InterviewNeuer IPBES-Bericht zu Landdegradierung und -wiederherstellung

„Investitionen in den weltweiten Naturschutz sind nötige Investitionen für unsere Zukunftssicherung“
Im NeFo-Interview: 
Prof. Aletta Bonn (UFZ/iDiv)

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Prof. Aletta Bonn
Foto: S. Bernhardt, iDiv.

Der neue Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES zu Landdegradierung und –wiederherstellung stellt deutlich heraus, dass die zunehmende Verschlechterung der Ökosysteme, ihrer Artenvielfalt und Leistungen für die Menschen, künftig zu massiven Problemen führen wird. So werden bis 2050  durch die Kombination von Landdegradierung und Klimawandel die weltweiten Ernteerträge um durchschnittlich 10 % und in einigen Regionen um bis zu 50 % reduziert sein. Die meisten Schäden werden dabei in Mittel- und Südamerika, in Afrika südlich der Sahara und in Asien auftreten - jenen Gebieten mit den meisten noch verbliebenen für die Landwirtschaft geeigneten Flächen.

Doch das hat auch Auswirkungen auf unser Leben. Ein Großteil unserer Lebensmittel wird an anderen Stellen der Erde produziert, wir hängen also auch von der Produktivität der Ökosysteme anderswo ab. Und wir bekommen die Folgen zu spüren, etwa den Klimawandel, der global stattfindet. Wir sind durch unser Konsumverhalten mitverantwortlich an der Misere und müssen gegensteuern, meint Prof. Aletta Bonn vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ und Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). Sie war Leitautorin im Kapitel 7, in dem es um Alternativen für die Zukunft  und Handlungsoptionen geht. Im NeFo-Interview erklärt sie, warum der Bericht uns in Deutschland interessieren sollte.

 


NeFo: Frau Bonn, was ist eigentlich Landdegradierung?

Bonn: Der Begriff „Landdegradierung“ umfasst alle Prozesse, die die biologische Vielfalt, die Fauna und Flora, betreffen und diese nachhaltig und dauerhaft beeinträchtigen. Aber auch die Funktionen und Leistungen der Ökosysteme, die von den Menschen genutzt werden, wie die Nahrungsmittelproduktion, Bestäubung, Kohlenstoffspeicherung von Wäldern, Mooren und Böden, Rückhaltung und Reinigung von Wasserreinigung oder auch Erholung und Naturerfahrungen der Menschen.

IPBES fasst den Begriff wesentlich breiter als etwa die UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung UNCCD, die ihn nur auf Wüsten und Trockengebiete anwendet. Doch Landdegradierung kann überall stattfinden, auch bei uns, etwa wenn die Böden landwirtschaftlich nicht nachhaltig genutzt werden oder wenn Gewässer mit einem so hohen Nährstoffeintrag belastet werden, dass sie ihren guten ökologischen Zustand nicht erreichen und ihre Funktionen ausüben können und wir dann Probleme bei der Erfüllung der Wasserrahmenrichtlinie der EU bekommen.

NeFo: Wo haben wir den in Deutschland die größten Probleme mit Landdegradierung?

Bonn: Hierzu sind ja schon viele Studien verfasst worden. Wir wissen vor allem die Moore oder hochorganischen Böden sehr stark beeinträchtigt worden sind. Hier hat Deutschland allerdings für die verbliebenen Flächen inzwischen ein sehr gutes Regelwerk, Schutz- und Renaturierungsprogramme. Allerdings muss man auch sagen, dass viele dieser hochorganischen Böden eigentlich Moorböden sind, aber unter Agrarnutzung stehen und so zu einem erheblichen Anteil unserer klimawirksamen Emissionen beitragen. Entsprechend wären Renaturierungsmaßnahmen ein sehr kosteneffizienter Weg zum Klimaschutz, der sich wiederum positiv auf die Landdegradierung weltweit auswirken würde.

Ein anderer großer Bereich sind die Flussauen, die in Mitteleuropa stark menschlich überprägt sind ihre Funktionen wie Nährstoffrückhaltung oder Hochwasserschutz verlieren. Dazu gibt es in Deutschland inzwischen auch einige Wiederherstellungsprogramme. Ein sehr schönes liegt an der Mittleren Elbe, wo dem Fluss wieder mehr Raum gegeben wird, was der Flora und Fauna, aber auch dem Menschen zur Erholung und eben dem Hochwasserschutz dient.

Ansonsten muss man sagen, dass unsere von der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU geprägten Landwirtschaft oft nicht unbedingt nachhaltig arbeitet und durch Chemikalieneintrag, Zerschneidung von Lebensräumen oder monotone Anbauweisen der Biodiversität abträglich ist. Wir sehen bei uns einen starken Rückgang von Vögeln und Insekten, was auf verschiedene Faktoren zurückgeht.

NeFo: Der IPBES-Bericht zu Landdegradierung und -wiederherstellung ist ja ein globaler Bericht. In welchen Weltregionen hat Landdegradierung denn die stärksten Auswirkungen?

