Welche Daten braucht es zur Rettung der Artenvielfalt? Internationale Konferenz in Leipzig

„Was wir sicher wissen ist, dass wir kaum etwas wissen“, sagt Dr. Miguel Fernández, Organisator der GEO BON Open Science Conference vom 04. bis 08. Juli in Leipzig, im NeFo-Interview. Mehrere Hundert internationale Experten kommen hier zusammen, um das globale Beobachtungssystem für biologische Vielfalt GEO BON zu einem weltumspannenden Forschungsnetzwerk zu machen. Dies soll globale Standards zur Erhebung und Zugänglichkeit von Daten bestimmen. Denn um das globale Problem „Biodiversitätsverlust“ vollständig erfassen und bekämpfen zu können, braucht es Daten, und die sind, obzwar vielerorts reichlich vorhanden, kaum nutzbar. Welche Datentypen gebraucht werden, haben die Wissenschaftler in einem Katalog definiert.

Die UN-Konvention zur Biologischen Vielfalt CBD verkündet, dass wir derzeit das größte Artensterben seit den Dinosauriern erleben. Bis zu 150 Arten am Tag gingen verloren. Wissenschaftler setzen die aktuelle Aussterberate bei 1 000 bis 10 000-fach gegenüber Zeiten vor dem Erscheinen des Menschen an. Das Problem bei diesen Zahlen ist jedoch: Keiner weiß genau, wie viele Arten es tatsächlich auf der Welt gibt. Aktuelle Schätzungen gehen von zwischen fünf und 30 Millionen Arten weltweit aus. Rund zwei Millionen davon sind bereits bekannt.

Dass Arten tatsächlich verschwinden, kann bisher nur an sehr wenigen Artengruppen zweifelsfrei gezeigt werden. Eine verhältnismäßig gute Datenlage besteht beispielsweise für Vögel und Säugetiere. Doch für andere taxonomische Gruppen wie Amphibien oder Erdregionen wie etwa Ostafrika gibt es kaum Daten. „Wenn man sich etwa die Karten des Living Planet Index des WWF genauer anschaut, stellt man fest, dass oft gerade in jenen Ländern, die eine offensichtlich besonders hohe Biodiversität aufweisen, kaum Daten vorliegen und auf Hochrechnungen zurückgegriffen wird“, sagt Fernández im NeFo-Interview. Das mache die Aussagen und Schlussfolgerungen natürlich sehr ungenau. Wie gering das Wissen ist zeige auch, dass jedes Jahr weltweit 18.000 neue Arten beschrieben würden.

Die Unterzeichner der UN-Biodiversitätskonvention CBD, darunter auch Deutschland, haben sich verpflichtet, den Verlust der Biodiversität bis zum Jahr 2020 zu stoppen und den Trend umzukehren. Ohne Daten lässt sich dieses international verbindliche Ziel allerdings nicht überprüfen. Das internationale Netzwerk GEO BON soll hier für eine bessere Erfassung und Zusammenführung von Daten zum Zustand und der Entwicklung der Arten weltweit sorgen. Denn nur auf solider Datenbasis können sinnvolle Empfehlungen für Schutzgebietsausweisungen, Managementmaßnahmen und Ressourcennutzungen gegeben und ihre Wirksamkeit anschließend bewertet werden. 

Um die Wissenslücken zu schließen, verfolgt GEOBON mehrere Strategien: Erstens müssen mehr Daten erhoben werden, vor allem in den Erdregionen, deren Biodiversität wenig bekannt ist. Zweitens müssen solche Daten global zugänglich gemacht werden, die von lokalen und nationalen Behörden erhoben aber nicht veröffentlicht werden. Drittens müssen Daten und die Art ihrer Erhebung vereinheitlicht werden, um sie vergleichbar zu machen und zusammenzuführen. GEOBON entwickelt sogenannte EBV (Essential Biodiversity Variables), eine Auswahl von Messgrößen als Indikatoren, sozusagen die Mindestanforderung an Informationen, um den Zustand und die Entwicklung der globalen Biodiversität beschreiben und Zusammenhänge herstellen zu können.

Bei der Konferenz in Leipzig will sich GEO BON aber vor allem um die eigene Diversität kümmern. Denn die ist mit vornehmlich weißen männlichen Mitgliedern aus Europa und den USA noch sehr gering. „Wir wollen eine bessere Vertretung aller Weltregionen und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis erreichen. Denn je diverser wir aufgestellt sind, desto größer auch die Zahl der Ideen, die wir hervorbringen können“, meint Miguel Fernández. Deshalb haben sich die Organisatoren statt zu einem üblichen jährlichen Arbeitstreffen zu einer offenen internationalen Konferenz für alle Interessieren entschieden, wo sich in Vorträgen und Workshops zeigen wird, wie viel Leben in Forschungsdaten stecken kann. Journalisten sind bei der Tagung herzlich willkommen. Eine Pressekonferenz wird es allerdings nicht geben.

Programm der Konferenz