InterviewGfÖ Jahrestagung 2015: „Es gibt schon viele erfolgversprechende Lösungsstrategien, aber sie finden nur wenig Gehör." - Interview mit Prof. Volker Wolters und Prof. Christian Ammer

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Prof. Volkmar Wolters und Prof. Christian Ammer

Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie 2015

Im NeFo-Interview: Prof. Volkmar Wolters (Univ. Gießen) und Prof. Christian Ammer (Univ. Göttingen)

Mit ihrem diesjährigen Tagungsmotto „Ökologie für eine nachhaltige Zukunft" möchte die Gesellschaft für Ökologie ein Zeichen in Richtung Politik setzen. Ende September verabschieden die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen die so genannten Nachhaltigen Entwicklungsziele, gemeinsame Leitlinien der wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklung bis 2030. „Als verantwortliche Bürger begrüßen wir die Ziele der Vereinten Nationen ausdrücklich", schreibt Wolters im Tagungsband. Um eine erfolgreiche Umwandlung hin zu nachhaltigen Gesellschaftsformen bewirken zu können, müssten die SDGs allerdings stärker auf die lokale Ebene eingehen, empfiehlt die Gesellschaft in ihrer Deklaration. Nachhaltigkeit könne nur auf Basis des besten zur Verfügung stehenden Wissens erreicht werden. Die GfÖ bietet sich hier als Partner der Politik an und ruft diese dazu auf, davon Gebrauch zu machen.
Wird die Forschung immer mehr zum Krisenmanager? Über die Selbstdefinition der Ökologen zwischen Grundlagenforschung und Politikrelevanz diskutierten wir mit GfÖ-Präsident Prof. Volkmar Wolters (Univ. Gießen) und dem Leiter der 45. GfÖ-Jahrestagung Prof. Christian Ammer (Univ. Göttingen).

Herr Ammer, Sie haben „Ökologie für eine nachhaltige Zukunft“ als Motto Ihrer Tagung gewählt. Damit ist ja vermutlich die Zukunft und vor allem das Wohlergehen der Menschheit gemeint, das ja durch das rasantes Bevölkerungswachstum und zunehmende Krisen, zumindest global betrachtet, in Frage steht. In Ihrer Deklaration, in der Sie die Entwürfe der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen kommentieren, fordern Sie, der Nachhaltigkeit mehr Geltung zu verschaffen. Dazu gehöre eine umfassend nachhaltige Produktion und Nutzung von Gütern, sowie die Förderung des dafür notwendigen Umwandlungsprozess auf allen Ebenen der Zivilgesellschaft. Was kann die Ökologie hier beisteuern bzw. welches Wissen haben Sie bereits in der Hand, das berücksichtigt werden sollte?

Ammer: Zunächst einmal kann die Ökologie, insbesondere wenn sie unterschiedliche und unterschiedlich intensive Landnutzungssysteme untersucht, die Auswirkungen dieser Nutzungen auf die Ökosysteme und das was sie uns Menschen bieten, untersuchen. Aus dem Verständnis der dabei gefundenen Zusammenhänge lassen sich dann die Folgen eines „Weiter so“ abschätzen bzw. Maßnahmen entwickeln, die negative Auswirkungen abschwächen oder vermeiden. Was das Studium biologischer Systeme weiterhin lehrt, ist, dass es bei begrenzten Ressourcen kein unbegrenztes Wachstum geben kann. Diese Erkenntnis wird sich, in welcher Form auch immer, eines Tages auch in der Gestaltung unseres Wirtschaftssystems niederschlagen. In diesem Zusammenhang wird sich die Gesellschaft mit Nachhaltigkeitsaspekten wie Effizienz (Produktivität je Einheit eingesetzter Ressource), Konsistenz (Entwicklung naturverträglicherer Technologien), Permanenz (Erhöhung der Produktdauer) aber auch Suffizienz (geringerer Verbrauch von Ressourcen) auseinandersetzen müssen.

In Ihrer Deklaration formulieren Sie, die UN-Entwicklungsziele wie Gesundheit, Geschlechtergerechtigkeit, Konfliktminderung, Bildungschancen und Armutsbekämpfung ließen sich nur in einer intakten Umwelt verwirklichen. Wird die ökologische Forschung immer stärker interdisziplinär?

Ammer: Ich würde nicht unbedingt sagen, dass ökologische Forschung per se immer interdisziplinärer wird, aber wenn ihre Ergebnisse zu Veränderungen führen sollen, müssen diese im Kontext anderer Disziplinen diskutiert werden. Insofern muss die eigentliche Forschung von einer nachfolgenden interdisziplinären Diskussion der Befunde begleitet werden. Diese Erkenntnis ist aber in vielen Forscherverbünden bereits angekommen und entsprechend interdisziplinär sind diese ausgerichtet. Besonders deutlich wird dies in einzelnen Vortragsreihen unserer Tagung, z.B. Session 32 (Ecological and socioeconomic functions of tropical rainforest transformation systems) spiegelt diese Vielfalt wieder.

