InterviewAktionsprogramm Insektenschutz

„Mit fünf Millionen Euro jährlich hält man nicht die Biodiversitätskrise auf“
Im NeFo-Interview: 
Dr. Frank Jauker (Justus-Liebig-Universität Gießen)

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Dr. Frank Jauker / Uni Gießen
Foto: Uni Gießen

Das Bundeskabinett hat ein Eckpunktepapier für ein künftiges Aktionsprogramm zum Schutz der Insekten in Deutschland verabschiedet. Es enthält Ziele, die seit langem u.a. von der Forschung gefordert werden, wie etwa einen höheren Strukturreichtum in der Agrarlandschaft, eine Eingrenzung des Pestizideinsatzes aber auch eine Reduktion der Lichtverschmutzung. Können die Insekten sich also bald über bessere (Über)Lebensbedingungen freuen?

Dr. Frank Jauker vom Institut für Tierökologie der Justus-Liebig-Universität Gießen ist skeptisch, dass die angekündigten Maßnahmen wesentlich über bereits laufende Ansätze hinausgehen. „Entscheidend ist die praktische, flächendeckende Umsetzung. Hier bleibt der Aktionsplan vage, insbesondere wenn Ressorts jenseits des Umweltministeriums berührt sind.“ Insbesondere bleibt unklar, welche Anreize vor allem für die Landwirtschaft zur Umsetzung geeigneter Maßnahmen geplant sind. Zwar hat das Bundesumweltministerium eine jährliche Fördersumme von fünf Mio. Euro für Projekte zum Schutz der Insekten in Aussicht gestellt, doch die derzeitigen Entwürfe der EU-Kommission für die Agrarförderung ab 2021 lassen dazu kaum Synergien erkennen.

Frank Jauker beschäftigt sich u.a. mit Landschafts- und Bestäuberökologie in Agrar- und Grünlandsystemen sowie mit Agrarumweltmaßnahmen für Bestäuber. Im NeFo-Interview bewertet er die gerade vorgestellten Pläne der Bundesregierung.

 

NeFo: Herr Jauker, für wie effektiv halten Sie das Aktionsprogramm Insektenschutz? Können wir eine wesentliche Verbesserung in den nächsten Jahren erwarten?

Jauker: Positiv ist, dass eine große Bandbreite an Ursachen für den Biodiversitätsrückgang angesprochen wird, was verdeutlicht, dass ein wirksames Gegensteuern nicht über einzelne Stellschrauben möglich sein wird. Allerdings ist die Identifizierung der Ursachen der leichtere Teil und nicht wirklich neu. Auf die wurde schon seit geraumer Zeit hingewiesen. Auch Maßnahmen, die den Ursachen entgegenwirken, sind eigentlich relativ offensichtlich und decken sich mit dem Aktionsplan. Die praktische, flächendeckende Umsetzung dieser Maßnahmen ist schwieriger und wird einiges an politischer Arbeit erfordern. Entsprechend bleibt der Aktionsplan hier auch vage, insbesondere wenn weitere Ressorts jenseits des Umweltministeriums berührt sind. Ich bin etwas skeptisch, was in den nächsten Jahren über Pilotprojekte und bereits laufende oder angestoßene Programme hinausgehen wird, gerade was die Synchronisation der Bemühungen angeht.

NeFo: Denkt man an Insektenschutz in ganz Deutschland, fällt auf, dass es kaum Daten zu den Beständen und deren Entwicklung gibt. Nun will die Bundesregierung aber die Insektenzahl und –vielfalt im gesamten Bundesgebiet erhöhen. Kann man das so grundsätzlich, ohne überhaupt die regionalen Unterschiede zu kennen?

Jauker: In der Tat sind belastbare Zahlen kaum vorhanden. Es ist daher erfreulich und notwendig, dass ein sinnvolles Monitoring angestrebt wird, das auch fundierte Aussagen zu potentiellen Ursachen der Insektenrückganges erlaubt. Es kann natürlich nicht sein, dass wir jetzt erstmal ewig warten, bis die Ergebnisse vorliegen. Das ist auch nicht notwendig, weil wissenschaftliche Studien zu Maßnahmen für die Erhaltung der Biodiversität bereits vorliegen, durchaus auch im regionalen Kontext. Wir haben also eine gute Vorstellung davon, dass und wie Erfolg und Nachhaltigkeit von Maßnahmen von den Besonderheiten lokaler Landschaftsstrukturen abhängen. Herausforderungen sehe ich hier eher in der flächendeckenden Umsetzung auf politischer Ebene, weil die Förderung nach dem Gießkannen-Prinzip hier zu kurz greift. Wie unterschiedliche regional-spezifische Maßnahmen umgesetzt, d.h. gefördert werden, und eine gezielte Gesamtwirkung erreichen sollen, ist mir noch unklar.

