Interview25 Jahre Biodiversitätskonvention

„Ohne CBD würde das Thema Biodiversitätsverlust noch weiter in der Versenkung verschwinden“
Im NeFo-Interview: 
Dr. Elsa Nickel (BMU) und Prof. Christoph Görg (Universität für Bodenkultur Wien)

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Dr. Elsa Nickel, Prof. Christoph Görg

Das Motto zum diesjährigen internationalen Tag der biologischen Vielfalt am 22.05. ist ganz pragmatisch: 25 Jahre CBD. Grund zum Feiern? Ja, meinen die Leiterin der Abteilung Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung im Bundesumweltministerium Elsa Nickel und der Politologe Christoph Görg. Trotz oder gerade wegen des fortschreitenden Biodiversitätsverlustes. Denn ohne sie käme das Thema in der politischen Debatte vermutlich kaum vor. Im NeFo-Interview analysieren sie, was die CBD erreicht hat, was nicht, und warum sie nicht der alleinige Heilsbringer sein kann.

„Wir brauchen eine Trendwende. […] Wir brauchen sie jetzt – unmittelbar und nicht irgendwann“, rief Bundeskanzlerin Angela Merkel im Berliner Naturkundemuseum dem Publikum zu. Es war der 11. Januar 2010, Merkel eröffnete gerade das Internationale Jahr und gleichzeitig die Dekade der biologischen Vielfalt, die dem internationalen Naturschutz neuen Wind in die schlaff hängenden Segel blasen sollten. Denn bis 2010, so hatte man es sich im Rahmen der CBD als Ziel gesetzt, sollte der Verlust von Arten, Ökosysteme und genetischen Vielfalt signifikant verringert sein, was global wie auch in Deutschland nicht gelang. „Aber ich sage auch: Wir müssen realistisch sein; es ist schwierig“, führte Merkel ihre Rede fort.

Heute, acht Jahre später, hat Merkels Rede kaum an Aktualität eingebüßt. Der Schutz der biologischen Vielfalt erscheint unverändert schwierig. Zwar kann die CBD die Erfüllung einiger weniger der selbst gesetzten Ziele vermelden. So ist das Vorhaben, mindestens 17 Prozent der Land- und Binnenwassergebiete unter Schutz zu stellen fast geschafft (AICHI-Ziel 11 des strategischen Plans der CBD) und das Nagoya-Protokoll zur Regelung des gerechten Vorteilsausgleichs bei der Nutzung genetischer Ressourcen ist in Kraft getreten (AICHI-Ziel 16). Das Gesamtziel aber, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen, wird auch bis 2020 kaum erreicht werden können. Man bewege sich weitgehend in die richtige Richtung, aber leider zu langsam, um die gesetzten Ziele rechtzeitig erreichen zu können, lautete das Zwischenfazit im Jahr 2014 sowohl auf internationaler als auch deutscher Ebene.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die bisher ergriffenen Maßnahmen nicht ausreichen, die in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt gesetzten Ziele zu erreichen“, fasst das Bundesumweltministerium in ihrer 2015 veröffentlichten „Naturschutzoffensive 2020“ die Lage zusammen. Von 13 Indikatoren mit einem konkreten Zielwert lägen die Werte von elf Indikatoren noch weit oder sehr weit vom Zielbereich entfernt. Die Verursacher des Rückgangs der biologischen Vielfalt täten schlicht zu wenig und immer dort, wo es um die Nutzung der Natur geht, stehe der notwendige Politikwandel noch aus.

„Der wesentliche Grund dafür ist nach wie vor, dass Naturschutz nicht als gemeinschaftliche Aufgabe angesehen und nach wie vor weitgehend dem Umweltressort zugeschrieben wird“, meint der Professor für soziale Ökologie Christoph Görg von der Universität für Bodenkultur Wien. Dabei liegen die Stellschrauben in ganz anderen Bereichen, denn erst die nicht-nachhaltige Nutzung der Natur führt zu ihrer Beeinträchtigung.

