InterviewJugenddelegation bei der CBD COP-14

„Es ist unsere Zukunft, lasst sie uns gestalten! Der Wille dazu steckt in jedem!“
Im NeFo-Interview: 
Adina Arth, Jugendbotschafterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt

Vom 17. bis 29. November treffen sich die Vertreter der Mitgliedsstaaten des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt CBD in Ägypten zur COP-14. Neben dem so genannten Mainstreaming, also der Frage, wie die Erhaltung und Wertschätzung der Biodiversität und Ökosysteme als hohes Ziel in sämtlichen Politikbereichen verankert werden kann, muss die CBD darüber debattieren, wie es nach dem Ablaufen der aktuellen selbstgesteckten Ziele nach 2020 weitergehen soll. Klar ist: Die bisherigen Maßnahmen waren lange nicht ausreichend, um den rapiden Schwund an Leben und Lebensräumen aufzuhalten.

Klar ist auch: Die schwerwiegenden Folgen werden vor allem die Jungen und nachfolgende Generationen zu tragen haben. Umso wichtiger, dass diese an politischen Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Das ist leider noch zu wenig der Fall, meint Adina Arth, geboren 1994 und Jugendbotschafterin der UN-Dekade Biologische Vielfalt. Als Teil der Deutschen Jugenddelegation macht sie ihre Generation bei der COP-14 in Sharm El Sheikh sicht- und hörbar. Im Rahmen ihres Masterstudiums in „Sustainability, Society and the Environment” an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel interessiert sich besonders für den internationalen Naturschutz und das Mainstreaming. Im NeFo-Interview erzählt sie, was sie bei der COP tun und erreichen will und wie ihre Generation die derzeitige Naturschutzpolitik wahrnimmt.

 

NeFo: Frau Arth, was hat Sie dazu gebracht, sich politisch für den Naturschutz zu engagieren?

Arth: Ich finde die gesellschaftlichen Aspekte des Biodiversitätsschutzes besonders wichtig. Der Grund für den schlechten Zustand der Biodiversität liegt ja nicht darin, dass die naturschutzfachliche Arbeit selbst nicht gut gemacht wird. Woran es derzeit noch hängt ist, dass der Naturschutz noch nicht weit genug in der Gesellschaft, der Politik und auch der Wirtschaft angekommen ist. Daran müssen wir noch arbeiten und dazu möchte ich gerne beitragen.

Außerdem macht mir mein Engagement auch einfach sehr viel Spaß. Ich bin ursprünglich über die Jugendbiodiversitätskongresse des BMU und die Naturschutzjugend (NAJU) zum politischen Naturschutz gekommen. Darüber habe ich viele großartige Menschen kennengelernt und unsere Treffen sind jedes Mal wieder sehr herzlich. Das ist mir auch grundsätzlich immer wichtig zu betonen: Natürlich brauchen wir Biodiversität auf verschiedenste Weise als unsere Lebensgrundlage, aber die Vielfalt der Natur ist außerdem auch unbeschreiblich schön und Naturschutz macht gemeinsam einfach sehr viel Spaß.

NeFo: Welche Gefahren durch den Verlust der biologischen Vielfalt sehen Sie für Ihre Generation?

Arth: Ganz grundsätzlich sehe ich die gleichen Gefahren für meine Generation durch den Verlust der biologischen Vielfalt wie auch für alle anderen. Dazu zählt der Verlust der Bodenfruchtbarkeit und von sauberem Trinkwasser, der dramatische Rückgang der bestäubenden Insekten, stärkere Auswirkungen von Naturkatastrophen durch fehlende Puffer … Die Liste ließe sich beinahe endlos fortführen. Wir, die junge Generation, werden von den Auswirkungen des Verlustes allerdings am stärksten betroffen sein. Viele von uns werden wahrscheinlich 80 oder 100 Jahre alt werden und wir haben unser ganzes Leben noch vor uns. Die Ziele, die wir uns national und international bis 2020, 2030, 2050 oder darüber hinaus stecken, sind für uns von großer Bedeutung. Vor allem ist es aber die tatsächliche Umsetzung dieser Ziele und ein ambitioniertes Handeln - jetzt in der Gegenwart - was wir brauchen.

