ArtikelEU-Agrarreform: Brauchen wir ökologischere Subventionen?

maisvielfalt-dieter_schuetz_pixelio.de_.jpg

Mais, Agrar
Genetische Vielfalt bei Nahrungspflanzen schützt vor Ernteausfällen bei Krankheiten.
D. Schütz / pixelio.de

Von Sebastian Tilch

Heute öffnet sie für das Publikum ihre Tore: Die weltgrößte Messe der Land- und Ernährungswirtschaft und des Gartenbaus „Grüne Woche“. 1600 Anbieter aus knapp 60 Ländern präsentieren in Berlin rund 400.000 Besuchern die große Vielfalt neuer Produkte aus der modernen Landwirtschaft: Von Mandarinen aus Pakistan über Wurst- und Käsespezialitäten sowie Obstbrände aus Liechtenstein bis zu Trüffelpralinen aus Belgien. Doch draußen auf den Äckern sieht die Realität deutlich eintöniger aus. Die Vielfalt in der großindustriellen Landwirtschaft wird stetig geringer. 50 Prozent der weltweit benötigten Nahrungsenergie für den Menschen werden von lediglich drei Pflanzenarten gedeckt: Reis, Mais und Weizen. Und von diesen werden wiederum nur wenige Hochleistungssorten angebaut. Ein enormes Risiko, denn Krankheiten können auf einen Schlag die Ernte ganzer Kontinente vernichten. Darüber hinaus schwindet auch die Vielfalt der Wildarten und der Landschaft selbst weiterhin. Auf dieser Vielfalt basieren jedoch zahlreiche Ökosystemleistungen, von denen auch die Landwirtschaft abhängig ist. Ein Beispiel: Der Ertrag von 84 Prozent aller in Europa angebauten Kulturpflanzen hängt laut einer Studie[1] direkt von Insektenbestäubung, insbesondere durch Bienen, ab.

Die Landwirtschaft hat eine enorme Verantwortung für die Erhaltung der biologischen Vielfalt und ihrer Funktionen. „Drei Viertel unserer gefährdeten Arten sind an extensiv genutzte Elemente innerhalb der land- und forstwirtschaftlich genutzten Fläche gebunden, und damit auch deren Ökosystemleistungen und Landschaftsfunktionen." sagt Dr. Michael Glemnitz vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung ZALF im brandenburgischen Müncheberg im NeFo-Interview.

Für einen effektiven Schutz dieser von der Landwirtschaft abhängigen Vielfalt müssten die richtigen politischen Rahmenbedingungen für Landwirte geschaffen werden. Ein guter Anfang sei der aktuelle Vorschlag der EU-Kommission, direkte Subventionen an die Einrichtung so genannter „Ökologischen Vorrangflächen" zu binden.

Die 2014 anstehende Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP-Reform) soll die bisherige Subventionspraxis erstmals stärker an Naturschutzziele orientieren. 387 Milliarden Euro sollen bis 2020 an die EU-Mitgliedsstaaten verteilt werden. Damit diese Summe, immerhin der größte Einzelposten im EU-Haushalt überhaupt, auch der Erhaltung der Natur zugute kommt, schlägt die EU-Kommission u. a. vor, dass Landwirte, wenn sie weiterhin Direktzahlungen erhalten wollen, mindestens sieben Prozent ihrer Ackerflächen so bewirtschaften müssen, dass damit „klare Vorteile für den Schutz der biologischen Vielfalt und der Umwelt verbunden sind." Als Beispiele nennt die Kommission Brachflächen, Terrassen, Landschaftselemente wie Hecken, Pufferstreifen entlang von Gewässern sowie Aufforstungsflächen.

Der Bauernverband reduziert diesen Vorschlag auf eine Pflicht zur Stilllegung. „Rettet die landwirtschaftlichen Flächen!" ruft Präsident Gerd Sonnleitner im Leitartikel des aktuellen Magazins zur Grünen Woche. In Deutschland gingen v. a. durch Versiegelung für Siedlungen und Verkehr und deren Ausgleich enorme Mengen an landwirtschaftlicher Nutzfläche verloren. Dies sei unverantwortlich in Zeiten der Energiewende und der Ernährung von neun Milliarden Menschen in 2050.

„Die Ernährung der Weltbevölkerung ist sicher eine der großen Herausforderungen der Zukunft." sagt Michael Glemnitz. „Aber die Ursachen für den momentan schon regional vorherrschenden Hunger sind sicher nicht primär in dem Mangel an zur Verfügung stehender Fläche zu suchen, vor allem nicht in unserem Land." Die Forderung nach der kompromisslosen Erhaltung aller Anbauflächen sei falsch verstandener Liberalismus, der alle Bauern über einen Kamm schere und weltweit den Wettbewerbsvorteil des produktionsorientierten gegenüber den umweltbewussten Bauern zementiere.

Den Schlüssel für eine nachhaltige Umsetzung von Naturschutzmaßnahmen und ökologischeren Wirtschaftsweisen sieht Michael Glemnitz vor allem in der Beteiligung und Identifikation der Landwirte mit den Maßnahmen. Und dies sei nicht mit der „Subventionsgießkanne" zu machen. „Neben den biologischen Potenzialen wären auch unbedingt die Zwänge der Landwirte zu berücksichtigen und ihnen ein eigener Handlungs- bzw. Entscheidungsspielraum einzuräumen." Einen Mix aus Mindestanforderungen und honorierten Zusatzleistungen sieht Glemnitz als wirksamste Strategie an.