„Eine Analyse der wichtigsten Primärsektoren zeigt, dass die mit der Landwirtschaft zusammenhängenden Ursachen für 70 Prozent des prognostizierten Rückgangs der terrestrischen Biodiversität verantwortlich sind“, ist dem Global Biodiversity Outlook von 2014, der vierten Ausgabe eines umfassenden Berichts, in dem die CBD all fünf Jahre Rechenschaft ablegt, zu entnehmen. Zwar nimmt der Anteil des Ökolandbaus zu und schädlicher Düngereinsatz ab, jedoch nicht in ausreichendem Maße, um AICHI-Ziel 7 einer globalen nachhaltigen Landwirtschaft zu erreichen. Was mit Blick auf Ziel 3 des CBD-Zielkatalogs wenig verwundert. Bis 2020 sollten schädliche Subventionen gestrichen sein. In der EU ist bisher nicht einmal offiziell erfasst worden, welche das sein könnten, und die derzeitige Debatte um Direktzahlungen an Landeigner in Milliardenhöhe ohne ernstzunehmende  Gegenleistungen bezüglich nachhaltiger Produktionsbedingungen zeigt, dass die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlage für heutige und vor allem künftige Generationen in den Regierungen nach wie vor nicht als vorrangig erachtet wird.

Bei so geringen Fortschritten: Warum sollten wir das 25-jährige Bestehen der CBD feiern? Weil ohne sie nicht einmal das Problem wahrgenommen würde, meint Dr. Elsa Nickel, Leiterin der Abteilung Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung im Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Zwar bekomme das Thema noch immer nicht die Aufmerksamkeit, die ihm gebühre, wie sie etwa der Klimawandel erfährt. Allerdings habe die CBD maßgeblich zu dem Bewusstsein beigetragen, dass es hier um wesentlich mehr geht als den Verlust von Arten nämlich um unsere natürlichen Lebensgrundlagen. „Ohne die CBD hätte das Thema Biodiversität auf der Ebene der deutschen Politik und auch im Bereich der EU-Politik einen wesentlich geringeren Einfluss auf andere Politikbereiche“, meint Nickel. 190 der 196 CBD-Vertragsstaaten verfügten über Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne, was ohne dieses Übereinkommen so kaum vorstellbar wäre.

„Vor allem ist die CBD auch wichtig um die Erfolge aber auch die Untätigkeit der Staaten zu dokumentieren und sichtbar zu machen“, meint Christoph Görg, Politikwissenschaftler und Professor für soziale Ökologie an der Universität Klagenfurt. Erst ihre Existenz zwinge die Staaten dazu, das Problem des Verlustes der biologischen Vielfalt gemeinsam zu diskutieren. In einer globalisierten Welt seien die Einflüsse wirtschaftlichen Handelns ja nicht auf das eigene Staatsgebiet beschränkt.

Letztendlich könne man aber auch nicht erwarten, dass die CBD alleine das Problem des Biodiversitätsverlustes löst, meint Görg. „Wir alle müssen das im Alltag anfangen“. Es brauche ein öffentliches Verständnis dafür, dass wir alle mit unserem Verhalten Teil des Problems sind und unseren Lebensstil entsprechend umstellen müssen. Von den Regierungen müsse die Zivilgesellschaft aber auch stärker einfordern, dass Entscheidungen anders gefällt werden als es derzeit der Fall sei.

 

NeFo: Frau Nickel, zum diesjährigen internationalen Tag der biologischen Vielfalt fordert die CBD uns auf, ihr 25-jähriges Bestehen zu feiern. Erst im März hat der Weltbiodiversitätsrat IPBES vier Berichte zu fast allen Weltregionen präsentiert, die zum Zustand der Lebensräume, der Artenvielfalt und deren Leistungen, die wir Menschen nutzen, ein ziemlich düsteres Bild zeichnen. Der letzte umfassende Bericht der CBD hatte bereits 2014 vorgezeichnet, dass die meisten der 20 AICHI-Ziele bis 2020 nicht erreicht werden dürften. Wir sind also kaum weiter als 2010. Warum sollten wir Ihrer Meinung nach dennoch feiern?