NeFo: Die Bundesumweltministerin kündigt ja unter anderem an, sich um die Lichtverschmutzung zu kümmern. Kann man denn ungefähr eingrenzen, welche Ursachen welchen Anteil am Insektenrückgang haben, welchen bspw. die Landwirtschaft spielt, und welche Politiksektoren entsprechend Priorität haben sollten?

Jauker: Das ist schwierig. Ich würde sagen, er herrscht ein allgemeiner Konsens, dass dem Landnutzungswandel, inklusive Änderungen in der Nutzungsintensität, eine besondere Rolle zukommt. Naturgemäß muss demnach dem Landwirtschaftssektor eine besondere Bedeutung zukommen, zumal hier die größten Flächenanteile liegen. Es ist wahrscheinlich, dass Faktoren wie Lichtverschmutzung bei Tiergemeinschaften, denen der Landnutzungswandel bereits zusetzt, die negativen Auswirkungen noch verstärken. Solche additiven und synergetischen Effekte machen es schwierig, Belastungen hinsichtlich der Stärke ihrer Auswirkung einzeln zu bewerten. Ich finde es aber erfreulich, dass das Thema aufgegriffen wird. Ich denke, hier gibt es großes Erfolgspotential, da auch energetische, also geldwerte Einsparungen möglich sind. Gerade im Siedlungsbereich, der eine hohe Artenvielfalt beherbergen kann, ist die Lichtverschmutzung durchaus relevant.

NeFo: Das Aktionsprogramm soll dazu beitragen, den Einsatz von Pestiziden vor allem in ökologisch empfindlichen Gebieten zu verringern. Welche Pestizide sind hier gemeint? Wie sind diese Gebiete definiert und reicht es aus, sich auf solche Gebiete zu reduzieren?

Jauker: Gemeint sind sowohl Insektizide, die direkt auf Insekten wirken, als auch Herbizide, die gegen Wildkräuter eingesetzt werden. Genannt sind als Insektizide „bestimmte“ Neonikotinoide, wo ein EU-weites Verbot angestrebt wird, und als Herbizid Glyphosat, dessen Einsatz eingeschränkt werden soll. Da diese Mittel sich naturgemäß direkt gegen Insekten oder deren Nahrungsressourcen richten, wurde intensiver Pestizideinsatz häufig als Ursache für Artenrückgang beschrieben. Ich halte es aber für unwahrscheinlich, dass wir ein Phänomen im Ausmaß der Biodiversitätskrise mit der Regulierung nur einzelner Pestizide begegnen können, sprich wir ziehen eine Stoffgruppe aus dem Verkehr und die Krise hebt sich auf. Es erscheint mir vielmehr sinnvoller, einen generell nachhaltigen, also reduzierten und effizienteren Mitteleinsatz flächig anzustreben, inklusive Düngung. Das würde auch eine Verdriftung von Pestiziden in ökologisch sensible Gebiete, die bereits nachgewiesen wurde, vermindern. In Schutzgebieten haben wir ja auch Probleme, die Vielfalt zu halten, ebenso wie in der Agrarlandschaft. Also ist eine sinnvolle, flächige Strategie durchaus wünschenswert.

NeFo: Das Aktionsprogramm schlägt recht grundsätzliche Ziele vor, die sich durchaus mit den Empfehlungen der Wissenschaft, etwa des Weltbiodiversitätsrates, decken, etwa die Anreicherung großer Flächen mit Strukturelementen wie Wildkräutern, Hecken, um Lebensräume für Wildtiere wie Insekten, Vögel etc. zu schaffen, die der Landwirtschaft ja auch nützen. Welche Insekten können damit denn geschützt werden, welche nicht, und kann man sagen, mit welchen Maßnahmen man die höchste Zahl an Arten schützen kann?