 

Angewandte Biodiversität in der Landwirtschaft funktioniert

„Landwirte, die nach Subventionen schreien, machen was falsch." sagt Gabriele Probst. Die promovierte Landwirtin hat an der Universität Hohenheim geforscht und gelehrt und bewirtschaftet seit 1992 mit ihrem Mann und den Kindern einen Hof mit 250 Hektar Land am Rande von Dresden – rein ökologisch. Und es läuft hervorragend. Das Geheimnis des Erfolgs sei die Vielfalt. Auf den Ackerflächen kommt eine Fruchtfolge von sieben verschiedenen Pflanzenarten pro Jahr zum Einsatz: Weizen, Mais, Luzerne, Klee, Erbsen, Triticale und Sonnenblumen. Die Probsts halten darüber hinaus Milch- und Mastvieh, Schweine, Hühner und Schafe. Das Futter produzieren sie zu 100 Prozent selbst.

Ihre Produkte wie Fleisch, Milch und Gemüse vermarkten sie im hofeigenen Laden. „Wir haben den gesamten Hof ohne Subventionen aufgebaut und leben hervorragend." Dass auch der Pflanzenbau so ergiebig ist, führt Gabriele Probst auf die vielfältige Landschaftsstruktur zurück. Auf 53 Hektar Grünland wachsen hier über 50 Pflanzenarten. Dazu kommen Hecken und der nahe gelegene Wald, beides gibt vielen Nützlingen einen Lebensraum. Schädlinge seien meist in so geringem Maße vorhanden, dass sie keine wesentlichen Einbußen verursachen. „Einmal hatten wir im Weizen eine Blattlausplage, doch schon wenige Tage später kam ein Heer von Marienkäfern, dem Weizen hat das kaum geschadet." Dass auch keine Spritzmittel zum Einsatz kämen, würde die Vielfalt an Nützlingen erst ermöglichen.

Und es spart Geld. Auch der Einsatz von stickstoffbindenden Leguminosen spart Kosten. Auf Kunstdünger kann dadurch verzichtet werden und verhindert wird auch die Erosion, ein Problem, das im sachsischen Umland sonst überall zur Verschlechterung der Böden führt. „Wir können Weizen sogar günstiger produzieren als die konventionellen Kollegen." sagt die Landwirtin. Allerdings mache es auch mehr Arbeit.

 

Ökologische Vorrangflächen ohne Zusatzregelungen könnten umweltbewusste Landwirte benachteiligen

Naturschutzengagierte Landwirte, die zum Teil einen erheblichen Mehraufwand hätten/akzeptierten, würden durch pauschale Regelungen wie einer generellen Pflicht, sieben Prozent der Ertragsflächen aus der normalen Produktion zu nehmen, noch bestraft, befürchten Agrarexperten. Michael Glemnitz hält hier eine zusätzliche Regelung für dringend notwendig. Vorhandene Refugien oder extensive Landnutzungselemente müssten angerechnet werden können. „Ohne eine solche oder ähnlich aussehende Regelung werden in der Tat die im Umfeld von Schutzgebieten agierenden oder die seit Längerem umweltbewusst wirtschaftenden Betriebe, die meist auch in landwirtschaftlich benachteiligten Gebieten liegen, zusätzlich belastet." Aus der Sicht des Arten- und Biotopschutzes, sowie des Biotopverbundes sei ohnehin eine landschaftsübergreifende Planung, bzw. die Ausweisung von Vorzugsräumen für spezielle Maßnahmen sinnvoller. Davon sei man aber so weit entfernt, dass effektive Maßnahmen der einzelnen Betriebe schon ein guter Anfang seien. Vorausgesetzt die Umsetzung gelingt.

 

Barriere in den Köpfen

Gabriele Probst hält von der ganzen Subventionsdebatte wenig. Ginge es nach ihr, sollten Agrarsubventionen ganz eingestellt oder nur für Zusatzmaßnahmen zugunsten des Naturschutzes vergeben werden. Denn Landwirtschaft sei auch, wie ihr Beispiel zeige, ohne Förderung möglich. Den Grund, weshalb nicht alle Landwirte diesen Weg gingen, sieht Probst in „geistigen Barrieren". Die Ökonomie sei jedenfalls kein Argument, denn pro Hektar erzeugten die konventionellen Bauern nicht mehr Einnahmen als sie. Die moderne Landwirtschaft habe sich zu einer Großindustrie entwickelt, die immer größere Unternehmen mit immer größeren Flächen begünstige. Kleinteiligere Strukturen seien jedoch der Schlüssel zum Erfolg. Vor 50 Jahren hätten Deutschlands Agrarlandschaft noch zu einem Drittel aus Grünland bestanden. Wir müssten wieder hin zu mehr Weidewirtschaft und dies käme auch der Vielfalt der Landschaft und der Arten zugute.

„Wenn wir diese Barriere in den Köpfen einreißen könnten, bräuchten wir auch keine EU-Vorgaben wie die 7%-Regel und würden einen Haufen Geld sparen." Dafür will sich Gabriele Probst auch lautstark bei der Demonstration gegen großindustrielle Landwirtschaft einsetzen, die parallel zur Grünen Woche am Samstag dem 21. Januar in Berlin stattfindet. Über 20.000 Besucher werden hier erwartet.

 

Literaturnachweis:

[1] Williams IH (1994) The dependence of crop production within the European Union on pollination by honey bees. Agr Zool Rev 6:229–257.

Kontakt:
Dr. Michael Glemnitz (ZALF Müncheberg)
Dr. Gabriele Probst (Vorwerk Podemus Dresden)

Weiterführende Literatur:

NeFo-Faktenblatt: Scientific Arguments for a biodiversity richer Common Agriculture Policy (CAP)

Vorschläge der EU-Kommission zur GAP-Reform 2014