Nickel: Ich denke schon, dass wir einen Grund zum Feiern haben. Alleine die Tatsache, dass seit 1994 alle zwei Jahre 196 Vertragsstaaten, und damit fast die ganze Welt, zusammenkommen um über Maßnahmen zum weltweiten Schutz der biologischen Vielfalt zu beraten, ist keine Selbstverständlichkeit und als Erfolg zu werten. Ich gehe davon aus, dass es um die globale Biodiversität ohne die CBD noch weit schlechter bestellt wäre. Ich stimme Ihnen auch nicht zu, dass wir von einem „Scheitern“ der gesetzten Ziele sprechen sollten. Eine Reihe von Zielen wird zwar nicht erreicht werden, aber wir bewegen uns in die richtige Richtung.

Dort wo wir uns von den Zielen wegbewegen, müssen wir die Anstrengungen entschieden verstärken. In keinem Fall sollten wir den Schluss ziehen, dass die Ziele nicht richtig gesetzt waren. Der strategische Plan der CBD und seine Aichi-Biodiversitätsziele sind ein sehr ambitionierter Rahmen, an dessen Umsetzung eine Vielzahl von Akteuren mitwirken muss und für dessen Verwirklichung wir möglicherweise noch etwas mehr Zeit brauchen.

NeFo: Wie denken Sie darüber, Herr Görg?

Görg: Ich hatte nie die Erwartung, dass die CBD das Problem des Biodiversitätsverlustes alleine lösen kann bzw. dass eine internationale multilaterale Konvention es ausreichend adressieren kann. Ich empfinde schon eine gewisse Ernüchterung bzgl. der Ergebnisse nach 25 Jahren, allerdings wissen wir auch nicht, ob es ohne CBD noch schlimmer gekommen wäre. In der Zeit haben wir gelernt, dass die Problemlage sehr komplex ist und weder ein zwischenstaatliches Abkommen noch Staaten alleine in der Lage sind, die Probleme zu lösen. Von daher würde ich jetzt nicht daraus schließen, dass wir auf solche multilateralen Abkommen verzichten sollten, sondern dass wir sie realistisch einschätzen müssen.

NeFo: Was hat die CBD denn erreicht?

Görg: Meines Erachtens hat die CBD wesentlich zur Bildung eines Problembewusstseins beigetragen hat, auf internationaler Ebene, aber auch in die Nationalstaaten hinein. Außerdem hat sie zu dem Bewusstsein beigetragen, dass es hier um wesentlich mehr geht als den Verlust von Arten; sie hat die Breite des Themas sowie der Ursachen und Triebkräfte aufgezeigt und verdeutlicht, warum dieser Verlust gesellschaftliche Relevanz hat, dass unsere natürlichen Lebensgrundlagen daran hängen. Ohne CBD hätte sich das nicht so schnell durchgesetzt.

Besonders hervorheben würde ich hier das Thema „Gerechter Vorteilsausgleich bei der Nutzung genetischer Ressourcen“ und der Vorwurf der Biopiraterie. Die CBD hat hier ganz klar einen starken Einfluss gehabt, das Nord-Süd-Problem beim Umgang mit diesen Ressourcen deutlich zu machen, und erst dadurch ist auch in der Bundesregierung ein Problembewusstsein entstanden.

Nickel: Da stimme ich Herrn Görg völlig zu. Die CBD hat wesentlich dazu beigetragen, das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit dafür zu schärfen, dass der Verlust der globalen Biodiversität als eine der beiden großen internationalen Herausforderungen der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik betrachtet wird, der man mindestens die gleiche Aufmerksamkeit widmen müsste wie dem Klimaschutz. Die Zielvorgaben der CBD sollen auf nationaler Ebene maßgeblich durch die nationalen Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne umgesetzt werden. Aktuell verfügen 190 der 196 Vertragsstaaten über Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne. Vermutlich hätten viele dieser Staaten bis heute keine derartigen Pläne und Strategien, gäbe es die CBD nicht.

In Deutschland verfügen wir mit der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS), die übrigens vom Kabinett verabschiedet wurde und damit ein Vorhaben der gesamten Bundesregierung ist, und den Strategien einzelner Bundesländer sogar über mehrere, sich ergänzende Strategien zum Schutz der biologischen Vielfalt in unserem Land. Mit der Naturschutz-Offensive 2020 haben wir kürzlich noch einen Aktionsplan zur Verstärkung der Aktivitäten hinzugefügt.