Wolters: Für den großen Einfluss der Umweltbedingungen auf andere gesellschaftliche Problemfelder gibt es eine Vielzahl an Belegen. So hat der berühmte amerikanische Ökologe Eugene P. Odum schon vor über 15 Jahren darauf hingewiesen, wie stark Migrationsbewegungen, lokale Konflikte und diktatorische Systeme durch die nicht-nachhaltige Nutzung und ungerechte Verteilung von Ressourcen befördert werden. Aus einer Vielzahl von Projekten in sogenannten Entwicklungsländern wissen wir, wie sehr die Umsetzung umweltfreundlicher Technologien vom Bildungsstand der Bevölkerung oder vom Engagement der Frauen abhängt, und wie sehr im Gegenzug die mit der Umsetzung verbundenen Erfolge die Chancengleichheit oder die Geschlechtergerechtigkeit voranbringen können. Und auch in der Medizin hat sich inzwischen die Einsicht durchgesetzt, dass es global betrachtet auf Dauer erfolgreicher ist, die Voraussetzungen für ein gesundes Leben zu schaffen als armuts- oder versorgungsbedingte Krankheiten individuell zu bekämpfen.

In Ihrer Deklaration bieten Sie die Unterstützung durch die GfÖ bei diesem gesellschaftlichen Transformationsprozess an. Sehen sich die Ökologinnen und Ökologen tatsächlich in dieser Rolle, im Auftrag der Menschheit zu forschen? Steht nicht eher die Grundlagenforschung im Zentrum des Interesses der meisten Wissenschaftler?

Wolters: Peter Strohschneider hat ja kürzlich – als Wissenschaftler und nicht als Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – die vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen beförderte Idee der Nachhaltigkeitsforschung als „Transformative Wissenschaft“ drastisch kritisiert: unter anderem weil sie vorgibt, als gäbe es für alles Lösungen, weil sie die Wissenschaft auf ihre gesellschaftliche Bezüge reduziert und weil sie die Gefahr der Diktatur des „unbestreitbar wahren Wissens“ in sich birgt. Auch wenn ich nicht mit allem übereinstimme, ist sicherlich sehr viel Bedenkenswertes daran. So bedeutet Ihre provokante Formulierung „im Auftrage der Menschheit zu forschen“ für mich, den Politkern und anderen Verantwortlichen die Möglichkeit zu geben, ihre Entscheidungen in freien und demokratischen Prozessen auf das jeweils beste verfügbare ökologische Wissen zu gründen. Das halte ich als Präsident der GfÖ für eine Verpflichtung einer Gesellschaft für wissenschaftliche Ökologie.

Dies heißt aber nicht, dass alle Ökologen und Ökologinnen ständig irgendwelchen gesellschaftlichen Tagesproblemen hinterher hetzen sollten. Im Gegenteil: Die ökologische Grundlagenforschung in unserem Land hat über Jahrzehnte darunter gelitten, dass große Mittelgeber wie BMBF und EU überwiegend angewandte Forschung förderten, während andere Mittelgeber wie die DFG ökologische Forschung oft von vornherein als zu angewandt bewerteten – wenn sie sich z.B. auf landwirtschaftliche oder forstliche Systeme bezog. Es ist schön, dass sich dies in den letzten Jahren geändert hat. Von der Stärkung der Grundlagenforschung kann die in unserer Deklaration vertretene „Forschung zur Unterstützung nachhaltigen Handelns“ nur profitieren.

Als Verbesserungsvorschlag für die Sustainable Development Goals empfehlen Sie, die globalen Ziele um konkrete regionale Maßnahmen zu ergänzen. Als Beispiel für eines der wichtigsten Umweltprobleme und Haupttreiber des Biodiversitätsverlustes nennen Sie die weltweite Homogenisierung der Landschaften, z.B. durch Mais-Monokulturen in der gemäßigten Zone oder Ölpalm-Plantagen in den Tropen. An welche Maßnahmen denken Sie da konkret?

