberatung abgeleitet.

NeFo: Bei seiner 6. Vollversammlung vom 18. bis 24. März verabschiedet der Weltbiodiversitätstrat IPBES ja unter anderem seinen regionalen Bericht zur Lage der Biodiversität und den Ökosystemleistungen in Europa und Zentralasien. Welche Relevanz messen Sie dessen Ergebnissen für die hiesigen Herausforderungen der Landwirtschaft bei?

Dauber: Solche Prozesse sind wichtig, da sie die aktuelle Wissenslage dokumentieren. Diese kann man dann sehr gut in Policy Briefs zusammenfassen und auf Ressorts zugeschnitten herantragen und so ein politisches Bewusstsein wecken. Parallel dazu muss das Wissen in die Gesellschaft getragen werden, um politische Debatten loszutreten, die dann politische Fenster öffnen können, die unter anderem auch die Forschung aufruft, neue innovative Ansätze zu entwickeln.

Besteht denn aus Ihrer Erfahrung Aufmerksamkeit für dieses globale Gremium in den Agrarressorts der Bundespolitik?

Dauber: Ja, auf jeden Fall. Unter anderem ist es ja unsere Aufgabe, dazu zu informieren, und wenn wir nicht sogar als Autoren oder Reviewer am Prozess beteiligt sind, zumindest die Ergebnisse aufzuarbeiten und an das Ministerium heranzutragen bzw. Stellung zu nehmen.

Welche Antworten erwarten Sie sich aus diesem Bericht?

Dauber: Er sollte die wesentlichen Treiber des Biodiversitätsverlustes für diese doch sehr große Region Europa und Zentralasien benennen können, die aus den verschiedenen Ressorts kommen. Was sind die Hauptbelastungen, aber auch, welche Gegenansätze gute Ergebnisse bringen, um daraus Politikoptionen ableiten zu können. Außerdem wäre es wichtig, zu benennen, wie gut oder schlecht die Datenlage ist, auf die sich die Aussagen stützen.

Wie Anschlussfähig sind denn Aussagen zu Trends und Politikoptionen auf globaler oder zumindest großskaliger Ebene für die nationale oder lokale Politikebene?

Dauber: Man kann die Aussagen sicherlich nicht einfach ein zu eins auf lokale Prozesse übertragen, denn wo wir global gesehen gute Daten zur Verfügung haben und Modelle erstellen können, fehlen uns diese meist auf lokaler Ebene, oder wir komme nicht an sie heran. Da sind wir wieder beim Thema „Nationales Biodiversitätsmonitoring“, das hier sehr helfen würde, lokal geltende Einschätzungen und Handlungsoptionen zu erstellen.

Grundsätzlich können aber auch schon solche globalen Bewertungen helfen, politische Debatten an- und Fenster aufzustoßen, die zu Änderungsprozessen führen. Es ist wichtig, solche Berichte aufzugreifen, in die Öffentlichkeit zu kommunizieren, auch über Einzelaspekte, und so Druck aufzubauen, damit die Politik sich damit beschäftigt. Es muss aus den Berichten heraus klar werden, welche Dringlichkeit hier besteht.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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