NeFo: Wenn das Problembewusstsein bei den Regierungen also nun vorhanden ist, warum scheitern sie dann regelmäßig dabei, den Rückgang der natürlichen Lebensräume und der Artenvielfalt zu stoppen?

Görg: Weil es in der Politik nicht nur um Bewusstsein geht, es geht um Interessen und Macht. Biodiversitätsverlust und die Degradierung von Ökosystemen berühren ja unheimlich viele Bereiche. Die Hauptursache dafür sind ja Formen des Landnutzungswandels, von der Abholzung der Regenwälder über die Zersiedelung der Landschaft bis hin zur Intensivierung der Landwirtschaft. Und die gesellschaftlichen Triebkräfte, die dahinter stehen, sind natürlich niemals alleine von der Naturschutz- oder Umweltpolitik zu beeinflussen, da kommen viel mächtigere Interessen in der Gesellschaft ins Spiel wie etwa die Lobby der Landwirtschaft, der Verkehrsinfrastruktur oder des Energiesektors. Das sind die Akteure, an denen eine effektive Naturschutzpolitik regelmäßig scheitert. Deshalb redet man auch davon, dass der Verlust der Biodiversität zu einem sogenannten Querschnittsthema gemacht werden müsste.

Wenn es hart auf hart kommt, hat der Naturschutz in der Politik keine starke Position. Die neue Piste des Frankfurter Flughafens etwa wurde auf den Flächen eines ehemaligen Bannwaldes gebaut, der eine ganz hohe Schutzkategorie hatte. Die neue österreichische Regierung will sogar als Staatsziel festschreiben, dass Interessen des Wirtschaftswachstums und der Wettbewerbsfähigkeit immer Vorrang gegeben werden soll. Als ob das nicht sowieso schon der Fall wäre. Und ich vermute mal, dass diese Prämisse jede Regierung unterschreiben würde. Ein Bewusstsein bringt also noch lange keine Entscheidungsänderung.

Außerdem sind die Akteure in multilateralen Abkommen die Einzelstaaten, deren Interessen und Strategien durch die Abkommen nicht wirklich eingeschränkt werden. Das bedeutet, dass hier nur Kompromisse zu erwarten sind, die keinem wehtun und konkrete Maßnahmen immer den stärkeren Interessen nachgeordnet werden.

Nickel: Herrn Görgs Analyse ist aus der Sicht des Bundesumweltministeriums nichts hinzuzufügen!

NeFo: Das klingt aber doch nach einer Feigenblatt-Funktion. Wenn die Staaten sich auf internationaler Ebene mit weitreichenden und offiziell verbindlichen Naturschutzzielen aus dem Fenster lehnen können, diese innerstaatlich jedoch kein Gewicht haben, ist das nicht Irreführung?

Görg: Ich denke, man sollte die CBD wie auch ähnliche Abkommen nicht als Instrumente der Problemlösung, sondern eher der Sichtbarmachung von Problemen betrachten. Nehmen wir beispielsweise das „2010-Ziel“, das anstrebte, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2010 nicht zu etwa stoppen, sondern nur signifikant zu reduzieren. Und selbst damit ist man grandios gescheiterte. Es ist schon wichtig, dass das dokumentiert wird, sonst würde nicht einmal das Problem sichtbar, dass wir weit über unseren Kapazitäten leben, indem wir unsere Ökosysteme immer weiter degradieren.

Das ist die Zwickmühle: Man braucht zwar die internationale Abstimmung, man sollte sich aber der Illusion entheben, dass solche Ziele ausreichen. „Mainstreaming“, also die Integration von Naturschutz in andere Politikfelder, ist ja eines der „2020-Ziele“ der CBD, der Aichi-Biodiversitätsziele. Das ist natürlich schnell gesagt. Wir haben dazu viele Untersuchungen gemacht und dabei immer wieder erfahren müssen, dass hier kaum etwas passiert. Es ist auch klar, warum. Denn dafür wäre eine klare politische Priorisierung nötig, müssten entsprechende Ressourcen zur Verfügung gestellt und ein Monitoring des Erfolgs oder Misserfolgs durchgeführt werden. Das findet kaum statt, und das hat Gründe.