NeFo: Bei der nächsten CBD COP in zwei Jahren läuft die UN-Dekade für Biologische Vielfalt aus, deren Jugend-Botschafterin Sie sind. Die Ziele, die sich die Mitgliedsstaaten der CBD 2010 gesetzt haben, werden weitgehend verfehlt. Die Indikatoren auf globaler Ebene, wie die Rote Liste gefährdeter Tierarten der IUCN, oder auf nationaler Ebene wie der Anteil der Flächen mit hohem Naturwert zeigen, dass der Verlust der biologischen Vielfalt trotz verbindlicher Zusagen zur CBD nicht aufgehalten wird. Ein ähnliches Bild ergab sich schon 2010, als die damaligen CBD-Ziele erfolglos ausliefen. Mit welchen Gefühlen fahren Sie zur diesjährigen COP?

Arth: Zunächst einmal freue ich mich natürlich sehr darüber, dass ich die Möglichkeit habe als deutsche Jugenddelegierte an der nächsten Vertragsstaatenkonferenz der CBD teilzunehmen. Ich bin zum ersten Mal bei einer COP und sehr gespannt, wie alles vor Ort in Ägypten ablaufen wird. Diese großartige Chance, teilnehmen zu können, möchte ich aber auch nutzen und die Stimme der Jugend auf der Konferenz so stark wie möglich vertreten; eben gerade vor dem Hintergrund, dass der Biodiversitätsverlust weiter voranschreitet und die Liste der gefährdeten Arten nicht kürzer, sondern länger wird. Es kann nicht sein, dass international vereinbarte Ziele nicht eingehalten werden und die dringend notwendigen Handlungsschritte immer weiter in die Zukunft verschoben werden. Hier ist die Rolle der Jugend besonders wichtig, die Delegierten der Staaten immer wieder daran zu erinnern, dass die Entscheidungen, die getroffen werden, und insbesondere die, die nicht getroffen werden, große Konsequenzen haben, gerade für die Jungen und Folgegenerationen.

NeFo: Welche Aufgaben erwarten Sie bei der COP und welchen Themen wollen Sie vor Ort nachgehen?

Arth: Ganz allgemein gesagt vertreten wir, die Deutsche Jugenddelegation, auf der Konferenz die Interessen der jungen Generationen und verschaffen dieser Gehör. Denn natürlich bin ich nicht allein dort: Vor Ort werde ich mit anderen Jugenddelegierten aus der ganzen Welt zusammenarbeiten und über das „Global Youth Biodiversity Network“ (GYBN) organisiert sein. Das ist sicherlich unsere wichtigste Aufgabe.

Ein Thema, das ich persönlich besonders spannend finde und auf der COP gerne verfolgen möchte, ist das Thema „Mainstreaming Biodiversity“, also die Frage, wie die Problematik des Biodiversitätsverlustes bzw. das Verständnis für den gesellschaftlichen Wert der Biodiversität weiter in andere Sektoren integriert und in die Gesellschaft getragen werden kann.

Wir werden in vier Teams zu den politischen Inhalten arbeiten, Rahmenveranstaltungen und Aktionen auf der COP organisieren sowie viel Kommunikationsarbeit betreiben, unter anderem in unserem Blog https://www.naju.de/internationales/voice-for-biodiv/blog/. Insbesondere Letzteres ist meiner Ansicht nach eine wirklich wichtige Aufgabe. Im Gegensatz zu den Klimakonferenzen ist das mediale Echo der UN-Biodiversitätskonferenz leider immer noch sehr gering. Zum einen werden wir also auf die Konferenz selbst aufmerksam machen, aber auch die Inhalte, die verhandelt werden, auf verschiedenen Kanälen nach außen tragen.

NeFo: Inwiefern hilft Ihnen Ihr Masterstudium „Sustainability, Society and the Environment” beim Verstehen solcher Politikprozesse bzw. deren Inhalte?

Arth: Ich habe mich sehr bewusst für meinen Masterstudiengang entschieden. In meinem Bachelor lag der Schwerpunkt im Bereich Ökologie und Naturschutz. Im Master beschäftige ich mich jetzt weiter mit diesen Themen, aber aus einer Perspektive, die mir im Bachelor bisher noch gefehlt hat. Viele Ansätze aus den Gesellschaftswissenschaften sind sehr nützlich, um die Politikprozesse besser zu verstehen. Es ist zum Beispiel wichtig, sich bewusst zu machen, wie Macht verteilt ist und wer von bestimmten Entscheidungen profitiert. Genauso ist die ökonomische Perspektive sehr spannend, um die Gründe für die derzeitigen Umweltprobleme besser zu verstehen, aber auch um Lösungen zu finden. Ich finde es auch wichtig, das Thema Biodiversität im größeren Kontext der nachhaltigen Entwicklung zu sehen und das "Gesamtbild" nicht aus dem Auge zu verlieren.

