PressemitteilungNeFo-Interview: Neuverhandlungen der EU-Agrarpolitik müssen endlich evidenzbasiert laufen

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Dr. Guy Pe'er
Foto: S. Bernhardt, iDiv.
Heute treffen sich die AgrarministerInnen der EU-Mitgliedstaaten, um über die nächste Laufzeit ihrer Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) und explizit über die Direktzahlungen an die Betriebe zu diskutieren. Der Sektor würde ohne sie nicht überleben, heißt es immer wieder. Tatsächlich gebe es viele Landwirte in Not, doch bei denen käme das Geld nicht an, meint der Ökologe Dr. Guy Pe’er. Gemeinsam mit Ökonomen, Soziologen und weiteren ExpertInnen hat er die GAP auf ihre Wirtschaftlichkeit, Wirksamkeit und Erfüllung der globalen Nachhaltigkeitsziele untersucht und festgestellt: Sie erreicht keines ihrer selbst gesteckten Ziele. Jetzt sei der richtige Zeitpunkt für mutige Schritte und eine echte Neuerung, meint Pe’er in Richtung neuer Bundesregierung. Wie diese aus Forschungssicht aussehen müsste, erzählt er im NeFo-Interview.


Fast vierzig Prozent des gesamten Haushaltes (2018 knapp 60 Mrd. Euro) gibt die Europäische Union Jahr für Jahr zur Unterstützung des Landwirtschaftssektors aus, 70 Prozent davon als Direktzahlungen ohne wesentliche Verpflichtungen – und vor allem ohne klare Verbindung zu irgendeinem der in der GAP formulierten Ziele. Dies ergaben die umfangreichen Auswertungen aktueller wissenschaftlicher Literatur zur GAP.

Das erklärte Ziel der EU, bedürftigen Landwirten zu helfen, würde mit den Direktzahlungen jedenfalls nicht erreicht, meint der Erstautor der Studie Dr. Guy Pe'er, Ökologe am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) und Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ. Im Gegenteil: 80 Prozent davon landeten bei 20 Prozent der Betriebe. Die GAP verfehle ihre Ziele fast auf ganzer Linie, fördere den Verlust kleinerer Betriebe und leite öffentliches Geld in die Taschen von Landeignern. Darüber hinaus würden die ökologischen Ziele durch widersprüchliche Regelungen ausgehebelt. Dabei behauptet die EU in ihrem aktuell diskutierten Reformpapier, dem Ruf nach mehr öffentlichen Leistungen für öffentliches Geld nachzukommen.

Die Studie, initiiert vom Europäischen Umweltbüro (EEB), BirdLife Europe und dem NABU, ist nach eigenen Angaben die erste Wirksamkeits- und Wirtschaftlichkeitsprüfung in der über 50-jährigen Geschichte der GAP. Sowohl die EU-Kommission als auch die Mehrheit der Mitgliedstaaten einschließlich Deutschland hatten eine Effektivitätsprüfung der GAP stets abgelehnt. Beteiligt waren unter anderem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von iDiv, dem UFZ, der Universität Leipzig, der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die Autoren rufen die EU und die künftige Bundesregierung in einer aktuellen Stellungnahme dazu auf, ihre Politikentscheidungen aufgrund wissenschaftlich gesicherter Erkenntnisse zu treffen. Kleine Verbesserungen an den bisherigen Regelungen würden nichts ändern. „Was wir brauchen, ist ein klares Bekenntnis zu einem gesamtgesellschaftlichen Ziel der GAP", meint Pe’er. 'Nachhaltigkeit' könnte und sollte dies Ziel heißen. „Eine effiziente und relevante GAP, die die wesentlichen Herausforderungen Europas wirklich adressiert, würde höchstwahrscheinlich auch wieder auf öffentliche Akzeptanz stoßen“, sagt Pe'er.

Kontakt:
Guy Pe’er
Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)
Deutscher Platz 5e
04103 Leipzig
Tel.: 0176-26980114
Email: guy [dot] peer [at] ufz [dot] de

Sebastian Tilch
NeFo-Pressereferent
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ
04318 Leipzig
Tel: 0341 235 1062
Email: sebastian [dot] tilch [at] ufz [dot] de