„Die Baum-Flatrate“ - was leistet ein Stadtbaum für die Bewohner?

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Grünfläche mit Menschen, im Hintergrund Neues Rathaus und Uniriese Leipzig
Stadtparks mit alten Bäumen leisten eine Vielzahl von Leistungen, die wir meist unbewusst nutzen.
Michael Thiem / pixelio.de

Exponat zur Veranschaulichung von Ökosystemleistungen im Rahmen des Kommunikationswettbewerbes "Wissenschaft interaktiv 2012"

Flat-logoKühlung, Sauerstoff, Wohlfühlen, Lebensraum für Vögel – all diese Leistungen erbringen die Bäume um uns herum – und wir nutzen sie - meist unbewusst und gratis. Ist der Baum weg, fehlt etwas unwiederbringlich oder kann oft nur sehr aufwendig technisch ersetzt werden. Das Resultat ist aber nie gleichwertig. Die „Baum-Flatrate“ macht diese meist unsichtbaren Leistungen eines Stadtbaumes sichtbar und erfahrbar. Die "Baum-Flatrate" ist ein interaktives Exponat, das NeFo in Kooperation mit Prof. Dagmar Haase (HU-Berlin) im Rahmen des Wettbewerbs „Wissenschaft interaktiv" entwickelt hat. Neben einer lustigen Veranschaulichung der verborgenen Leistungen macht uns das Exponat aber auch die Wahl bewusst, vor der wir unbewusst tagtäglich stehen: Wie wollen wir leben? Mit Leistungen aus menschgemachter Technik, die einzeln bezahlt werden müssen? Oder genialer Natur, die alles auf einmal liefert – eben die „Baum-Flatrate? Und was kostet uns welcher Weg? Das Exponat „Baum-Flatrate" soll helfen, die Frage bewusst und die Entscheidung leichter zu machen.

 

„Die Gesellschaft muss dringend ihren mangelhaften ökonomischen Kompass ersetzen, damit sie nicht das menschliche Wohlergeben und die Gesundheit des Planeten durch die Unterbewertung und den dauerhaften Verlust von Ökosystemen und Biodiversität aufs Spiel setzt." (Pavan Sukhdev, Leiter der TEEB-Studie)

 

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Das Exponat

Im Wettbewerb „Wissenschaft interaktiv" entwickeln Teams aus jungen Wissenschaftlern und PR-Experten ihrer Einrichtungen Ideen für ein interaktives Exponat, das der Öffentlichkeit anschaulich wissenschaftliche Zusammenhänge erklärt. Im Wettbewerb 2012 erreichte das unter NeFo angetretene Tandem aus Prof. Dagmar Haase (HU-Berlin) und Sebastian Tilch (NeFo/UFZ Leipzig) den dritten Platz. Ihr in Zusammenarbeit mit 3D-Artstudio Leipzig erstellte Exponat "Die Baum-Flatrate" wurde beim Wissenschaftssommer vom 2. bis 6. Juni 2012 im Lübecker Rathaus gezeigt. Es will verdeutlichen, welche Ökosystemdientleistungen Stadtbäume erbringen und welchen tatsächlichen (auch ökonomischen) Wert diese für die Gesellschaft haben.

Können wir einen Stadtbaum wirklich komplett technisch ersetzen? Welche Leistungen sind käuflich, welche unbezahlbar?

Das Exponat stellt eine Art Verkaufsstand ähnlich eines Handynetzanbieters dar. Auf der einen Seite steht ein Baum wie wir ihn kennen und tut, was wir kennen: scheinbar nichts. Auf der anderen Seite stehen jede Menge Geräte, die technisch die Leistungen des Baumes reproduzieren und diese sichtbar und spürbar machen. Der Bildschirm zeigt zum Einen Messwerte von Leistungen an, die der Baum pro Zeiteinheit kontinuierlich und scheinbar unentgeltlich liefert. Zum Anderen verdeutlicht er die Verbrauchswerte der Geräte, die die gleichen Leistungen einzeln erzeugen.

 

BAUM-FLATRATE oder TechPrepaid-Tarif für Geräteleistungen

Der Gast am Stand muss sich entscheiden: Was ist Ihnen mehr wert?