NeFo: Der Nachhaltigkeitsgedanke ist ja maßgeblich ein Gerechtigkeitsansatz. Wir sprechen immer von unseren Kindern und künftigen Generationen, die die gleichen Chancen auf ein gutes Leben wie wir haben sollen. Politik und Wirtschaft machen aber die alte Generation. Wird die junge Generation hier überhaupt berücksichtigt und gehört? Wie weit verbreitet ist das Problemverständnis zum Naturverslust in Ihrer Generation und wie hoch ist hier die Bereitschaft, diese Gerechtigkeit einzufordern?

Arth: Ich halte es für sehr problematisch, dass Politik und Wirtschaft fast ausschließlich von der älteren Generation gemacht werden. Insbesondere wenn es um zukunftsweisende Entscheidungen geht, deren Konsequenzen manche Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen vielleicht selbst gar nicht mehr miterleben werden. Ich bin davon überzeugt, dass hier die junge Generation noch zu wenig eingebunden ist. Im Naturschutz findet das schon an der einen oder anderen Stelle statt, sollte aber auch noch deutlich ausgeweitet werden.

Was das Problemverständnis angeht, sehe ich persönlich ein relativ großes Spektrum: von jungen Menschen, die bereits sehr engagiert sind, bis hin zu Leuten, die dem Thema nicht ferner sein könnten — und vor allem eine große Masse dazwischen. Ich denke, dass bei vielen jungen Menschen der direkte Naturbezug sehr gering ist, sodass der Verlust von Natur kaum wahrgenommen wird. Allerdings habe ich das Gefühl, dass das mittlerweile genauso auf viele Menschen älterer Generationen zutrifft. Die Naturbewusstseinsstudien berücksichtigen zwar erst Bundesbürger ab 18 Jahren, aber sie zeigen zum Beispiel, dass Personen unter 30 Jahren im Vergleich ein unterdurchschnittliches Problembewusstsein haben und auch, dass die Bereitschaft für biologische Vielfalt zu handeln geringer ist und stark mit dem Bildungsniveau zusammenhängt.

Dafür glaube ich, dass das generelle Bewusstsein für Nachhaltigkeitsthemen allgemein in meiner Generation durchaus etwas stärker ist – etwas, auf das man gut aufbauen kann! Ich denke auch, dass aktuelle Entwicklungen, wie jene im Hambacher Forst zeigen, dass ein Wille besteht, die von Ihnen angesprochene Gerechtigkeit einzufordern.
 
NeFo: Wie könnte das Problembewusstsein der Jugend verbessert?

Arth: Unsere Kommunikationswege im Naturschutz dürfen an vielen Stellen gerne noch etwas zeitgemäßer werden um mehr junge Menschen zu erreichen. Natürlich sind schon viele Organisationen grundsätzlich in den sozialen Medien, wie Facebook, Instagram & Twitter vertreten, die alle viel Potential bieten, aber sicherlich gibt es dort noch Aufholbedarf.

Ich denke, was wir auch erreichen müssen, ist, dass Naturschutz sein Image etwas wandelt und einfach ein bisschen "cooler" wird um die Jugend, aber auch generell eine breitere Masse, zu erreichen. Die NAJU hat beispielsweise schon mit Youtubern zum Thema Biodiversität zusammengearbeitet. Das ist ein spannender Ansatz, der in anderen Branchen allerdings schon Alltag ist.

Einen wichtigen Schritt sehe ich aber auch darin, junge Menschen aktiv nach draußen einzuladen. Wir alle wissen wie schön unsere Natur, unsere Wälder, Moore und Wiesen sind, warum sollten sich nicht auch andere davon begeistern lassen können?
Wir sollten auch mutig sein und einfach mehr ausprobieren. Einer unserer Jugendbotschafter der UN-Dekade widmet sich demnächst zum Beispiel einem Moorschutzprojekt, das durch „Design Thinking“ gemeinsam mit anderen Interessierten entstehen und auch so beworben werden soll. Das macht neugierig auf mehr!

NeFo: Wie könnte die politische Stimme der Jugend institutionell besser in die Politikprozesse eingebunden werden?

