PressemitteilungWelternährung allein mit Ökolandbaumethoden würde Naturschutzziele gefährden, berechnen Forscher

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Ländliche Szene in Malawi: Vor allem in Afrika ist Hunger nach wie vor weit verbreitet.
Foto: S. Koppmair

Die ökologische Landwirtschaft alleine würde beim künftigen Bedarf an Nahrungsmitteln global gesehen zu viel Fläche beanspruchen und so natürliche Habitate gefährden, meint Agrarökonom Prof. Matin Qaim von der Universität Göttingen. Er plädiert für eine Kombination aus ökologischen und konventionellen Anbautechniken. Auch genmodifizierte Pflanzen sollten hier nicht ausgeschlossen werden. Wieso dies selbst bei einer gerechteren Verteilung von Lebensmitteln und Ressourcen schonender Ernährungsweise zutrifft, und wie eine nachhaltige Intensivierung praktisch aussehen kann, erklärt Qaim im aktuellen NeFo-Interview.

Das zweite der insgesamt 17 Ziele zur nachhaltigen Entwicklung der Vereinten Nationen sieht vor, bis 2030 den Hunger zu beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung zu erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft zu fördern. Als Paradebeispiel für das Teilziel der nachhaltigen Landwirtschaft gilt - zumindest in den Industrienationen - der ökologische Landbau, der die natürlichen Ressourcen schont und die Artenvielfalt sowie die Leistungsfähigkeit der Natur für den Menschen erhält. Doch gilt das auch, wenn damit der komplette künftige Bedarf gedeckt werden müsste?

Dieser Frage haben sich die Agrarökonomen Prof. Dr. Matin Qaim und Dr. Eva-Marie Meemken von der Universität Göttingen angenommen. Sie untersuchten anhand von rund 150 Einzelstudien und Meta-Analysen den Einfluss des Ökolandbaus auf Umwelt, Klima und Gesundheit in unterschiedlichen Teilen der Welt und stellten dabei fest, dass der Anbau von Biolebensmitteln zu viel Ackerfläche benötigt, was zu zusätzlichem Verlust natürlicher Lebensräume für landwirtschaftliche Nutzung führen würde. Zudem sei der Ökolandbau in ärmeren Ländern zur Ernährungssicherung ungeeignet. [Pressemitteilung der Universität Göttingen]

Doch brauchen wir wirklich künftig so viel mehr an Lebensmitteln? Ursachen für das Nachhaltigkeitsproblem sind ja bekanntermaßen ein großer Anteil verschwendeter Nahrungsmittel in den Industrieländern sowie eine nicht-nachhaltige, mit hohem Fleischkonsum verbundene, Ernährungsweise. „Diese Verluste und Verschwendung komplett zu beseitigen wird kaum möglich sein und würde allein auch nicht ausreichen, um die zukünftige Mengenproblematik zu lösen“, meint Agrarökologe Qaim. „Bis 2050 wird die Weltbevölkerung auf vermutlich deutlich über neun Milliarden Menschen ansteigen.“

Auch die Beendigung des Fleischkonsums sei keine Option. „Es gibt zwar Studien, die aufzeigen, dass bei weltweit veganer Ernährung auch mit den niedrigeren Erträgen der Biolandwirtschaft ausreichend Nahrungsmittel produziert werden könnten, ohne dass man die Ackerflächen weiter ausdehnen müsste", meint der Wissenschaftler. Allerdings seien dies rein theoretische Berechnungen, die außer Acht ließen, dass eine rein vegane Ernährung ernährungswissenschaftlich nicht empfehlenswert und politisch zumindest kurz- und mittelfristig kaum zu erreichen ist. Zudem werde oft vergessen, dass die Biolandwirtschaft auf organischen Dünger angewiesen sei, der vor allem aus der Tierhaltung stamme und bei veganer Ernährung wegfiele. Diese Debatte beschränke sich zumeist auch nur auf die entwickelten Länder. Die allermeisten Menschen lebten jedoch in Entwicklungsländern, wo der Konsum tierischer Produkte in den kommenden Jahrzehnten weiter ansteigen wird.

Qaim, der unter anderem auch das Bundeslandwirtschaftsministerium berät, schlägt deshalb vor, die Möglichkeiten aus dem Ökolandbau zur Erhaltung der organischen Bodensubstanz zu nutzen und standörtlich angepasst mit moderaten Düngermengen und genetisch veränderten Sorten zu ergänzen, die Nährstoffe effizienter ausnutzen und robuster gegen Schädlinge sind. „Solche Kombinationen erfordern aber eine Überwindung der Schwarzweißmalerei zwischen ökologischer und konventioneller Landwirtschaft“, meint der Forscher.

Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG unterstützt.

Lesen Sie das komplette NeFo-Interview mit Prof. Matin Qaim.

Kontakt:
Sebastian Tilch
NeFo-Pressereferent
c/o Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Department Naturschutzforschung
Tel. 0341/235-1062
Email: sebastian [dot] tilch [at] ufz [dot] de

 

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