PressemitteilungSamen invasiver Pflanzen überstehen Maschinenwäsche - Vortrag bei der GfÖ-Jahrestagung am 11.09. in Wien

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Die Samen der Wilden Möhre bleiben leicht an Kleidern hängen und werden auch mitgewaschen
Foto: Verena N / pixelio.de

Nach einem Spaziergang über Wiesen und Felder findet man oft Kletten auf Hosen und Socken. Derart anhängliche Samen gehören zu Pflanzen, die sich darauf spezialisiert haben, ihre Samen im Fell von Tieren an entfernte Orte transportieren zu lassen (Epizoochorie). Manche Pflanzen sind jedoch invasiv, d.h. sie sind in einer Region nicht heimisch, breiten sich jedoch schnell aus und wirbeln oft die ursprünglichen Pflanzen- und teils auch Tiergemeinschaften durcheinander. Umso wichtiger ist es, die Verbreitungswege dieser Arten zu kennen, um gezielt eingreifen zu können. Orsolya Valkó und ihr Team von der Universität Debrecen in Ungarn haben nun einen bisher übersehenen Aspekt bei der Ausbreitung von Pflanzensamen untersucht: Wie gut überstehen an Kleidung hängende Samen Waschgänge in der Waschmaschine? Die Ergebnisse stellt sie am 11.September bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie (GfÖ) in Wien vor.

Die Forscher testeten neun Gräser- und neun Wildkräuterarten bei 30°C und 60°C auf Fleece, Jeans und Baumwollsocken. Alle Arten konnten nach dem Waschgang bei 30°C problemlos keimen. Nach der Wäsche bei 60°C keimten immerhin noch zehn von 18 Arten, wobei der Beginn der Keimung der gewaschenen Samen deutlich variabler wurde. Das Team testete außerdem den Effekt von Waschmittel auf die Keimfähigkeit, doch es machte keinen Unterschied ob die Samen nun mit Waschpulver, Waschnuss oder in klarem Wasser gewaschen wurden.

Um abschätzen zu können wie viele Samen den Weg von der Wiese bis zur Wäscheleine schaffen, wurde ein wirklichkeitsnahes Experiment durchgeführt: Fünf Versuchspersonen trugen während ihres normalen Alltags für 8 Stunden jeweils ein Fleecesweatshirt, Jeans und Baumwollsocken, auf die Samen aufgebracht worden waren. Jede Stunde wurde gezählt wie viele Samen noch da waren. An Fleece (48 %) und an den Baumwollsocken (43 %) blieben deutlich mehr Samen haften als auf Jeans (32 %). Dann wurde die Kleidung gewaschen und danach die auf den Stoffen verbliebenen Samen gezählt. Es stellte sich heraus dass nach der Wäsche noch 37 % der Samen auf Fleece vorhanden waren, 26 % auf Jeans, und 36% auf Baumwolle. Der Rest der Samen blieb in der Waschmaschine oder wurde mit dem Abwasser hinausgespült. Einige Arten blieben sowohl tagsüber als auch in der Waschmaschine deutlich besser haften als andere, was vor allem mit der Komplexität der Samenanhänge zu hatte.

Unter den getesteten Pflanzenarten waren auch einige in Ungarn und anderen Teilen Europas in Ausbreitung begriffene invasive Arten, wie z.B. das traubige Klettengras (Tragus racemosus) oder das Süßgras Cenchus incertus. Menschen können eine Vielzahl von Organismen an die unterschiedlichsten Orte tragen – ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Verschleppung an der Kleidung von Besuchern ist z.B. der wichtigste Grund warum sich plötzlich gebietsfremde und potentiell invasive Pflanzenarten in abgelegenen Naturreservaten ansiedeln. Zusammen mit der immer größeren Mobilität der Menschen und den stetig steigenden Besucherzahlen in Nationalparks und Naturreservaten werden diese Ausbreitungswege in Zukunft noch wichtiger werden.