NeFo: Welche Gründe?

Görg: Die Verhandler, die in solchen Regierungsdelegationen sitzen und Ziele mitformulieren, sind oft recht engagiert und gut vorbereitet. Aber sie repräsentieren ja nicht die Interessen der ganzen Regierung, sondern nur eines bestimmten Ministeriums, oder oft nur eines Teils davon. Das ist in allen Regierungen der Welt so, und der Naturschutz ist ein wenig hoch aufgehängtes Interesse, das muss man in Betracht ziehen. Wenn die Delegierten es schaffen, etwa „Mainstreaming“ in den Zielen zu verankern, heißt das noch lange nicht, dass das in den Regierungen dann unterstützt wird.

NeFo: Wie haben Sie die Umsetzung des Mainstreamings in den Regierungen denn untersucht?

Görg: Wir haben beispielsweise das Mainstreaming von Ökosystemleistungen in Europa untersucht, also geschaut, wie das Thema in den verschiedenen Politikressorts aufgenommen wird, ob finanzielle Ressourcen vergeben werden etc. Dabei haben wir festgestellt, dass da, wo es hart auf hart kommt, eine ganz andere Priorisierung vorgenommen wird, also nicht der Funktionsfähigkeit von Ökosystemen der Vorzug gegeben wird, sondern dem wirtschaftlichen Ertrag. Das wurde durch das Konzept der Ökosystemleistungen selbst sogar unterstützt.

Dieses Konzept wurde ja eigentlich entwickelt, um den ökonomischen Gründen für nicht-nachhaltige Nutzungen etwas entgegenstellen zu können, indem der Wert dieser Ökosysteme und ihrer Leistungen für die Menschen deutlich gemacht wird. Doch die Politik hat sich zu sehr auf die wirtschaftliche Bedeutung der Ökosysteme fokussiert und damit meines Erachtens einen Pyrrhussieg errungen, da man die Ökosysteme auf ihre bloßen wirtschaftlichen Werte reduziert hat und die Vielfalt der verschiedenen oft nicht-monetären Werte unterschlägt.

NeFo: Als eines der größten Triebkräfte des Biodiversitätsverlustes in Europa wird die industrialisierte Landwirtschaft genannt, die durch entsprechende Subventionen aufrechterhalten wird. In Ziel 3 der AICHI-Biodiversitätsziele haben sich die Mitgliedstaaten der CBD vorgenommen, bis 2020 alle Anreize, die den Biodiversitätsverlust vorantreiben, abzuschaffen. Derzeit verhandelt die EU ihre Subventionspraxis im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik neu. Sollten die Vorschläge der Kommission angenommen werden, bliebe das Gros der Gelder wider besseres Wissens unabhängig von Naturschutzmaßnahmen. Und das trotz der Verpflichtungen im Rahmen der CBD.

Görg: In den multilateralen Abkommen gehen die Staaten zwar Selbstverpflichtungen ein, die aber meist so unpräzise sind, dass sie selten Einzelmaßnahmen auf Nationalstaateben erzwingen können. Das ist sicherlich die Schwäche dieser Abkommen, die sich auch nicht ändern wird. Die EU hat dagegen hat eine andere Position. Sie ist eine suprastaatliche Institution mit einem eigenen Haushalt und kann Maßnahmen beschließen, die unmittelbar in nationales Recht übergehen. Allerdings beobachten wir hier derzeit eine Schwächung der EU-Institutionen wie Parlament und Kommission gegenüber den Staaten. In Bezug auf ihre Frage dürfte entscheidend sein, wie die derzeit anlaufenden Haushaltsverhandlungen in der EU ausgehen und wie sich das auf die Agrarsubventionen auswirkt. Einige Regierungen wachen ja wie eifersüchtig drüber, dass ihre Bauern nicht zu kurz kommen – wie schädlich die Subventionen auch sein mögen.

NeFo: Frau Nickel, vor 8 Jahren sind ja bereits die 2010-Ziele der CBD ausgelaufen. Was haben die CBD und ihre Mitgliedsstaaten damals als Reaktion darauf unternommen?

