Interview„Die Bedeutung der biologischen Vielfalt für unsere Gesundheit macht ihren unschätzbaren Wert greifbar" - Interview mit Klement Tockner

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Prof. Klement Tockner, Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin

Biodiversität und Gesundheit

Im NeFo-Interview: Prof. Klement Tockner, Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin

Die Millennium-Entwicklungsziele, die im Jahr 2000 von 189 UN-Mitgliedstaaten verabschiedet wurden, umfassen in erster Linie Armutsbekämpfung, Friedenserhaltung und Umweltschutz. Drei der acht Unterziele betreffen direkt Gesundheitsaspekte. So soll bis 2015 die Kindersterblichkeit um zwei Drittel, die Müttersterberate um ein Drittel gegenüber 1990 reduziert und die Ausbreitung schwerer Infektionskrankheiten wie HIV/AIDS und Malaria gestoppt sein. Allerdings sind die ökologischen Zusammenhänge der Ausbreitung dieser Krankheiten erst sehr wenig erforscht, und gleichzeitig verändern sich durch die menschliche Überprägung des Planeten und Phänomene wie den Klimawandel die Umwelt- und Lebensbedingungen derzeit gravierend. Diese Schnittstelle zwischen Medizin und Ökologie ist bisher kaum beachtet. „Einmal mehr braucht es inter- und transdisziplinäre Forschung, um jetzt und in Zukunft wirksame Maßnahmen treffen und die Lebensqualität der Weltbevölkerung verbessern zu können", meint Prof. Klement Tockner, Direktor des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin. Tockner ist darüber hinaus Leiter des Leibniz-Verbunds Biodiversität, der die Kompetenzen von 21 Leibniz-Einrichtungen der Umwelt-, Sozial-, Lebens-, Raum- und Wirtschaftswissenschaften bündelt, um nachhaltige Lösungsvorschläge zu entwickeln. Der Verbund trägt vom 16. bis 18. April 2013 in Berlin die 2. internationale Konferenz zur Biologischen Vielfalt und den UN-Millennium-Entwicklungszielen aus.

Herr Tockner, Ihre Konferenz beschäftigt sich mit den Zusammenhängen von Biologischer Vielfalt und Gesundheit. Gleichzeitig ist diese Konferenz Teil einer Reihe zu den UN Millennium Development Goals. Warum haben Sie dieses Thema jetzt gewählt? Was erwartet uns und welche Relevanz hat Gesundheit bzgl. der Development Goals?

Die Erhaltung der Biologischen Vielfalt, der Klimawandel, eine nachhaltige Energieversorgung, die Sicherung der Nahrungsmittelproduktion, der demografische Wandel und die Verfügbarkeit ausreichender Wasserressourcen in guter Qualität zählen zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen, denen wir uns stellen müssen. Diese globalen Veränderungen beeinflussen, einzeln und in Wechselwirkung, nachhaltig die Gesundheit des Menschen und der Ökosysteme. Daher ist es dringend erforderlich, Synergien zwischen den derzeit häufig konkurrierenden Nutzungen an die Umwelt zu entwickeln. Die Vielfalt des Lebens ist dabei eine Grundvoraussetzung für den langfristigen Wohlstand und die Gesundheit des Menschen. Hierfür muss Forschung verstärkt an den Schnittstellen von Disziplinen stattfinden: Denn Gesundheitsforschung erfordert auch Biodiversitätsforschung.

Wo liegen die wichtigsten Zusammenhänge zwischen Biodiversität und Gesundheit?

Die Zusammenhänge sind vielfältig, wenngleich nicht immer offensichtlich. Der bekannteste Aspekt ist, dass zahlreiche Wirkstoffe in der Medizin, aber auch in der Kosmetik und im Wellnessbereich, aus Derivaten von Organismen gewonnen werden. Die biologische Vielfalt ist außerdem ein Reservoir an Genen für die landwirtschaftliche Sortenzüchtung, für biotechnologische Prozesse oder für bionische Entwicklungen. Gerade die hohe Anzahl verschiedener landwirtschaftlicher Sorten ist eine Art natürliche Versicherung gegen große Ernteverluste durch Epidemien von Pflanzenkrankheiten.

Es gibt auch eine sozial-ökologische Komponente. So trägt die Biodiversität zum Beispiel in Städten wesentlich zum Wohlbefinden des Menschen bei. Dabei muss der Begriff Biodiversität allerdings breiter gefasst werden als es derzeit gängige Praxis ist. Das heißt, neben der Artenvielfalt und der genetischen Diversität müssen die Vielfalt an Ökosystemen und die Soziodiversität, d.h. die Vielfalt an Verhaltenstypen von Arten, mit einbezogen werden.