TechPrepaid – günstig für kurzfristige Nutzung.
An der Gerätestation können die Besucher per Münzeinwurf kurze Laufzeiten der Geräte buchen. Kühlung, Photosynthese,Vogelfutter, Luftreinigung, Entspannung durch Musik usw. Per Münzeinwurf erwachen die Geräte zum „Leben": Sei es ein Luftbefeuchter, Luftfilter, Brennstoffzelle, Futterspender, Ventilator, Roboterinsekten oder die Nationalhymne von Band als identitätstiftendes Element. Hier werden alle Leistungen eines alten heimischen Baumes technisch machbar. Je mehr Leistung gewünscht ist, desto mehr Münzen sind fällig. Eine günstige Lösung für alle, die kurzfristig denken.

BAUM-FLATRATE – der von der Natur selbst optimierte Tarif!
Bäume liefern kontinuierlich alle Leistungen bequem auf einmal – und das Jahrhunderte lang ohne große Wartung. Der Preis sind die monatlichen Kosten für Erhaltungsmaßnahmen umgerechnet auf die Einwohnerzahl der Stadt. Der Monitor macht die permanenten Leistungen der Bäume für uns Menschen sichtbar. Entscheiden sich genügend Gäste für die Baum-Flatrate und geben ihre Münzen dafür aus, werden Bäume gepflanzt. Und wenn nicht? Dann müssen die Dienstleistungen der Bäume kompensiert werden.

Der Monitor führt die Besucher Schritt für Schritt zu ihrem Wunschtarif – wenn nicht gerade für einen kurzen Werbefilm unterbrochen wird. Bleiben Sie dran!

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Was sind Ökosystemleistungen?

Funktionierende Ökosysteme leisten einen unverzichtbaren Beitrag für das Wohlergehen der Menschen, ihrer Lebensumwelt und deren Erhaltung. Ihre so genannten Ökosystemleistungen sind u.a.: sauberes Wasser, fruchtbares Land, Sauerstoff zum Atmen, Nahrungsmittel, Grundstoffe für die Herstellung von Medikamenten sowie Rohstoffe für die Industrie und Vorbilder für technische Lösungen. Damit bilden sie nicht nur die Grundlage unseres Wohlergehens sondern auch wirtschaftlichen Erfolges.

Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Ökosysteme mit hoher Biodiversität Störungen durch äußere Einflüsse wie menschliche Eingriffe, Klimawandel oder nichtheimische Arten besser ausgleichen und ihre Leistungsfähigkeit so aufrecht erhalten können. So bieten Bäume einen Lebensraum für Insekten und Vögel, die Schadinsekten wie Stechmücken in Schach halten, die zum Teil auch Krankheiten übertragen können. Die wirtschaftliche Dimension wird besonders deutlich am Beispiel landwirtschaftlicher Monokulturen. Diese sind anfällig für Schädlinge und Krankheiten und nur mit hohem Aufwand und Pestizideinsatz aufrecht zu erhalten.

Das Konzept der Ökosystemleistungen wird bereits seit Jahrzehnten in Wissenschaftskreisen international diskutiert und fand mit dem Millennium Ecosystem Assessment (MA 2005) und dem internationalen TEEB-Prozess (The Economics of Ecosystems and Biodiversity) weltweit große Beachtung.

 

Welche Leistungen liefert ein Stadtbaum?

Ein Baum ist rund um die Uhr bei der Arbeit. Auch wenn er scheinbar nur herum steht, setzt er ständig großen Mengen Stoffe um, wovon wir und viele andere Arten profitieren. Bäume sind also Grundelemente eines Ökosystems, zu dem auch wir Menschen gehören. Folgende Leistungen liefert eine 60 bis 80 Jahre alte Eiche u.a.:

Sauerstoffproduktion

4600kg/Jahr
(reicht für bis zu 25 Menschen)

Luftfilterung bei 15.000 m2 Blattfläche

36.000 m3/Tag
(entspr. 7 elektr. Luftfiltern)

CO2-Speicherung

3500kg
(entspr. Mittelklassewagen auf 24.000 km)

Samenproduktion als Futter für Vögel u.a. Tiere

120 - 150 Kg/Jahr

Anzahl Insektenarten

300

gesundheitlicher Wert

Nicht beziffert

kultureller Wert

Miet- und Immobilienspreise

 

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Für bevorzugte Wohnlagen an Grünflächen werden im Durchschnitt bis zu 20 Prozent höhere Preise gezahlt (Gruehn 2006, 2010) Foto: Bettina F/pixelio