Nickel: Auf der 10. Vertragsstaatenkonferenz der CBD in Nagoya im Oktober 2010 wurde der aktuell laufende Strategische Plan verabschiedet. Mit seinen 20 Aichi-Biodiversitätszielen wurde ein ambitioniertes Zielsystem vorgelegt, welches erst in zweieinhalb Jahren ausläuft und das daher nach wie vor Gültigkeit hat. Alle Vertragsstaaten sollten die verbleibende Zeit zur verstärkten Umsetzung des Strategischen Plans nutzen. Dies haben wir so auch in den Entscheidungen der 13. Vertragsstaatenkonferenz im Dezember 2016 in Mexiko festgehalten.

NeFo: Hatten Sie den Eindruck, dass das Scheitern damals von den Regierungen als Niederlage wahrgenommen wurde und dies etwas in Bewegung setzen konnte?

Nickel: Ich wundere mich etwas über diese Frage. Ein eher unspezifisches Ziel für 2010 wurde nicht erreicht und deswegen von den Regierungen durch einen sehr konkreten ambitionierten Strategischen Plan ersetzt, übrigens mit einer Vision für 2050 und 20 konkreten wenigstens z.T. auch wirklich umsetzbaren Handlungszielen. Ich finde wir sollten hier lieber von einer sinnvollen Weiterentwicklung sprechen.

NeFo: Die CBD und die Mitgliedstaaten diskutieren jetzt wieder darüber, wie man sich nach Ablauf der derzeitigen AICHI-Biodiversitätsziele aufstellt, ob man neue Ziele braucht oder einfach nur den Zeitraum verlängert. Brauchen wir neue Ziele?

Görg: Ich denke, die Ziele sind insofern gut als sie die Komplexität des Themas abbilden, auch wenn diese Vielzahl die Kommunikation erschwert. Was die CBD allerdings noch besser machen könnte ist, die Ursachen der Probleme hinter den Zielen besser zu benennen, also etwa die wirtschaftlichen Interessen, die mit dem Landnutzungswandel einhergehen. Der ist ja die Hauptursache für den Rückgang. Die Interessen sind natürlich in den verschiedenen Ländern unterschiedlich. Brasilien will von der landwirtschaftlichen Nutzung seines Landes und insbesondere seiner Waldflächen profitieren, Deutschland hat eher mit der Infrastruktur, der Übernutzung des Bodens, Eutrophierung etc. zu kämpfen. Also an diese Ursachen müssen wir ran, und es fehlt vor allem bis heute der Nachweis, dass das geht, ohne den hohen Ressourcenverbrauch zu drosseln. Meine Überzeugung ist: Wir werden mit unserer derzeitigen Produktions- und Lebensweise die globalen Umweltprobleme nicht lösen können.

Außerdem fehlt mir der Aspekt der Externalisierung. Viele Länder, Industrie-, inzwischen aber auch Schwellenländer, haben ihre Probleme dadurch behoben, dass sie ihre Umweltprobleme in andere Regionen der Welt verlagert haben. Da feiert man sich dann für sichtbare Fortschritte im Umweltbereich und blendet die Auswirkungen auf andere Orte aus.

NeFo: Müsste also beispielsweise benannt werden, dass Energiepflanzenanbau eine konkrete Gefährdung für die Biodiversität darstellen kann?

Görg: Landnutzungskonflikte sind hier definitiv ein wichtiges Feld, heute schon und sicherlich noch stärker in der Zukunft. Das sollte im Rahmen der CBD ernst genommen und noch deutlicher benannt werden. Schwierig wird es sicherlich, hier klare Zahlen oder Grenzwerte zu nennen, was noch nachhaltig ist und was nicht mehr, da solche Effekte schwer zu quantifizieren sind. Aber sensibilisieren sollte man dafür.

Nickel: Ich denke auch: Die Aichi-Ziele nach wie vor aktuell und stellen eine gute Basis für die Beratungen über ein CBD- Biodiversitätszielsystem nach 2020 dar. Wir haben einen Prozess zur Einbeziehung der Zivilgesellschaft und von Interessensvertretern in diese Diskussion begonnen. Dem BMU ist eine breite gesellschaftliche Diskussion des Follow-up zum aktuellen Strategischen Plan der CBD sehr wichtig. Ich finde in diesem Zusammenhang Herrn Görgs Anmerkungen sehr gut, was es bei den Diskussionen zu Post-2020 zu bedenken gibt.