Und dann gibt es noch ganz andere Aspekte, wie die mit dem Menschen assoziierte mikrobielle Vielfalt, wie beispielsweise Darmbakterien, aber auch die Vielfalt von Mikroorganismen auf der Hautoberfläche, die eng mit der Gesundheit verknüpft sind. Das menschliche Mikrobiom, der Mensch als Ökosystem sozusagen, war bis vor kurzem weder in der allgemeinen Biodiversitätsforschung noch in der medizinischen Forschung ein Thema. Wir wissen aber inzwischen, dass solche Forschung wesentlich für die Gesundheitsvorsorge ist.

Was ist das Ziel Ihrer Konferenz?

Das wichtigste Ziel der Konferenz ist es, eine Brücke zwischen Biodiversitäts- und Gesundheitsforschung zu schlagen und offene Fragen an den Schnittstellen der beiden Disziplinen zu identifizieren. Zudem dient die Konferenz der Netzwerkbildung zwischen Forschungsorganisationen, wie der Leibniz-Gemeinschaft, der Leopoldina und dem CNRS in Frankreich, aber auch mit unseren Partnern an den Universitäten und der Helmholtz-Gemeinschaft. Wir erhoffen uns dadurch wichtige Impulse für eine anwendungsorientierte Forschung. Schließlich wollen wir dem wissenschaftlichen Nachwuchs mit den begleitend zur Tagung stattfindenden Leibniz-Doktorandenforen die Möglichkeit bieten, sich direkt mit Experten unterschiedlicher Fachrichtungen auszutauschen. Denn wir benötigen in Zukunft eine neue Generation an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die in der Lage ist, inter- und transdisziplinär zu arbeiten.

Wo sind in diesem Thema die blinden Flecken? Wo brauchen wir noch mehr Wissen, um wirksame Präventionen einleiten zu können?

Der Zusammenhang zwischen biologischer Vielfalt, Ausbreitung von Krankheiten und menschlichem Wohlbefinden ist noch wenig verstanden. Nehmen wir ein Beispiel: Parasiten stellen etwa 50% aller Arten weltweit, werden aber in der Biodiversitätsforschung und im Schutz der biologischen Vielfalt weitgehend ignoriert. Dabei beeinflussen Parasiten das Immunsystem, prägen Nahrungsnetze und kontrollieren Ökosystemprozesse sowie die Evolution ganzer Organismengemeinschaften. Es gibt meines Wissens bislang erst eine einzige Parasitenart, die in die Rote Liste der gefährdeten Arten aufgenommen wurde, und das, obwohl Parasiten rascher verschwinden als die meisten anderen Arten. Parasiten gehören neben den Pilzen zudem zu den am wenigsten untersuchten Organismengruppen. Nur ein Bruchteil der Arten ist bislang beschrieben.

In Zukunft werden wir vermehrt mit neuartigen Lebensgemeinschaften, genetisch modifizierten und sogar synthetischen Organismen sowie neu entstehenden Pathogenen konfrontiert. Was sind die zu erwartenden ökologischen, evolutionsbiologischen, ökonomischen und auch gesundheitlichen Konsequenzen dieser Entwicklungen? Sind diese Arten und Gemeinschaften einmal etabliert, können notwendige Gegenmaßnahmen zu spät greifen oder sehr aufwändig werden.

Im Natur- und Biodiversitätsschutz ist ein grundsätzliches Umdenken gefordert. Klassische, nur auf Bewahrung ausgerichtete Schutzmaßnahmen greifen zu Zeiten des rapiden Umweltwandels wie heute viel zu kurz. Sie müssen vermehrt durch gut überlegte aktive Interventionen ergänzt werden. Nur dann besteht die Chance, eine nachhaltige Sicherung der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen zu gewährleisten.

Welche Stärken hat hier Leibniz und die Deutschen Wissenschaftsgemeinschaft insgesamt?

Die Leibniz-Gemeinschaft mit ihren 86 Instituten deckt eine einzigartige fachliche Breite in der Forschung und Forschungsanwendung ab: von der Ökonomie über Gesundheits- und Energie- bis zur Biodiversitätsforschung. Die Leibniz-Gemeinschaft ist daher prädestiniert, neue Forschungsfelder, die oft an den Schnittstellen verschiedener Disziplinen liegen, zu eröffnen. Leibniz will bewusst auch eine Vorreiterrolle in der „Bürgerwissenschaft" wahrnehmen, das heißt, in der Einbindung der Bürgerinnen und Bürger in den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, mit dem Ziel, die gesellschaftlichen Bedingungen zu verbessern.

Ich stehe nicht alleine mit der Überzeugung, dass die großen Herausforderungen der Gesellschaft nur dann bewältigt werden können, wenn die unterschiedlichen Wissenschaftsorganisationen ihre Kompetenzen bündeln und „dicke Bretter" bohren. Im Biodiversitätsbereich entstehen mit BiK-F, iDiv und BBIB (Berlin-Brandenburg Institute of Advanced Biodiversity Research) derzeit große, komplementäre Forschungsnetzwerke. Es besteht somit die einmalige Chance, dass Deutschland eine weltweit führende Rolle in der Biodiversitätsforschung einnimmt.