Jauker: Die vorgeschlagenen Maßnahmen sind durchweg sinnvoll und ich sehe sie als eine Weiterentwicklung vom Artenschutz zum Biodiversitätsschutz. Es ist aber ein illusorisches Ziel, alle Arten auf derselben Flächen haben zu wollen: Eine Libelle hat andere Ansprüche als ein Laufkäfer und entsprechend werden unterschiedliche Maßnahmen unterschiedlich effektiv für unterschiedliche Insektengruppen sein – schon innerhalb von Familien gibt es Arten, die sich de facto auf derselben Fläche ausschließen. Um den Erfolg von Maßnahmen abschätzen zu können muss also großflächig die umgebende Landschaft sowie der regionale Artenpool berücksichtigt werden. Das ist nicht einfach umzusetzen und bedarf einer sauberen Planung.

NeFo: Um flächendeckend Erfolge zu erzielen, müssten die Biotope auch vernetzt werden. Die Umweltministerin spricht von Verbindungskorridoren. Welche Insekten betrifft das und wie müsste solch ein Netz idealerweise aussehen?

Jauker: Eine Vernetzung von Habitaten ist nicht nur für Insekten wichtig, sondern für alle Organismen. Wir neigen dazu, ein Tier zu betrachten und zu denken, es ist am Fundort „zuhause“. Die Besetzung von Habitaten ist aber ein extrem dynamischer Prozess und in der Ökologie spielt immer Zu- und Abwanderung eine ganz entscheidende Rolle. Die zuvor erwähnten Maßnahmen stellen also nicht nur zusätzliche Habitate bereit, Hecken, Wegeränder und Randstrukturen allgemein erhöhen die Durchlässigkeit einer Landschaft ganz enorm. Das ist wichtig, um stochastische lokale Störungsereignisse auszugleichen und für die Robustheit und Resilienz von Lebensgemeinschaften entscheidend. Solche langzeit-dynamischen Effekte können natürlich frustrierend sein, weil Erfolge schwierig zu erfassen sind, oder nur mit hohem Aufwand.

NeFo: Um solch ein bundesweites Biotopnetz zu erstellen müssten nicht nur die Landwirte über die eigenen Betriebsflächen hinaus planen, sondern auch die Behörden auf regionaler, Länder- und Bundesebene. Bietet das Aktionsprogramm hierfür irgendwelche Anreize an?

Jauker: Anreize werden nicht ausreichen, es braucht hier den klaren politischen Willen, räumlich explizite, also regional-spezifische Maßnahmen zu ermöglichen und zu erleichtern. In der Tat sehe ich hier den größten Brocken und in der aktuellen Form nicht wirklich Lösungsansätze.

NeFo: Das Bundesumweltministerium möchte nun Praxisprojekte zum Schutz von Insekten und ihrer Artenvielfalt mit fünf Millionen Euro im Jahr fördern. Lassen sich damit Ihrer Meinung nach die im Eckpunkteplan gesetzten Ziele realisieren?

Jauker: Mit fünf Millionen Euro jährlich hält man nicht die Biodiversitätskrise auf. Auch kann man nicht wirklich von einer gezielten Strategie sprechen, wenn sich relevante Projekte auf finanziellen Anreiz selbst initiieren sollen. Sicherlich werden hier gute Möglichkeiten für lokale Akteure geschaffen, aber ich vermisse Planbarkeit und Steuerungspotential. Es wird ja auch auf schon laufende Bemühungen hingewiesen, hinter denen nicht unerhebliche Finanzierungen stehen, aber noch klingt das eher wie ein Sammelsurium als ein konkreter Plan.

NeFo: Nach dem Vorschlag der EU-Kommission für die kommende Agrarförderung der EU (GAP) soll das Greening, die Bindung von rund einem Drittel der Direktzahlungen für Landwirte an Umweltmaßnahmen, alternativlos gestrichen werden. Außerdem möchte die EU künftig den Mitgliedstaaten stärker selbst überlassen, welche Auflagen sie ihren Landwirten auferlegen. Das klingt nicht nach einer Förderstruktur, die die Umsetzung des Aktionsplans Insektenschutz erleichtert. Ist hier eine breite Kooperationsbereitschaft der deutschen Landwirte zu erwarten? Macht ein solcher nationaler Plan unabhängig von der Zielsetzung auf europäischer Ebene überhaupt Sinn?

Jauker: Das ist eine fatale Entwicklung. Natürlich ist es möglich, von kleiner lokaler Ebene aus zu operieren – hier liegen bei den lokalen Akteuren schließlich die besten und detailliertesten Kenntnisse vor. Sind aber nationale Maßnahmen nicht auf EU-Ebene abgestimmt, wird Bürokratie auf- statt abgebaut und es wird über kurz oder lang zu Abnutzungserscheinungen kommen. Es ist zwingen notwendig, eine übergeordnete Strategie vorzugeben, sowie Werkzeuge unbürokratisch umzusetzen. Das sehe ich nicht, wenn die Verantwortlichkeiten nach unten durchgereicht werden.