Wir sollten nicht leichtfertig gute Ziele über Bord werfen, sondern diese ergänzen. Und da ist es sicherlich richtig, verstärkt nach den Ursachen der Probleme zu fragen und diese lösungsorientiert zu benennen. Vielleicht brauchen wir ergänzende Instrumente, wie Meilensteine zur Erreichung der Ziele und/oder freiwillige zusätzliche Beiträge der Vertragsstaaten zu Erreichung einzelner für den jeweiligen Staat besonders wichtiger Ziele.

NeFo: Um die globalen Umweltverhandlungen auf eine allgemein anerkannte Faktengrundlage zu stellen, hat man 2012 den Weltbiodiversitätsrat gegründet. IPBES gibt es nun seit 2012, sieben Berichte wurden veröffentlicht. Denken Sie, dass die globalen Verhandlungen rund um die Nutzung natürlicher Ressourcen nun anders verlaufen? Hat IPBES einen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik weltweit?

Nickel: Die Berichte des Weltbiodiversitätsrates IPBES sind aus meiner Sicht wesentliche Grundlagen für die internationalen Beratungen zum Schutz der biologischen Vielfalt. Den Hunderten von Wissenschaftlern, die an der Erstellung der IPBES Berichte beteiligt sind, gebührt unser Dank und großer Respekt für diese wertvolle Arbeit. Die bisher von IPBES vorgelegten Berichte machen deutlich, wie es weltweit um die biologische Vielfaltsteht. Der für 2019 erwartete Bericht zum globalen Zustand der Biodiversität und von Ökosystemleistungen wird gemeinsam mit den 6. Nationalberichten der CBD-Vertragsstaaten und dem 5. Globalen Ausblick auf die Lage der biologischen Vielfalt eine wesentliche Basis für die Beratungen der CBD über ein Biodiversitätszielsystem nach 2020 darstellen. Dies haben die Vertragsstaaten auf der 13. Vertragsstaatenkonferenz 2016 in Mexiko festgelegt und damit die Bedeutung der Arbeit des IPBES unterstrichen.

Görg: Die bisherigen Berichte sind noch nicht lange genug draußen um hier schon Bewertungen vornehmen zu können. Ich denke aber, dass IPBES durchaus seine Rolle erfüllt, tiefere Einblicke in die Problematik zu ermöglichen, indem der Stand des Wissens erfasst und zusammengefasst wird. Allerdings würde ich keinen so großen direkten Einfluss auf Politik erwarten. Es wird ja immer gefordert, dass Politik evidenzbasiert sein sollte. Das ist sicherlich ein zu Recht erhobener normativer Ansatz, hat aber mit der Realität wenig zu tun. In der Politik geht es um Macht. Was dieser nützt, ist hilfreich. Was ihr nicht nützt, ist schwierig.

Von daher sehe ich die Aufgabe von IPBES eher darin, dem Problem des Biodiversitätsverlustes mehr Gewicht zu verschaffen, die Öffentlichkeit zu aktivieren und klar zu machen, dass wir alle mit unserem Verhalten Teil des Problems sind. Meine Kollegen Ulrich Brand und Markus Wissen haben das eine „imperiale Lebensweise“ genannt, eine Produktions- und Lebensweise, die nicht verallgemeinerbar ist und ihre natürlichen Lebensgrundlagen immer mehr untergräbt. Mit solchen Aufklärungsstrategien Politik zu machen halte ich für wichtiger als nur auf die Regierungen zu schauen. Oft ist die Bevölkerung da ja auch schon viel weiter.

