ArtikelDie Biodiversitätsforschung muss sich an neue Herausforderungen anpassen

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Naturkundemuseum Berlin Dino Saurier Saal
Sauriersaal im Museum für Naturkunde Berlin
Foto: MfN-Berlin

22. Mai - Internationaler Tag der biologischen Vielfalt

von Sebastian Tilch

Biodiversität wird zunehmend als Element globaler Zukunftsfragen denn als eigenes Politik- und Forschungsfeld gesehen. Das macht eine Anpassung von Forschungsstrategien und Förderungen notwendig. Ende September sollen durch die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen wichtige umweltpolitische Weichen gestellt werden. Die Erhaltung und nachhaltige Nutzung von Biodiversität soll dabei als Kernziel verankert werden und so in andere Politikbereiche wie Klimawandel, Urbanisierung u.a. Eingang finden. Hierfür ist ein Verständnis der Zusammenhänge zwischen menschlichen Aktivitäten und dem Schwund der natürlichen Ressourcen bzw. Lebensräume einerseits, der Bedeutung der biologischen Vielfalt für das menschliche Wohlergehen andererseits unumgänglich. Was das Wirken in diesem politischen Umfeld konkret für künftige Aufgaben, die Organisation und die gesellschaftliche Rolle der Wissenschaft in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahre bedeutet, diskutierten rund 80 Vertreterinnen und Vertreter aus Forschung und Öffentlichkeit beim NeFo-Symposium „Biodiversitätsforschung – Quo vadis?" am 19. und 20. Mai in Berlin.

Der Rückgang der biologischen Vielfalt setzt sich kaum vermindert fort. Jedes Jahr, so aktuelle Studien, gehen zwischen 12 000 und 58 000 Arten verloren. Trotz verbindlicher Ziele, den globalen Verlust von Arten, Ökosystemen und genetischer Vielfalt bis 2020 zu stoppen, haben die 193 Mitgliedstaaten des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) in ihrem letzten Bericht kaum einen Fortschritt festgestellt. Zunehmend werden auch die Folgen für die Natur und den Menschen deutlich. Grundlegende Ressourcen wie Wasser und Böden, die für die Ernährungssicherung nötig sind, aber auch unterstützende Ökosystemleistungen wie Bestäubung hängen direkt von einer Vielfalt interagierender Arten ab. Deren Wegfall verschärft umso mehr die Probleme, die ohnehin durch die wachsende Weltbevölkerung entstehen.

„Über die Notwendigkeit für politisches Handeln besteht zwar breiter Konsens", meint Dr. Carsten Neßhöver vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ in Leipzig, der das Projekt Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland leitet. „Zur tatsächlichen Umsetzung fehlt es zum einen aber am politischen Willen, zum anderen an wegweisendem Wissen, wie wir die Treiber des massiven Verlustes aushebeln und in nachhaltige Nutzungsmethoden überführen können." Dafür müsse es neue Methoden, Politikinstrumente und Kontrollmechanismen für Maßnahmen zum Schutz und zur Nutzung der Biologischen Vielfalt geben. Zu dieser politischen Debatte könne die Forschung maßgeblich beitragen. Mehr als bisher sei dabei inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit, weit über die Grenzen der Naturwissenschaften hinweg, notwendig.

Eine Plattform für diese Debatte auf globaler Ebene haben die Vereinten Nationen 2012 mit dem Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) geschaffen. Ähnlich wie der IPCC in Klimafragen sollen im Rahmen von IPBES Tausende von Experten weltweit das aktuelle Wissen rund um den Biodiversitätsverlust und dessen Ursachen zusammentragen. Dabei ist der Rat auf die Zuarbeit der Biodiversitätsforschung in ihrer ganzen Breite angewiesen, was ein entsprechendes Selbstverständnis als gesellschaftliche Beraterin voraussetzt. Dies schließt u.a. die Bereitschaft ein, andere Interessensgruppen und Wissensträger einzubinden und die eigenen Ergebnisse in anwenderfreundliche Formen zu übersetzen. IPBES-Vize-Präsident Robert Watson spricht hier von einer „neuen Generation von Wissenschaftlern".

„Neben einem neuen Verhältnis zur Unterstützung von Politik muss aber auch das Grundlagenwissen besser eingebunden werden", meint Dr. Katrin Vohland vom Museum für Naturkunde Berlin (Leibniz-Gemeinschaft). Während der letzten 15 Jahre seien enorme technologische Fortschritte im Hinblick auf die Sammlung, Speicherung und Verarbeitung von Daten erreicht worden. Diese neuen Infrastrukturen sollten weiterentwickelt werden, u.a. als Grundlage für ein besseres Monitoring, also die Erfassung der Veränderung der Lebensräume und Artenzusammensetzungen. „Die Biodiversitätsforschung steht hier also vor der Herausforderung, unterschiedliche Wege gleichzeitig zu beschreiten und die Brücken zwischen diesen Wegen zu jeder Zeit zu sichern", sagt Vohland.

Bei der Podiumsdiskussion und dem folgenden Workshoptag ergab sich bei den 100 engagierten Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Gruppen der Biodiversitäts-Community das folgende Bild: Biodiversität wird zunehmend als entscheidender Faktor in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen wie beispielsweise Landwirtschaft oder Klimaregulierung wahrgenommen, ist aber immer noch entkoppelt von der konkreten Lebenswirklichkeit, insbesondere der städtischen Bewohner. Das zeigt auch das Ringen um sinnvolle Ansätze der In-Wert-Setzung von biologischer Vielfalt.

Dr. Stefan Hotes von der Gesellschaft für Ökologie sieht ebenfalls eine zunehmende Verantwortung der Forschung gegenüber angewandten gesellschaftlichen Fragestellungen zu mehrt Nachhaltigkeit, weshalb sich die Forschung weiterentwickeln müsse. Die entstehenden koordinativen Aufgaben könnten hierbei bspw. Verbände leisten. Allerdings müsse die Politik als „Auftraggeber" hier auch dafür sorgen, dass das Engagement keine Nachteile für die wissenschaftliche Karriere mit sich bringt.

Dass die Erforschung und Erkenntnis ökologischer Zusammenhänge und Strukturen auch zu technischen Innovationen für eine ressourcenschonende Zukunft führen kann, zeigte der Abschlussvortrag von Biomimikry. Die Natur hätte in über 3 Mrd. Jahren enorm effiziente Lösungen geschaffen, die nur auf technische Ebene übersetzt werden müssten, um eine nachhaltige Gesellschaft zu ermöglichen. Notwendig hierfür wäre aber die Bereitschaft, sich von alten Lösungen zu trennen und den „Blick eines Kindes" auf die zu lösenden Probleme zu lenken.

Den 22. Mai haben die Vereinten Nationen zum Internationalen Tag der biologischen Vielfalt erklärt, um mehr Aufmerksamkeit und Bewusstsein für ihre Bedeutung für den Menschen zu erzeugen. Der diesjährige Tag greift die Bedeutung der Biodiversität speziell für eine nachhaltige Entwicklung der Welt auf, da die UNO im September die so genannten Nachhaltigen Entwicklungsziele verabschieden wird, die die Millennium Entwicklungsziele ablösen sollen.

Zur Webseite des NeFo-Symposiums

Kontakt:
Sebastian Tilch
NeFo-Pressereferent
Telefon: 0341-235-1062
E-Mail: sebastian.tilch@ufz.de
Web: http://www.biodiversity.de

Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland Projekt zur inter- und transdisziplinären Vernetzung und Sichtbarmachung der Biodiversitätsforschung in Deutschland über Institutionsgrenzen hinweg. Es wird gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF und maßgeblich durchgeführt durch das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig – UFZ sowie das Museum für Naturkunde Berlin (Leibniz-Gemeinschaft).