Weltweit wurden bisher insgesamt etwa 450 Pflanzenarten identifiziert die an Kleidung haftend verbreitet werden können. Die meisten dieser Arten sind weltweit vorkommende krautige Pflanzen. Noch gibt es jedoch nur sehr wenige Studien zu diesem wichtigen Thema, und es ist wahrscheinlich dass es unter den insgesamt ca. 250 000 Gefäßpflanzenarten noch deutlich mehr Kandidaten für Verbreitung mit menschlicher Kleidung gibt. Bei interkontinentalen Flügen gibt es zwar einige Maßnahmen um den Transport von Samen an der Kleidung und den Schuhen der Reisenden zu unterbinden, doch auf Flügen innerhalb Europas gibt es solche Vorsichtsmaßnahmen nicht.Außerdem gibt es kaum Möglichkeiten um die Kleidung im aufgegebenen Gepäck der Passagiere zu kontrollieren, an der zahlreiche Samen haften können.

Ein weiterer Aspekt: mit zunehmend effektiveren Waschmitteln und dem Ziel den Energieverbrauch von Waschmaschinen zu senken, sind inzwischen deutlich niedrigere Waschtemperaturen möglich und empfehlenswert. Heute ist 40°C das neue 60°C, was aus energetischen Gesichtspunkten zwar sehr zu begrüßen ist, doch gleichzeitig könnten dadurch in Zukunft noch mehr Samen die Wäsche überstehen und an Orten auskeimen, an denen sie eigentlich nichts zu suchen haben. Der Fund einer seltenen Pflanze an einem unpassenden Ort war auch der Auslöser für diese Studie:

„Das Ganze fing mit einer alltäglichen Beobachtung an:“ erzählt Orsolya Valkó, „ich finde jedes Mal sehr viele Samen auf meiner Kleidung nachdem ich bei der Feldarbeit oder einfach draußen in der Natur unterwegs war. Ich sah dass die Kleidung selbst nach dem Waschen noch voller Samen war und ich fragte mich ob diese Samen noch keimfähig wären. Ich war sehr überrascht als eine Sonnenwend-Flockenblume (Centaurea solstitialis), eine in Ungarn geschützte Art, plötzlich unter unserer Wäscheleine keimte und blühte – auf Betonboden auf einem Balkon im dritten Stock! Nach dieser Beobachtung wurde ich neugierig was mit durch Kleidung verbreiteten Samen nach dem Waschen passiert.“


Orsolya Valkó wird ihre Arbeit am Dienstag, 11. September 2018 um 16:30 Uhr auf der 48. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie in Wien, Österreich, vorstellen. Die Tagung findet vom 10.-13. September 2018 in Wien statt und steht unter dem Motto „Ecology - meeting the scientific challenges of a complex world“. Ein internationales wissenschaftliches Publikum wird dort die neuesten Ergebnisse ökologischer Forschung aus diversen Themenbereichen diskutieren. NeFo unterstützt die Pressearbeit zur Tagung.

Highlights sind dieses Jahr der Vortrag von Dr. Martin Sorg zum Thema Insektensterben (Hallmann et al. 2017 PLOSone) und der öffentliche Vortrag von Prof. Dr. Klement Tockner über die Domestizierung unserer Gewässer.
Links zu Ressourcen: 48. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie von Deutschland, Österreich und der Schweiz: https://www.gfoe-conference.de/

Für Informationen zum Bericht und/oder um ein Interview mit dem Vortragenden zu organisieren, kontaktieren Sie bitte:
Orsolya Valkó, Universität Debrecen, Email: valkoorsi [at] gmail [dot] com, Tel: +36 (0)30 519 0316, oder Péter Levente Takács (Pressestelle Universität Debrecen), Email: takacs [dot] peter [dot] levente [at] unideb [dot] hu

Für Informationen zur Konferenz oder um einen Presseausweis zu beantragen, kontaktieren Sie bitte:
Juliane Röder, Pressestelle der Gesellschaft für Ökologie, Email: presse [at] gfoe [dot] org, Tel: +49 (0) 6421 28 23381, Mobile:+49 (0) 179 64 68 958

Das detaillierte Programm finden Sie hier: https://www.gfoe-conference.de/index.php?cat=program
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Die Gesellschaft für Ökologie (GfÖ)
Die Gesellschaft für Ökologie repräsentiert ÖkologInnen aus der Grundlagenforschung, aus angewandten Berufsfeldern, sowie aus Bildung und Lehre. Unsere Mitglieder stammen vorwiegend aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die GfÖ wurde 1970 gegründet um den Austausch zwischen ÖkologInnen aus verschiedensten Berufen und Themenbereichen zu fördern. Die Vielfalt der über 1150 Mitglieder der Gesellschaft spiegelt sich in der Vielfalt der Expertengruppen, Publikationen und Jahrestreffen der GfÖ.
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