NeFo: Vor zehn Jahren mussten Angela Merkel und die anderen Oberhäupter der CBD-Mitgliedstaaten eingestehen, dass sie das oberste Ziel der CBD, den Verlust der biologischen Vielfalt zu stoppen, nicht erreicht haben. In zwei Jahren stehen wir an einer ähnlichen Stelle: Die Lage für die biologische Vielfalt und Ökosysteme wird weiterhin schlechter, es kommen immer weitere Triebkräfte hinzu, wie etwa der Plastikmüll. Es besteht nicht einmal ein einheitlicher positiver Trend in allen Zielen. Da drängt sich der Gedanke auf, dass es auch in der CBD ein "Weiter-so" nicht geben kann. Wie sollte die Konvention mit dieser Situation umgehen, um glaubwürdig zu bleiben?

Nickel: Ich sehe das nicht so. Man muss anerkennen, dass einige der 20 Aichi-Biodiversitätsziele ja bereits erfüllt wurden bzw. ganz oder teilweise vor ihrer Erfüllung stehen. So das Kernziel 11 zum Schutz von 17 % der Land- und Binnengewässergebiete, das Kernziel 16 zum Inkrafttreten des Nagoya-Protokolls und das Kernziel 17 zur Ausarbeitung nationaler Biodiversitätsstrategien und Aktionspläne. Grundsätzlich ist es, wie gesagt, sicherlich richtig, verstärkt nach den Ursachen der Probleme zu fragen und diese lösungsorientiert zu benennen. Eine Verringerung der Bedeutung der CBD in den letzten Jahren hat es aber aus meiner Sicht nicht gegeben – im Gegenteil.

Görg: Ich denke, die CBD muss klar machen, dass sie es nicht alleine schaffen kann. Man kann von den Regierungen nicht erwarten, dass die Ziele so einfach umgesetzt werden. Es gibt ja die Formel: „Klimaschutz ist Handarbeit“. So kann man das auch für den Schutz der biologischen Vielfalt formulieren. Wir alle müssen das im Alltag anfangen. Wir können das nicht auf die zwischenstaatliche Ebene verschieben. Ganz wichtig ist aber auch: Es muss aus der Zivilgesellschaft, von den Bürgerinnen und Bürgern auch stärker eingefordert werden, dass Entscheidungen anders gefällt werden als es derzeit der Fall ist. „Steht auf, wir schaffen es nicht alleine!“, das wäre eine ehrliche Aussage.

NeFo: Meinen Sie damit solche Großdemonstrationen wie etwa die jährlichen Proteste gegen die industrialisierte Landwirtschaft?

Görg: Genau. Wenn man da einen langen Atem hat, hat man die Erfahrung gemacht, dass man da etwas bewegen kann. Sicherlich nicht von jetzt auf gleich. Aber erscheint mir aussichtsreicher als darauf zu hoffen, dass die Regierungen es jetzt mit ein paar neuen Zielen in der CBD regeln.

NeFo: Was würde der Welt ohne eine CBD fehlen?

Nickel: Die CBD ist das zentrale globale Forum, das Diskussionen zum Thema biologische Vielfalt bündelt. Die CBD stellt  die Zusammenarbeit mit den anderen biodiversitätsbezogenen Übereinkommen, wie CITES, Ramsar, der Bonner Konvention etc. sicher. Als eine der drei Rio-Konventionen bemüht sie sich um den Schulterschluss mit dem weitaus bekannteren Schwesterübereinkommen, der Klimarahmenkonvention. Auch wenn Herr Görg in seinen Untersuchungen festgestellt hat, dass es beim Mainstreaming keinerlei Fortschritt gibt, halte ich es für erwähnenswert, dass die CBD eng mit der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN, zusammenarbeitet. Ohne die CBD würde auf der Ebene der deutschen Politik und auch im Bereich der EU-Politik das Thema Biodiversität wohl kaum wahrgenommen und hätte einen noch wesentlich geringeren Einfluss auf andere Politikbereiche.

Görg: Ich denke auch: Die CBD ist unverzichtbar, schon alleine um zu zeigen, dass die Ökosysteme unsere Lebensgrundlage darstellen, auch im Industriezeitalter 4.0. Ohne sie würde das Thema Biodiversitätsverlust noch weiter in der Versenkung verschwinden. Wenn wir damit nicht schonend umgehen, dann werden die kommenden Generationen die Konsequenzen schmerzlichst zu spüren bekommen.

Das Interview führte Sebastian Tilch

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