Aktualisierte Rote Liste bedrohter Arten

„Begrenzung des Wachstums der Art Mensch“
Im NeFo-Interview: 
Dr. Viola Clausnitzer

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Dr. Viola Clausnitzer
Foto: Senckenberg

Die Weltnaturschutzunion IUCN hat gestern bei ihrem Weltgipfel auf Hawaii ihre aktualisierte so genannte Rote Liste bedrohter Arten veröffentlicht. Als wichtigsten Punkt nennt sie die neue Einstufung mehrerer Menschenaffenarten in die höchste Bedrohungskategorie „Critically threatened“. Die Liste enthält derzeit 82 954 Arten, 23 928 davon sind bedroht. Die Liste gilt als wichtiger Indikator für die Erfassung des globalen Verlustes der biologischen Vielfalt.

Allerdings ist die Verteilung der in der Liste erfassten Arten nicht repräsentativ. Rund 61 000 Tierarten erfasst die Liste, allein gut 10 000 davon Vögel. Die Insekten, weltweit die artenreichste Gruppe (1 Million von rund 1,8 Millionen derzeit bekannter Arten), ist allerdings nur mit rund 6 000 Arten vertreten. Der Grund ist schlicht ein Datendefizit, denn für die Untersuchung solcher „Lost Species“ gäbe es schlicht keine Finanzierung, meint Dr. Viola Clausnitzer, Libellenspezialistin am Senckenberginstitut in Görlitz.

Als Vorsitzende der Dragonfly Specialist Group koordiniert sie die globalen Bewertungen der Artengruppe der Libellen. Im NeFo-Interview erläutert sie, welche neuen Informationen die aktuelle Rote Liste liefert, wie es um die Gruppe der Libellen steht und welche Maßnahmen nötig sind, um den rasanten Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten.

 

NeFo: Frau Clausnitzer, um welche Arten oder Artengruppen müssen wir uns nach den aktualisierten Zahlen besonders Sorgen machen?

Clausnitzer: IUCN hebt hier besonders den Östlichen Gorilla – den größten lebenden Primaten – hervor, der vor allem unter starker illegaler Bejagung leidet. Er ist eine der Säugetierarten, die in die höchste Gefährdungskategorie “Critically Endangered” verlegt wurden und damit unter dem höchsten Aussterberisiko stehen. Um 70 Prozent auf heute nicht einmal 5000 Exemplare wurde seine Gesamtpopulation in den letzten 20 Jahren dezimiert. Ebenfalls in die höchste Kategorie eingestuft wurde der Borneo Orang-Utan, dessen Lebensraum zudem nach und nach in Palmöl- oder Papierplantagen umgewandelt wird.

Vier von sechs großen Menschenaffenarten stehen nun kurz vor dem Aussterben, die beiden anderen sind kaum besser dran. Das Steppenzebra gehört ebenfalls zu den Arten, die durch starke Bejagung wegen Fleisch und Fell höhergestuft werden mussten. Um 24% wurde ihre Population in den letzten 14 Jahren verringert. Im Meer sind es die Walhaie und Flügelkopf-Hammerhaie, die IUCN hervorhebt. Die Walhaipopulationen sind in den letzten 75 Jahren halbiert worden. Sie enden vor allem als Beifang in den Fischernetzen.

NeFo: Wie haben sich die Zahlen im Vergleich zu früheren Rote Listen Erhebungen entwickelt?

Clausnitzer: Um Tendenzen aus der Roten Liste ablesen zu können, wurde der Red List Index eingeführt, der die Entwicklung hinsichtlich von mehreren Gruppen dokumentiert. Darin lässt sich beispielsweise ablesen, dass seit 2014 die Zahl der in der höchsten Bedrohungskategorie eingeordneten Säugetierarten leicht rückläufig ist, während sie bei den anderen Tiergruppen und Pflanzen weiterhin steigt. Ein Beispiel hierfür ist der große Panda, der dieses Jahr rückgestuft werden konnte. Offenbar greifen die Schutzmaßnahmen in China.

Vom Red List Index lässt sich auch ablesen, dass die Korallen seit Jahren die am schnellsten schwindende Artengruppe darstellen. Schon jetzt sind über 30 Prozent der Arten bedroht, vor allem durch die Ozeanversauerung, aber auch durch Schleppnetze und Fressfeinde wie den Dornkronenseestern. Bis 2030, so rechnet eine Studie vor, sollen 90 Prozent aller Korallenarten bedroht sein.

NeFo: Was sind die wichtigsten Ursachen für den Verlust der Arten weltweit und in Europa?

Clausnitzer: Die wichtigste Ursache, die von Politikern ungern so benannt wird, ist das weiterhin ungebremste Wachstum der Art Mensch und dem damit einhergehenden Ressourcenverbrauch. Für (fast) alle Arten ist der Habitatverlust die wichtigste Ursache für ihren Rückgang - nach wie vor auch in Europa, was eine aktuelle Studie zeigt. Weniger der Klimawandel, der ja als Triebkraft in den Medien häufig erwähnt wird. Hinzu kommen die Fragmentierung der Landschaft und die extreme Isolierung von vorhandenen Restpopulationen.