Arth: Was die Beteiligungsmöglichkeiten anbetrifft finde es wichtig, zwischen verschiedenen Stufen der Einbindung zu unterscheiden. Was heißt denn Partizipation? Das beginnt im ersten Schritt damit, in Umweltbildung verschiedenster Art zu investieren. Nur wer informiert und sich des Problems bewusst ist, kann sich einmischen. Auch in den Schulen müssen diese Themen daher vermittelt werden.

Junge Menschen sollten auch in Entscheidungsgremien einbezogen werden, bei Veranstaltungen öfter eingeladen werden und dort zu Wort kommen. Das passiert im Naturschutz meiner Ansicht nach teilweise schon, was mich sehr freut, allerdings sehe ich auch noch an vielen Stellen Verbesserungspotential. Uns etwa nur zu Wort kommen zu lassen, weil es - vielleicht etwas spitz formuliert - nach außen hin "gut aussieht", ist etwas anderes, als uns aktiv zuzuhören und in Entscheidungen einzubinden.

NeFo: Welche Botschaft haben Sie an Ihre eigene Generation?

Arth: Ich bin davon überzeugt, dass der Verlust der biologischen Vielfalt eines der wichtigsten, aber auch am meisten unterschätzen Herausforderungen unserer Zeit ist. Alles was wir tun, wovon wir leben und was wir in der Natur und darüber hinaus wertschätzen, hängt maßgeblich von biologischer Vielfalt ab. Das reicht von allen Lebensmitteln die wir essen, über alle Ressourcen, die wir nutzen, bis hin zu unserer Lieblings-Joggingstrecke durch den Wald. Fakt ist leider auch, dass wir weltweit und auch in Deutschland einen massiven Naturverlust erleben und all dies in Gefahr ist.

Ich finde grundsätzlich, dass die vielen schlechten Nachrichten in unseren Medien teilweise etwas erschlagend sind und man sich deswegen manchen Themen auch beinahe lieber nicht widmen möchte. Aber Tatsache ist auch, dass von vielen positiven Entwicklungen oder den wirklich großen und inspirierenden Persönlichkeiten, oder selbst über wundervolle Freunde oder herzensguten Nachbarn einfach nicht viel berichtet wird.

Es gibt so viele großartige Menschen, die jeden Tag im Großen und Kleinen Gutes tun und es gibt so viele einfache Lösungen, genauso wie faszinierende Ansätze, die nur darauf warten, umgesetzt zu werden.
Ich bin auch fest davon überzeugt, dass es wirklich jeder einzelne von uns ist, der jeden Tag einen Unterschied machen kann. Das Einzige was es braucht ist den Willen dazu, und der steckt in jedem von uns. Es ist unsere Zukunft, lasst sie uns gestalten!

NeFo: Wie sieht Ihre Botschaft an die CBD bzw. die Verhandlerinnen und Verhandler in der internationalen Naturschutzpolitik aus?

Arth: Biodiversität muss dringend in alle Sektoren integriert werden um einen effektiven Schutz und eine nachhaltige Nutzung unserer Lebensgrundlagen zu erreichen. Das ist keine leichte Aufgabe, insbesondere konkret auf nationaler Ebene, aber essentiell wichtig.

Ich möchte auch für eine stärkere Einbindung junger Menschen auf internationaler Ebene plädieren. Das ist nicht nur gerecht und erstrebenswert, sondern bietet auch viel Potential um innovative Lösungen zu finden. Das Umweltministerium fördert beispielsweise das Projekt "Voice for Biodiv", unter dem die Deutsche Jugenddelegation an der CBD COP teilnimmt und während des Sommers auf verschiedenen Veranstaltungen auf das Thema Biodiversität aufmerksam gemacht hat. Das ist international etwas sehr Besonderes. Ich wünsche mir, dass auch andere Länder solche Programme fördern, denn die finanzielle Barriere für die Teilnahme an solchen Konferenzen ist insbesondere für junge Menschen sehr groß.

Am wichtigsten ist aber sicherlich Folgendes: die Umsetzung! Die bestehenden Ziele, wie beispielsweise die Aichi-Ziele, sind grundsätzlich gute Ziele. Das, woran es nach wie vor scheitert, ist die Umsetzung. Bitte lassen Sie uns gemeinsam mit aller Kraft zu dieser Umsetzung beitragen!

Das Interview führte Sebastian Tilch

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