PressemitteilungJena Experiment: "Die Natur kann genauso erfolgreich sein wie gedüngte Monokulturen"

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Foto: TUM/iDiv

Welche Bedeutung haben die biologische Vielfalt und ihr schleichender Verlust für die Funktionen und Leistungen, die Ökosysteme erbringen? Kann der weltweite Artenverlust dazu führen, dass Ökosysteme am Ende schlechter „funktionieren“? Diesen und anderen Fragen gehen seit 15 Jahren über 100 Forschende im Rahmen des Jena-Experiments nach. Die Ergebnisse des Langzeitprojektes bis heute hat Prof. Wolfgang Weisser an der Technischen Universität München in der Zeitschrift „Basic and Applied Ecology“ zusammengefasst. Im NeFo-Interview ordnen er und der neue Projektsprecher Prof. Nico Eisenhauer (iDiv) die Ergebnisse ein.

Die wichtigsten Botschaften: Knapp die Hälfte der Prozesse im Ökosystem sei von Biodiversität abhängig, aber nicht alle. Das bedeutet, dass die Annahme, dass Biodiversitätsmaximierung  auch die Ökosystemleistungen maximiert, nicht grundsätzlich stimmt. Die Produktivität erhöht sich allerdings tatsächlich mit der Artenzahl. „Wenn also ein Landwirt bestimmte Arten fördert und düngt, ist er im Durchschnitt betrachtet folglich nicht erfolgreicher als die Natur“, sagt Weisser, der von 2002 bis 2015 Sprecher des Projektes war. Eine hohe Artenvielfalt ergäbe auf Dauer gesehen auch stabilere Erträge, da von verschiedenen Umweltbedingungen unterschiedliche Arten profitierten. Außerdem wurde deutlich, dass die Effekte der Biodiversität - und auch ihres Verlustes – verzögert einträten. Die Verarmung in intensiv bewirtschafteten Monokulturen würde entsprechend auch zeitversetzt sichtbar.

„Wir sind der Meinung, dass einige Erkenntnisse von besonderer Wichtigkeit für agrarpolitische Entscheidungen sind“, sagt der neue Projektsprecher Nico Eisenhauer, Professor für Experimentelle Interaktionsökologie an der Universität Leipzig und am Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv). So konnten die Forschenden zeigen, dass die Erhaltung von Pflanzenartenvielfalt die Vielfalt von wirbellosen Tieren positiv beeinflusst, und damit wichtige Ökosystemdienstleitungen wie z.B. Bestäubung, Kontrolle von Pflanzenschädlingen, Infiltration von Wasser in den Boden, Erosionsschutz und Kohlenstoffspeicherung im Boden.

Die Experimente beschränkten sich zwar ausschließlich auf Grasgemeinschaften, gelten aber nicht unbedingt nur dafür. „Grünland ist für uns ein Modellsystem, wie die Taufliege Drosophila in der Genetik“, meint Wolfgang Weisser. „Die Ergebnisse sollten für Ökosysteme allgemein gelten“.

Doch noch sind die Mechanismen, die dem positiven Zusammenhang zwischen Artenvielfalt und Ökosystemfunktionen zugrunde liegen, kaum verstanden. Ziel der kommenden Förderphase soll sein, Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Artengruppen, bspw. Pflanzen und Bodenfauna,  besser verstehen, meint Nico Eisenhauer.

Pressemitteilung der TU-München

Kontakt:
Sebastian Tilch
NeFo-Pressereferent
c/o Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ
Department Naturschutzforschung
Tel. 0341/235-1062
Email: sebastian.tilch@ufz.de

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