NeFo: Wie kommt die Rote Liste zustande? Woher kommen die Daten und wer führt sie wie oft zusammen?

Clausnitzer: Die Daten der Roten Liste werden von Experten zusammengetragen, die das ehrenamtlich machen. Es gibt in der Species Survival Commission der IUCN ein Netzwerk aus Specialist Groups, die die Datenerhebungen, Erfassungen, etc. koordinieren und evaluieren.

NeFo: Welches Bild zeigt die aktuelle Rote Liste bei Libellen?

Clausnitzer: Für die IUCN Red List haben wir hierzu die erste globale Erfassung einer Insektenordnung durchgeführt. Die Libellen ähneln in ihren Anteilen der gefährdeten, nicht gefährdeten und ‚Data Deficient‘ Arten sehr den Vögeln und stehen damit verhältnismäßig gut da. Das heißt, rund 10 Prozent der erfassten Taxa sind bedroht, zwei Prozent nah am Aussterben. Prekär ist die Situation von Insel-Endemiten mit hohen Habitatansprüchen wie etwa saubere Waldbäche.

NeFo: Wie ist hier die Datenlage?

Clausnitzer: Grundsätzlich sind Einschätzungen zu Status und Trends der globalen Biodiversität mit hohen Unsicherheiten behaftet, da in vielen Bereichen einfach zu wenig Information besteht. Dies ist besonders bei den Insekten so. Die Datenlage der Libellen ist verglichen mit fast allen anderen Invertebraten Gruppen sehr gut. Aber auch wir haben vor allem in tropischen Bereichen viele Arten, die wir lediglich als Data Deficient einstufen können. Diese Arten sind oft nur von Typus-Belegen, die vor ca. 100 Jahren gesammelt wurden, bekannt. Seitdem hat niemand gezielt nach den Arten gesucht und wir haben keine Informationen über ihre Biologie, Verbreitung, Gefährdung, etc.

Unser Ziel ist es, im Jahr 2020 alle Libellen (ca. 6000 Arten) gegen die Kriterien der IUCN Red List of Threatened Species evaluiert zu haben. Die Libellen von Nordamerika, Europa, Australien und Afrika sind bereits vollständig auf der Roten Liste, Südamerika und Asien werden derzeit noch bearbeitet. Für gezielte Expeditionen und Untersuchungen solcher "Lost Species" gibt es leider keinerlei finanzielle Unterstützung, da solche Forschung als nicht modern gilt, keine Chance auf Publikationen mit hohem Impact Faktor bieten, und in zunehmenden Maße mangelt es auch an Wissenschaftlern, die fachlich gezielt solche Expeditionen durchführen können.

NeFo: Was sind die wichtigsten Ursachen für den Verlust der Libellenarten?

Clausnitzer: Clausnitzer: Vor allem und bei vielen Arten sind es ausschließlich der Habitatverlust und die Wasserverschmutzung. Vereinzelt sind auch eingewanderte Arten (Neozoen) die vermutete Ursache für die Dezimierung bestimmter Insel-Arten. Die Eutrophierung der Landschaft, also Übersättigung mit Nährstoffen spielt vor allem in Europa ein wesentlicher Grund, weshalb Arten, die weniger Ansprüche an Umweltbedingungen stellen, zunehmend spezialisierte Arten verdrängen.

NeFo: Welche Schlüsse lassen sich aus den Zahlen der Roten Liste ziehen? Wo müsste die Politik als erstes ansetzen, um maximalen Erfolg beim Artenschutz zu erzielen?

Clausnitzer: Die genannten Hauptursachen für den Artenschwund, nämlich die sich ausbreitende Landnutzung mit einhergehendem Lebensraumverlust und die Jagd auf Tiere verstärken sich natürlich mit dem derzeitigen rasanten globalen Bevölkerungswachstum. Hier sehe ich eine Begrenzung des Wachstums der Art Mensch als wohl effektivste Strategie des Artenschutzes. Außerdem müsste, um den Druck von den Ökosystemen zu nehmen, der Ressourcenverbrauch weltweit reduziert werden.

Darüber hinaus ist ein rigoroser Schutz noch vorhandener natürlicher Habitate nötig.  Schutzgebiete einzurichten allein reicht nicht aus, wie sich immer mehr zeigt. Wichtig ist, diese über Korridore und/oder Stepping Stones untereinander zu vernetzen. Natürlich müssen Artenhotspots wie Tropenwälder stärker geschützt werden, und hier - ganz wichtig – auch solche auf niedriger Meereshöhe, denn meist werden nur die wirtschaftlich weniger interessanten Bergwälder geschützt. Was die Gewässerqualität anbetrifft, die ja unter anderem für Libellen interessant ist, sollten in den Entwicklungsländern flächendeckend  Kläranlagen eingerichtet und Industrieabwässer besser gereinigt und kontrolliert werden.

Das Interview führte Sebastian Tilch