Andererseits schreibt die Bundesregierung ja in ihrem Eckpunktepapier:

"Die Bundesregierung wird sich bei den Verhandlungen zum künftigen Mehrjährigen Finanzrahmen der EU (MFR) post-2020 dafür einsetzen, die EU-Naturschutzfinanzierung zu verbessern. Bei der Ausgestaltung der kommenden EU-Förderperiode soll ein Beitrag zum Insektenschutz durch geeignete Fördertatbestände und Kriterien berücksichtigt werden. In diesem Rahmen muss die Landwirtschaft künftig auch einen größeren Beitrag zur Bewältigung der Herausforderungen bei Klima- und Umweltschutz sowie beim Erhalt der Biodiversität leisten. Vor diesem Hintergrund soll die GAP die Leistungen der Landwirtschaft zum Schutz der Umwelt, der Biodiversität, des Klimas und der natürlichen Ressourcen besser honorieren. Zudem werden die nationalen Mittel für den Insektenschutz erhöht."

Wenn das Aktionsprogramm Insektenschutz sich zu einer deutlichen naturschutzfachlichen Verbesserung der GAP verpflichtet, wird es sich auch an deren Erfolg messen lassen müssen.

NeFo: Sie haben ja vermutlich Kontakt zu vielen Landwirten und kennen deren Bereitschaft zu Naturschutzmaßnahmen. Wie, denken Sie, sollten die Rahmenbedingungen gesetzt werden, damit die Landwirte beim Insektenschutz mitziehen?

Jauker: Das Extrem, dass unsere Landschaft als rein industriell zu nutzende Produktionsfläche ausschließlich betriebswirtschaftlich betrachtet wird, ist ziemlich selten. Im Allgemeinen herrscht die Sichtweise vor, dass die Bewirtschaftung Teil unserer Kulturlandschaft ist, und die Bereitschaft, nachhaltige Bewirtschaftung mit Berücksichtigung der belebten Umwelt zu führen, ist groß. Hauptsächlich natürlich bei kleinen bis mittleren Betrieben, die für eine reiche Landschaftsstruktur oft wertvoll sind. Gerade hier braucht es dringend eine pfiffige Strategie und breiten Konsens, um diese Bereitschaft mitzunehmen. Wir werden uns als Gesellschaft Gedanken darüber machen müssen, was uns eine nachhaltige Bewirtschaftung der Kulturlandschaft wert ist und wie Mittel dafür zu verteilen sind. Das geht eigentlich nur über eine Neuausrichtung der Agrarpolitik, auch auf EU-Ebene. Im Aktionsplan ist dazu leider noch wenig zu finden.

NeFo: Seit den dramatisch klingenden Zahlen des Krefelder Entomologenvereins sind die Insekten ja das Zugpferd der Debatte um den Biodiversitätsverlust in Europa. Das Ergebnis sind auf diese Artengruppe zugeschnittene Aktionspläne. Ist das aus Ihrer Sicht sinnvoll, sich auf einzelne Artengruppen zu fokussieren? Erreicht man so die wirklichen Ursachen des Biodiversitätsverlustes?

Jauker: Den Biodiversitätsverlust zu stoppen ist eines der wichtigsten, aber auch anspruchsvollsten gesellschaftlichen Ziele. Leider muss man aber sagen, dass konkrete Konzepte, geschweige denn praxistaugliche Werkzeuge, fehlen. Wir haben weder Zeit noch Mittel oder Personal für alle Arten eigene Konzepte zu entwickeln, so dass eine übergreifende Betrachtung unumgänglich sein wird. Insekten kommt naturgemäß eine wichtige Rolle zu, sowohl hinsichtlich der taxonomischen Diversität als auch ihrer Bedeutung im Ökosystemgefüge. Das geht weit über die Bereitstellung von Nahrung für andere Organismen hinaus und betrifft Funktionen wie Bestäubung, ökologische Schädlingsbekämpfung, aber auch Übertragung von Krankheiten. Die Insekten sind somit vielfältig genug, um uns als Gruppe vor enorme Herausforderungen zu stellen. Sind wir hier erfolgreich, können wir das nutzen, um sinnvolle Konzepte anzupassen und auf weitere, weniger zugängliche Komponenten biologischer Vielfalt auszuweiten, z.B. unter dem Schlagwort Bodengesundheit.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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