Der neu eingerichtete "Weltbiodiversitätsrat" IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) soll künftig Überblicksberichte über das vorhandene Wissen zu Biodiversität und Ökosystem(dienst)leistungen zusammenstellen, um der internationalen Politik Entscheidungen im Umgang mit der biologischen Vielfalt und den Ökosystemen auf einer sicheren Wissensbasis zu ermöglichen. Schließlich haben sich alle 190 Mitgliedsstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) darauf geeinigt, bis 2020 den derzeit rasanten Rückgang der Vielfalt zu stoppen. Welchen Beitrag können Prozesse wie solche internationalen Konferenzen dazu beisteuern und wie könnten die Ergebnisse Ihrer Konferenz in den IPBES-Prozess einfließen?

Ich sehe eine ausgesprochen hohe Gefahr, dass der rasante Rückgang der Biodiversität als unvermeidlich und gegeben hingenommen wird. Wir sind daher mehr denn je verpflichtet, über Biodiversität zu informieren und ihren Wert der Politik und Öffentlichkeit zu vermitteln. Dafür soll IPBES ja sorgen. Sorge bereitet mir jedoch die enge Verknüpfung der Biodiversität mit Ökosystem(dienst)leistungen, wie dies ja bereits im Titel des Gremiums getan wird (Biodiversity and Ecosystem Services). Durch die Ökonomisierung der Leistungen und den nicht immer klaren Zusammenhang zwischen Biodiversität und Ökosystemfunktionen besteht die Gefahr, dass der Erosion der biologischen Vielfalt sogar teilweise Vorschub geleistet wird, statt sie zu bremsen. Abgesehen von der nicht zu unterschätzenden großen ethischen und kulturellen Bedeutung der Biodiversität kann die enge Verbindung zwischen Biodiversität und Gesundheit dabei helfen, den unmittelbaren und unschätzbaren Wert der biologischen Vielfalt für unser Wohlbefinden der Öffentlichkeit näher zu bringen.

Was erwarten Sie bezüglich IPBES von der Forschungscommunity, was von den Politikvertretern im Plenum?

Ich erwarte mir von der Wissenschaftsgemeinschaft die Bereitschaft, verstärkt disziplinübergreifend zu forschen, gerade auch über die Bereiche Biodiversität und Gesundheit hinweg, und von der Politik den Willen, klare Prioritäten in den Entscheidungen über Managementmaßnahmen zur langfristigen Sicherungen der biologischen Vielfalt zu setzen. Der rasche Rückgang der biologischen Vielfalt erlaubt keinen Aufschub der Entscheidungen. Wir können nicht warten, bis IPBES Daten zusammengetragen und Empfehlungen ausgesprochen hat. Der wissenschaftliche und der politische Prozess müssen vielmehr parallel laufen.

 

Das Interview führte: Sebastian Tilch

 

Weiterführende Literatur

NeFo-Workshop-Berichte:

Infektionskrankheiten und Biodiversität in anthropogen überformten Gewässern (24.-25.11.2011)

Klimawandel, Parasiten und Infektionskrankheiten – eine globale Herausforderung (03./04.03.2011)

NeFo-Faktenblätter:

Invasive Arten als Krankheitsvektoren:

Invasive Arten: Sandmücke als Überträger der Leishmaniose

Invasive Arten: Sumpfkrebs als Überträger von Lungenegel

Invasive Arten: Heimische Nagetiere als Überträger von Hanta-Viren

Invasive Arten: Heimische Bockkäfer als Wirte von Kiefernsplintholznematoden

Invasive Arten: Waschbär als Überträger des Waschbärspulwurms

Invasive Arten: Tigermücke als Überträger der Herzwurmerkrankung

Invasive Arten: Tigermücke als Überträger von Chikungunya- und Dengue-Fieber

Invasive Arten: Tigermücke als Überträger des West-Nil-Virus

Invasive Arten: Auwaldzecke als Überträger des Fleckfiebers

Invasive Arten: Fliegen als Überträger der Fliegenmadenkrankheit

Invasive Arten: Bisamratte als Überträger der Leptospirose

Invasive Arten: Heimische Käfer als Überträger der Eichenpest (Pilzbefall)

Invasive Arten: Usutu-Virus befällt heimische Vogelarten

Invasive Arten: Kamberkrebs als Überträger von Krebspest

Invasive Arten: Rebzikade als Überträger von Rebkrankheiten

Invasive Arten: Grauhörnchen als Überträger von Parapoxviren

Invasive Arten: Wollhandkrabbe als Überträger von Nematoden

Invasive Arten: Sibirisches Streifenhörnchen als Überträger von Borreliose

Invasive Arten: Pharaoameise als Überträger von Bakterien

Invasive Arten: Nutria als Überträger der Leptospirose

 

Zum Hauptartikel "Biologische Vielfalt - eine natürliche Versicherung gegen Krankheiten?"