ArtikelMan kann nur schützen was man kennt. Die Tiefsee kennt man fast gar nicht. Dennoch muss sie geschützt werden. Doch wer ist für die hohe See eigentlich verantwortlich?

Der Census of Marine Life, der am 4. Oktober vorgestellt wird, zeigt vor allem eins: Um den Schatz unserer Ökosysteme und Artenvielfalt überhaupt erkennen und wertschätzen zu können, ist aufwändige, langwierige und oft auch teure Forschung notwendig. Der Aufwand lohnt sich auch wirtschaftlich, denn der Nutzen für uns Menschen aus dieser Vielfalt ist enorm. Klar wird auch: Ohne internationale Schutzabkommen wird sie verschwinden. Doch wer ist auf dem offenen Meer außerhalb der Wirtschaftsgrenzen von Ländern eigentlich zuständig? Bei der COP10 in Nagoya sollen nun konkrete Ziele festgelegt werden, obwohl die CBD hier gar keine Befugnis hat. Im Nordatlantik ist man da schon weiter. Das erste Hochseeschutzgebiet kommt. Census-Mitarbeiterin Prof. Angelika Brandt erzählt im NeFo-Interview, was wir für effektiven Schutz der Tiefsee noch alles wissen müssen.

25 repräsentative Meeresregionen hat der Census of Marin Life, die Volkszählung der Meere, für seine Berechnungen herangezogen. Die Daten, auf denen die Studie fußt, stammen aus spärlichen, ungleich verteilten Stichproben. Die Ozeane sind riesig. Sie nehmen 71 Prozent der Erdoberfläche ein. Die Daten der oberen Schichten sind relativ zahlreich. Je tiefer, desto rapider sinkt jedoch die Datenmenge. Laut Census kennen wir nicht einmal ein Viertel der Meeresbewohner. Doch so wenig man auch weiß, soviel steht fest: Je tiefer desto höher die Artenvielfalt, weiß Prof. Angelika Brandt, Zoologin an der Uni Hamburg. Gemeinsam mit einem internationalen Team holte sie 2007 bei einer Forschungsexpedition 674 verschiedene Arten allein von Isopoden, asselartigen Krebstieren, aus der Antarktischen Tiefsee. 585 davon waren der Wissenschaft neu.[1]

Doch dieser Artenreichtum der Meere wird tagtäglich zerstört durch Grundschleppnetze, Abbau von Bodenschätzen, Überdüngung und Klimawandel. Die Ergebnisse des Census' zeigen auch, wie dringend notwendig Schutzmaßnahmen weltweit sind. Dazu gehören laut der Forschung zum einen nachhaltigere Wirtschaftsweisen wie Fischfang, also geringere Fangquoten, Regelungen, die den Beifang verringern, aber auch die Einrichtung von Meeresschutzgebieten.

Letzterem wollen sich Ende Oktober in Nagoya die UN-Vertragsstaaten der CBD widmen. Doch hier eine Regelung zu finden ist gar nicht so einfach, denn 64 Prozent der Ozeanfläche befinden sich außerhalb der Wirtschaftszonen von Staaten und gehören somit allen und niemandem. Genutzt werden solche Regionen deshalb gern von allen Seiten. Doch wer soll den Schutz, sprich die Kontrolle künftiger Schutzgebiete übernehmen, wenn Kosten und Verantwortung anfallen? Außerdem hat die CBD bisher keine Befugnis für Regelungen außerhalb der Mitgliedsstaaten. Diese müssten also, meinten sie es ernst, die Satzung der CBD ändern. Doch Vorbehalte werden schon aus dem bei der COP diskutierten Ziel im Strategischen Plan deutlich. Bis 2020 sollen „X Prozent" der Meeresoberfläche Schutzgebiete sein. Zu einer konkreten Zahl konnte man sich im Gegensatz zu terrestrischen Schutzgebieten im Vorfeld nicht durchringen. Aus den Verhandlungen früherer Jahre steht jedoch eine Zahl von sechs Prozent im Raum.

 

Erste Hochseeschutzgebiete kommen

Am 24. September hat das Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordost-Atlantiks OSPAR die Einrichtung der weltweit ersten sechs Hochseeschutzgebiete mit der Gesamtfläche von 285.000 km² bekannt gegeben. Sie sollen im Bereich der Charlie Gibbs-Bruchzone eingerichtet werden. Diese befindet sich nördlich der Azoren, einem Teil des Mittelatlantischen Rückens, der West- und Ostatlantik trennt. Das Gebiet ist ein beliebtes Wale-Watch-Gebiet für Touristen. Es finden sich bedrohte Fischarten wie z.B. den Kaiserbarsch. Geht man weiter in die Tiefe, finden sich Tiefseekorallen, Anglerfisch und weitere seltene Arten, die durch starke Sand- und Kiesförderung, Tiefseeschleppnetze, Seekabelverlegung und militärische Aktivitäten bedroht sind. Die OSPAR regelt alles, was in die Nordsee oder den Nordatlantik eingeleitet, versenkt oder auf andere Weise eingebracht wird. Dazu gehört auch die Aufstellung von Windenergieanlagen oder Bohrinseln.

 Die Global Ocean Biodiversity Initiative, eine internationale Partnerschaft zur wissenschaftlichen Begleitung von Biodiversitätsschutz in der Tiefsee und im offenen Meer (BfN, IUCN, UNEP, Census of Marine Life etc.), hat sieben Kriterien für die Auswahl schützenswerter Gebiete entwickelt:

• Rare: Uniqueness or rarity
• Life History: Special importance for life history of species
• Endangered: Importance for threatened, endangered or declining species and/or habitats
• Fragile: Vulnerability, fragility, sensitivity, slow recovery (fragile)
• Productive: Biological productivity
• Diverse: Biological diversity
• Natural: Naturalness

NeFo hat zu Biodiversität in marinen und Küstenökosystemen ein Faktenblatt zur COP10 erstellt, das Sie hier [pdf] herunterladen können.

1 Nature 447, 307-311 (17 May 2007) First insights into the biodiversity and biogeography of the Southern Ocean deep sea

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