Ammer: Wie schon zu Beginn unseres Gesprächs erwähnt sehe ich in erster Linie die ökologische Forschung in der Pflicht, die Folgen von bestimmten Praktiken zu untersuchen und die dahinterliegenden Prozesse zu verstehen. Daraus können sich Empfehlungen für konkrete Maßnahmen ableiten. Ob diese aber umsetzbar sind, kann ein Wissenschaftler weder vollständig überblicken noch entscheiden. Aber natürlich kann und muss deren Berücksichtigung eingefordert werden. Da ökologische Gesichtspunkte neben wirtschaftlichen und sozialen Fragen bei der Landnutzung aber nur einen Aspekt darstellen, sind konkrete regionale Maßnahmen letztendlich politische Entscheidungen. Insofern kommt selbst der an der Umsetzung von Maßnahmen interessierte Ökologe häufig nicht über die Rolle den Mahners und Appellierers hinaus. Aber auch diese ist wichtig und steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein.

Wolters: Um mal ein Beispiel „vor der eigenen Haustür“ zu geben: Jeder weiß, wie schön und wichtig artenreiche Wiesen sind. Dennoch nimmt die Fläche ökologisch wertvoller Grünländer in Deutschland unvermindert ab. Und das trotz aller EU-Maßnahmen und Biodiversitätsstrategien. Hier kann und muss die Umweltforschung Lösungen anbieten, die zur Erhaltung dieses Lebensraumes beitragen, ohne den Landwirten die Existenzgrundlage zu rauben. Genauer gesagt: Es gibt schon viele erfolgversprechende Lösungsstrategien, aber sie finden nur wenig Gehör. Dies scheint ein schlechtes Licht auf den Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu werfen, aber die notwendigen Schritte sind wirklich komplex und berühren viele Ebenen: von der Haltung der Weidetiere über die Zusammenarbeit von Bauern bis hin zum Konsumverhalten. Auf unserer Tagung finden Sie eine große Zahl vergleichbarer [anschaulicher] Beispiele.

Wissenschaftliche Fakten im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte gibt es ja schon seit Jahrzehnten, spätestens seit der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen 1991. Seither wurden wissenschaftliche Politikberatungsgremien wie der IPCC für die Klimapolitik und vor drei Jahren auch das Pendant dazu zum Aufhalten des Schwundes der Biodiversität, IPBES, gegründet. Welches Potenzial sehen Sie in solchen Ansätzen, um in der Politik mehr Aufmerksamkeit und Verantwortungsbewusstsein für die Erhaltung der Lebensräume zu erzielen?

Ammer: Grundsätzlich ist es ja schon einmal ein großer Fortschritt, dass es diese Möglichkeit der Politikberatung überhaupt gibt. Da Wissenschaftlern eine hohe Glaubwürdigkeit zugerechnet wird, ist das Potential dieser Gremien gar nicht zu überschätzen. Was die Mechanismen angeht, tue ich mich mit einer Antwort schwer, weil ich die bestehenden nicht kenne. Aus meiner Sicht geht es in dieser Diskussion weniger darum, die Aufmerksamkeit der Politik zu gewinnen als vielmehr darum, Fakten so bereitzustellen, dass sie in politische Entscheidungen Eingang finden. Man sollte nicht vergessen, dass Politiker viele unterschiedliche Informationen zusammenbringen müssen. Es ist immer leicht zu kritisieren so lange man selber nicht entscheiden muss.

Wolters: Ich kann dem nur beipflichten. Das ist auch einer der Gründe, weswegen wir eine Berücksichtigung der regionalen Ebene fordern. Von der UN initiierte Prozesse wie IPCC und IPBES sind wichtig und notwendig, weil sie den großen Rahmen abstecken. Letztlich ist aber der Globale Wandel die Summe einer Vielzahl lokaler und regionaler Veränderungen, denen man nur auf diesen Ebenen angemessen begegnen kann. Hier stehen die Chancen für einen fruchtbaren Austausch zwischen Entscheidungsträgern und Wissenschaft grundsätzlich gut – obgleich dafür natürlich noch ein weiter Weg vor uns liegt.

Welches Potenzial sehen Sie persönlich in den globalen UN-Nachhaltigkeitszielen zur Verbesserung der Lage für die biologische Vielfalt?

Ammer: Das Potential ist sicherlich groß, aber was nützt ein großes Potential wenn es nicht genutzt wird? Man muss kein Fan von Altkanzler Kohl sein um seinem Spruch „Am Ende ist entscheidend was hinten herauskommt“ gerade in der Diskussion um Umweltziele und -standards als ziemlich zutreffend anzusehen.

Wolters: Genauso ist es. Aber eigentlich ist es ja das tägliche Brot der Wissenschaft, sich nicht von scheinbar unlösbaren Problemen abschrecken zu lassen. Deshalb bohren wir unverdrossen weiter – am dicken Brett der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele ebenso wie an den vielen „kleinen“ Problemen der ökologischen Forschung. Mich persönlich ermutigt dabei besonders das enorme Interesse der NachwuchswissenschaftlerInnen an der Jahrestagung der GfÖ.

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