Bonn: Landdegradierung findet überall statt, allerdings in sehr unterschiedlicher Weise. Es gibt natürlich Länder und Regionen, die noch sehr ursprüngliche Ökosysteme aufweisen, in denen der Wandel wesentlich schneller und gravierender vor sich geht, auf der anderen Seite haben wir in Europa ja schon sehr stark kulturell überprägte Landschaften, die aber auch von Landdegradierung betroffen sind, etwa was den Nährstoffanteil anbetrifft, und deshalb muss man hier differenzierte Sichtweisen ansetzen. Allerdings gibt es sicherlich einige Hotspots für Landdegradierung, die vom Konsumverhalten der Industrieländer beeinflusst werden, wo es dann zu sozialen Unruhen und Migrationsereignissen kommen kann, was globale Auswirkungen haben kann.

NeFo: In welchen Politikbereichen müsste man Ihrer Meinung nach am ehesten ansetzen?

Bonn: Man muss unterscheiden zwischen direkten und indirekten Treibern, und auf der einen Seite ist natürlich die Landnutzung ein direkter Treiber, die wird aber beeinflusst durch indirekte Treiber wie unser Konsumverhalten, auch globale Handelsnetzwerke und komplexe Lieferketten. Diese sind evtl. schwieriger anzugehen, gleichzeitig können wir alle sie aber durch unser Konsumverhalten beeinflussen.

Hier ist sicherlich ein großer Ansatzpunkt, bei dem wir auch berücksichtigen müssen, dass wir in einer globalisierten Welt leben und unsere Konsumentscheidungen Einfluss auf Ökosysteme in der ganzen Welt haben, teilweise auch anders herum durch interregional vernetzte Flüsse von Ökosystemleistungen, was wir auch Telecoupling nennen. Hier ist ein wichtiger Ansatzpunkt für Deutschland. Es gibt bereits das Kompetenzzentrum für nachhaltigen Konsum, das gestärkt werden müsste.

NeFo: Was wäre denn ein Beispiel für diesen Telecoupling-Effekt, also Einfluss unseres Verhaltens auf Ökosysteme anderswo?

Bonn: Da fällt mir an erster Stelle die Palmölproduktion ein. In fast allen unsere Produkte findet sich Palmöl. Dafür werden in Südostasien großflächig Torfwälder abgeholzt, wodurch aus den Böden massiv Klimagase entweichen. Wir reden hier von einer der größten Kohlenstoffemissionsquelle weltweit. Gleichzeitig werden wertvolle Regenwälder, die Kinderstube bspw. des Orang Utans, zerstört. Diese Böden sind aber nur einige Jahre produktiv und danach sowohl ökonomisch als auch ökologisch quasi wertlos, und das dauerhaft.

NeFo: Für wen sind die Informationen, die die 100 internationalen Expertinnen und Experten zusammengetragen haben, in Deutschland relevant?

Bonn: Der Bericht ist so geschrieben, dass er für alle interessierten und informierten Politiker aber auch Bürger von Interesse sein sollte. Ich würde mir wünschen, dass Verbände die Informationen aufgreifen, aber auch die Behörden und Ministerien dies umsetzen. Dazu laufen bereits Prozesse, wie diese Erkenntnisse für die nationale Ebene übersetzt und konkretisiert werden können. Wir wollen dazu in einen Dialog treten, um die Handlungsoptionen zuerst definieren und dann umsetzen zu können.

NeFo: Warum ist der Bericht für Deutschland wichtig?

Bonn: Weltweit sind über 3 Mrd. Menschen von Landdegradierung betroffen und das führt auch zu großen ökonomischen Schäden. Wir sind in Deutschland durch globale Handelsketten und Konsumverhalten mitverantwortlich dafür, und wenn wir eine nachhaltige Gesellschaft erreichen wollen, was wir in den UN-Nachhaltigkeitszielen festgelegt haben, müssen wir uns damit beschäftigen und u.a. Lösungen finden, wie diese Umweltkosten internalisiert werden können.

NeFo: Was ist die zentrale Botschaft und Handlungsmöglichkeit an die Politik?

Bonn: Gesellschaft und Politik müssen die Erhaltung und Renaturierung von Ökosystemen als Investment in unsere Zukunft sehen, denn diese sind unsere Lebensgrundlage, und die Kosten, nichts zu tun, sind wesentlich höher. Und dabei sollte man sich nicht auf eine Binnensicht beschränken. Dadurch, dass der Großteil unserer Produkte an anderen Stellen in der Welt produziert wird, investieren wir auch in unsere Ernährungssicherung.

Es gibt bereits Investitionen im Rahmen des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung ICI, mit dem Naturschutzprojekte in der Welt gefördert werden. Diese Unterstützung sollten meines Erachtens aber eher vom Finanzministerium als vom Umweltministerium geleistet werden, da es um unsere Zukunft geht und das kann man nicht nur auf ein Ministerium reduzieren, das ist eine gemeinsame Aufgabe. Diese Sichtweise ist wichtig.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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