 

Hintergrund

Nutzen und Wert der Natur für den Menschen

Alleine die Stadtbäume stellen neben dem Rohstoff Holz eine Vielzahl an so genannten Ökosystemleistungen: Sie spenden Sauerstoff, speichern Kohlendioxid, spenden Schatten und kühlen die Luft, bieten Lebensraum für viele Hundert Insekten und Vögel, Futter für Tiere, und stabilisieren den Boden gegenüber Erosion. Sie sehen schön aus, stiften Identität und ästhetische Werte. Diese Leistungen sind scheinbar gratis und uns in den meisten Fällen nicht bewusst. Oft bemerken wir sie erst, wenn sie ausfallen, wenn zum Beispiel die Bäume einem Neubau weichen müssen. Dann fehlen die Leistungen einfach oder müssen, meist auf Kosten der Gemeinschaft, teuer technisch kompensiert werden.

Ökosystemleistungen erhalten rechnet sich für alle

Technik kann immer nur eine von vielen Ökosystemdienstleistungen ersetzen. Intakte Ökosysteme, auch ein einzelner Stadtbaum, bieten der Gesellschaft aber immer mehr als eine Leistung. Entsprechende Kosten fallen bei ihrem Wegfall an, auch wenn diese i.d.R. nicht den Verursachern in Rechnung gestellt werden. Würde dies geschehen und bspw. in Planungsverfahren vollständige Kalkulationen durchgeführt werden, würden viele Projekte wegen Unrentabilität nicht durchgeführt werden. Die TEEB-Studie der Vereinten Nationen (The Economics of Ecosystem Services and Biodiversity) hat versucht, den ökonomischen Wert der Ökosysteme der Welt für Gesellschaft und auch Wirtschaft zu berechnen und damit politischen Entscheidungsträgern weitere Argumente zur Erhaltung von Natur, die über ethische hinaus gehen, an die Hand zu geben.

Bsp. 1): Reduzierung der Treibhausgase gegen die Klimaerwärmung

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Hochmoor im Schwarzwald
Foto: S. Tilch

2,5 bis 5 Prozent der gesamten CO2-Emissionen Deutschlands gehen auf das Konto von trocken gelegten Mooren. Sie gasen ihren über Jahrtausende gespeicherten Kohlenstoff kontinuierlich aus. Studien zeigen: CO2-Emissionen lassen sich durch die Wiedervernässung von Mooren mit etwa zwölf Euro pro Tonne viel günstiger vermeiden als durch die Förderung von Solarstrom, wo die gleiche Einsparung Kosten von mehr als 900 Euro je Tonne verursacht. (Quelle: BfN)

 

Bsp. 2) Verhinderung von großen Schäden durch Hochwasserereignisse

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Elbauen Foto: UFZ

Der Gesamtschaden des Elb- und Donauhochwassers 2002 betrug allein in Deutschland etwa 15 Mrd. Euro. Hochwasser ist nichts unnatürliches. Nur fehlt es bei heutiger starker Besiedel-ung an natürlichen Über-flutungsflächen – den Auen. Neben Überflutungsschutz verbessern sie als Filter auch die Wasserqualität, speichern CO2 und bieten einzigartige Naherholung und wichtige Lebensräume für bedrohte Tierarten. Bezieht man diese Leistungen in eine Wirtschaftlichkeitsrechnung ein, ist der Nutzen naturverträglicher Hochwasserschutzmaßnahmen drei mal höher als deren Kosten. (Quelle: BfN)

 

Die Ideenschmiede

Die Baum-Flatrate entstand in den Köpfen von:Dagmar

Prof. Dr. Dagmar Haase, Geographin und Landschafts-ökologin an der Humboldt Universität Berlin, Institut für Geographie und am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ in Leipzig, arbeitet schwerpunkmäßig zu Fragen der Landnutzungsmodellierung und zu urbanen Ökosystemleistungen.

Sebastian Tilch, Diplombiologe und Wissenschaftsjournalist, leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) sowie Naturkapital Deutschland – TEEB DE am Helmholtz-Zentrum für Umwelt-forschung – UFZ in Leipzig.

Sebastian
Foto: UFZ

 

Für die Weiterentwicklung und Umsetzung der Ideen danken wir ganz herzlich Ogarit Uhlmann und Peter Barczewski von 3D-Artstudio Leipzig.

 

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Literaturhinweis: