PressemitteilungBorkenkäfer und Artenschutz oder: Nichts tun hilft manchmal mehr - Vortrag bei der GfÖ-Jahrestagung am 12.9.

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Borkenkäferbefall im Nationalpark Bayrischer Wald
Foto: S. Thorn

Der Borkenkäfer ist eines der gravierendsten Schadinsekten Europas. 2017 fielen ihm allein in Bayern 3,5 Millionen Festmeter Holz zum Opfer, was einen wirtschaftlichen Ausfall von 100 Millionen Euro nach sich zog. Der extrem warme Sommer könnte das Ausmaß in diesem Jahr sogar noch erhöhen. Doch während er die wirtschaftlichen Ziele der Waldbesitzer bedroht, kann der Käfer maßgeblich dabei helfen, das forstpolitische Ziel standortgerechter, strukturreicher Mischwälder voranzubringen. Und den Artenschutz. Denn einige bedrohte Tierarten wie etwa Mopsfledermaus oder Auerhahn profitieren von den abgestorbenen Fichten, hat Mareike Kortmann von der Universität Würzburg herausgefunden. Ihre Ergebnisse stellt die Biologin am 12. September bei der Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie in Wien vor.

Die Fichte stellt mit rund 26 Prozent die häufigste Baumart unseres Waldbestandes dar. Zehn Prozent der Wälder sind reine Fichtenwälder (Bundeswaldinventur Stand 2012). Fichten sind zwar besonders schnellwachsend, jedoch auch besonders störungsanfällig. Um die Wälder in Deutschland gegen Schädlinge und Trockenheitsereignisse wie in diesem Sommer, die durch den Klimawandel künftig öfter zu erwarten sind, fit zu machen, sollen sie artenreicher werden, so die Bundeswaldstrategie 2020. „Waldumbau“ heißt dieser Vorgang, weg von eng stehenden lichtarmen Holzplantagen hin zu einem vielfältigen Waldbiotop, das wieder Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten bereitstellt und so die biologische Vielfalt in Deutschland erhöht. Auch die Stabilität der Wälder gegen Störungsereignisse soll so erhöht werden, und die wird es durch den Klimawandel künftig wesentlich häufiger geben.

Von einem verjüngten lichten Mischwald mit verschiedener Alters- und Höhenstruktur profitieren viele Tierarten, die sich im reinen Nadelbaumwald nicht wohl fühlen, darunter bedrohte Arten, deren Bestände wieder vergrößert werden sollen. Die Doktorandin Mareike Kortmann vom Biozentrum der Universität Würzburg hat sich drei solcher bedrohten Arten herausgegriffen und deren Reaktion auf die durch Borkenkäferbefall bedingte Waldveränderung genauer angesehen: neben dem Auerhahn und dem Haselhuhn auch die Mopsfledermaus.

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Die stark gefährdete Mopsfledermaus profitiert vom Borkenkäfer
Foto: S. Thorn

Sie gehört in Westeuropa zu den gefährdetsten Fledermausarten überhaupt und dank ihrer größten Verbreitung auf Bundesgebiet zu den Arten nationaler Verantwortlichkeit Deutschlands. Die Mopsfledermaus jagt in Wäldern, aber auch an Hecken, Waldrändern und Lichtungen vornehmlich Nachtfalter. Ihr Lebensraum ist vorzugsweise in laubwaldreichen Gebieten mit hohem Alt- und Totholzanteil, wo sie quartier in Stammrissen oder hinter der abstehenden Borke von Bäumen bezieht. Diese Strukturen fehlen jedoch meist in kommerziell bewirtschafteten, ausgeräumten Fichtenwäldern. Der Borkenkäfer, der in relativ kurzer Zeit große Mengen an Totholz und offeneren Strukturen schafft, könnte für diese Art also von Vorteil sein.

Um die Veränderungen der Waldstruktur und die Lebensraumnutzung durch die Tiere zu erfassen, kombinierten die Forschenden akustische Untersuchungen, Funk-Telemetrie und Luftbildaufnahmen (LiDAR). Tatsächlich konnten die Forscher zeigen, dass die Lebensraumveränderungen in den Versuchswäldern durch den Borkenkäfer die untersuchten Arten begünstigten. So zeigten die Mopsfledermäuse in den von vom Borkenkäfer veränderten Waldarealen verstärkte Futtersuchaktivität, was durch den gelichteten Flugraum erleichtert wird. Wochenstubenkolonien fanden sich ausschließlich in den durch den Käfer abgestorbenen Bäumen, wo unter loser Borke neue Schlafplätze entstanden. Dabei bevorzugten sie Bäume mit größerem Durchmesser.

Auch Auerhahn und Haselhuhn waren häufiger in den durch den Käfer gestörten Wald zu finden. Die größere Heterogenität des Waldes nach dem Befall, etwa verschieden hohe Bäume verschiedener Arten, kam den Lebensraumansprüchen der beiden Arten näher, etwa der durch den stärkeren Lichteinfall ermöglichten Unterwuchs, wo sich die Tiere verstecken und brüten können.

„Unsere Ergebnisse bestätigen das Potential des Borkenkäfers, Lebensräume für geschützte Arten zu schaffen und zu verbessern“, sagt Mareike Kortmann. „Dies trifft auch auf weitere Arten zu, beispielsweise auf insektenfressende Vögel, da die Nahrungsverfügbarkeit zunimmt“.
Borkenkäferausbrüche können also in bewirtschafteten Wäldern als restauratives Instrument für die Waldbewirtschaftung genutzt werden, um die Strukturvielfalt zu erhöhen und so die Lebensraumqualität zu verbessern. Allerdings reduziert die Entnahme käferbefallener Bäume diesen positiven Effekt, weshalb die Forscher empfehlen, dickere tote Bäume stehen zu lassen.

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Mareike Kortmann, Universität Würzburg
Foto: Uni Würzburg

„In solchen Ausmaßen wie im Bayerischen Wald ist das natürlich in einem Wirtschaftswald nicht möglich“, sagt Mareike Kortmann im NeFo-Interview. Bei extensiv bewirtschafteten Wäldern, in denen Naturschutz betrieben werden soll, sei das Dulden des Borkenkäfers jedoch eine relativ aufwandsarme Option. „Gerade in Gebirgsregionen, in denen wegen der schlechten Erreichbarkeit forstliche Eingriffe sehr schnell sehr teuer werden und sowieso ein geringerer wirtschaftlicher Anspruch besteht, bieten Borkenkäferausbrüche eine gute Möglichkeit für den Naturschutz“, meint Kortmann.

Dass der Borkenkäfer grundsätzlich ein Instrument zur Förderung geschützter Arten darstellt, lässt sich jedoch nicht verallgemeinern. „Schließlich hat jede Art ihre eigenen Ansprüche an ihren Lebensraum und reagiert anders auf Veränderungen“, sagt die Biologin. Ein Beispiel aus Arizona, USA zeigt, dass die Populationen des Roten Eichhörnchen nach großräumigen Absterbeereignissen von Fichten und Tannen durch Schädlinge dramatisch schwanden. Hier sei noch einiges an Forschung nötig.

Mareike Kortmann wird ihre Arbeit am Dienstag, 12. September 2018 um 16:30 auf der 48. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie in Wien, Österreich, vorstellen. Der Vortrag bezieht sich auf die folgenden Veröffentlichungen:

  • Kortmann, M., Hurst, J., Brinkmann, R., Heurich, M., Silveyra González, R., Müller, J., & Thorn, S. (2018). Beauty and the beast: how a bat utilizes forests shaped by outbreaks of an insect pest. Animal conservation, 21(1), 21-30.
  • Kortmann, M., Heurich, M., Latifi, H., Rösner, S., Seidl, R., Müller, J., & Thorn, S. (2018). Forest structure following natural disturbances and early succession provides habitat for two avian flagship species, capercaillie (Tetrao urogallus) and hazel grouse (Tetrastes bonasia). Biological Conservation, 226, 81-91.


Ein Interview mit der Forscherin zum Thema finden Sie bei NeFo

Die GfÖ-Jahrestagung findet vom 10.-13. September 2018 unter dem Motto „Ecology - meeting the scientific challenges of a complex world“ statt. Ein internationales wissenschaftliches Publikum wird dort die neuesten Ergebnisse ökologischer Forschung aus diversen Themenbereichen diskutieren. NeFo unterstützt die Pressearbeit zur Tagung. Highlights sind dieses Jahr der Vortrag von Dr. Martin Sorg zum Thema Insektensterben (Hallmann et al. 2017 PLOSone) und der öffentliche Vortrag von Prof. Dr. Klement Tockner über die Domestizierung unserer Gewässer.

Für weitere inhaltliche Informationen oder um ein Interview zu organisieren, kontaktieren Sie bitte:
Mareike Kortmann, Universität Würzburg, Tel: +49 931 31 88740, mareike [dot] kortmann [at] uni-wuerzburg [dot] de.

Für Informationen zur Konferenz oder Presseakkreditierung, kontaktieren Sie bitte:
Juliane Röder, Pressestelle der Gesellschaft für Ökologie, Email: presse [at] gfoe [dot] org, Tel: +49 (0) 642128 23381, Mobile:+49 (0) 179 64 68 958
Das detaillierte Programm finden Sie hier: https://www.gfoe-conference.de/index.php?cat=program

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Die Gesellschaft für Ökologie (GfÖ)
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