„Nachhaltige Zeitenwende?“ NeFo-Bericht zur Veranstaltung der Leopoldina zu Herausforderungen der Agenda 2030 für Wissenschaft und Politik

Katrin Reuter, Kristina Raab

nachhaltige_zeitenwende_leopoldina_wanka.jpg

Johanna Wanka auf Bühne vor Veranstaltungsbanner
Keynote von Johanna Wanka
Katrin Reuter

Am 18. Oktober fand in den Räumen der Landesvertretung Sachsen-Anhalt in Berlin ein Symposium der Leopoldina zum Thema „Nachhaltige Zeitenwende? Die Agenda 2030 als Herausforderung für Wissenschaft und Politik“ [Programm als pdf] statt. Die Eröffnungsrede hielt Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung. Darauf folgend war der Vormittag geprägt von einer globalen Perspektive auf die „5 Ps“ der SDGs – People, Planet, Prosperity, Peace, Partnership –, während der Nachmittag auf die nationale Perspektive hinsichtlich Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsförderung fokussierte.

 

Keynote von Johanna Wanka zur Frage „Wie Wissenschaft Nachhaltigkeit möglich macht“

In ihrer Eröffnungsrede betonte Frau Wanka, dass globale Strategien und Ziele wie sie die SGDs darstellen auf der lokalen Ebene, wenn die abstrakten Ziele in konkrete Maßnahmen umgesetzt werden sollen, häufig zu Zielkonflikten führen. Im Zusammenhang mit der Frage der Bearbeitung dieser Konflikte verwies sie auf die Hightech-Strategie der Bundesregierung, bei welcher Nachhaltigkeit ein zentrales Thema ist und welche Beteiligungselemente im Hinblick auf Partizipation und Transparenz enthält. Johanna Wanka betonte die Rolle der Wissenschaft im Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit und illustrierte diese am Beispiel der Erderwärmung: Es sei der Wissenschaft zu verdanken, dass überhaupt über CO2 und Erderwärmung nachgedacht wurde und dieses Thema Teil des öffentlichen Diskurses werden konnte und damit in politische Entscheidungsprozesse Eingang gefunden hat.

Weiterhin betonte sie, dass gerade in Zeiten, in denen wissenschaftliche Ergebnisse und Wissenschaftler_innen selbst Diffamierungen in sozialen Medien ausgesetzt sind und Wissenschaftler_innen häufig als Lobbyisten für das eigene Fach wahrgenommen würden, die Rolle eines kritischen Wissenschaftsjournalismus von besonderer Bedeutung sei; in diesem Sinne könne eine Stärkung des Wissenschaftsjournalismus diesen Entwicklungen entgegenwirken. Andererseits betonte sie jedoch auch die wichtige Rolle sozialer Medien, wenn es darum geht, die Menschen bei der Umsetzung der SDGs mitzunehmen, da soziale Medien bei der Verbreitung und Dokumentation der Umsetzung helfen können. Zudem betonte sie, und dieser Punkt wurde auch in der Abschlussdiskussion des Vormittags bekräftigt, dass Deutschland mit dem Anteil der öffentlichen Mittel, die in Forschung und Entwicklung investiert werden, über dem europäischen Durschnitt liegt und in diesem Sinne durchaus eine Vorbildfunktion hat.

Durch die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit würde Wissenschaft nicht „unfrei“ – die Freiheit der Wissenschaft bleibe in Deutschland oberstes Gut –, Verantwortung sei jedoch auch ein Teil von Wissenschaft und es sei wichtig, dass Forschung darüber nachdenke, was sie für die Lebenswelt der Menschen bedeute. Forschung könne zwar Reibungen im Hinblick auf Zielkonflikte nicht lösen, jedoch Fakten zu gesellschaftlichen Diskussionen beisteuern und neue Forschungsfelder im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung erschließen.

 

Vormittagssession: „The 2030 Agenda for Sustainable Development and the Role of Science: The ‘Five P´s’ for Humanity and Planet’

Die weiteren Vorträge des Vormittags wurden eingeleitet durch den Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft Mathias Kleiner, der auf das Projekt „Nachhaltigkeit in der Wissenschaft“ und eine in diesem Zusammenhang entstandene Handreichung zu nachhaltigem Wissenschaftsmanagement in außeruniversitären Institutionen verwies. Die Vorträge zu den 5 Ps gaben jeweils einen disziplinär geprägten Überblick, inwiefern die jeweilige Disziplin des und der Vortragenden für die SDGs relevant ist. Die Bezüge der einzelnen Wissenschaften zum Thema Nachhaltigkeit wurden deutlich, sie verblieben jedoch im mono-disziplinären.

In der Abschlussdiskussion des Vormittags wurde, entsprechend der Gestaltung und Ausrichtung des Panels, die Rolle von Grundlagenforschung betont – große Durchbrüche würden ohne Grundlagenforschung nicht erzielt. Weiterhin wurde betont, dass wissenschaftliche Ergebnisse nicht direkt in politische Prozesse Eingang finden, sondern hier Übersetzungs- und Transferleistungen nötig seien. Außerdem wurde diskutiert, ob es nicht möglicherweise unangemessen sei, zu versuchen, die SDGs, welche ja politische Zielsetzungen sind, in eine wissenschaftliche Agenda zu transformieren. Auch die Unterscheidung von Grundlagenwissenschaft und Angewandter Wissenschaft wurde kritisiert, da diese eine unangemessene Unterscheidung von „nützlich“ und „nicht nützlich“ in die Wissenschaft einführen würde. Große Einigkeit bestand über die wichtige Rolle von Bildung in Bezug auf nachhaltige Entwicklung und darüber, dass Bildung vermutlich das einzige SDG sei, welches nicht in Konflikt mit anderen SDGs steht.

 

leopoldina.jpg

Programmflyer mit Block und Kuli
Programm
Katrin Reuter

 

Nachmittagssession: „Die Agenda 2030 als Herausforderung für eine nachhaltige Wissenschaftspolitik und Wissenschaftsförderung“

Der Nachmittag wurde eröffnet von Dorothee Dwonnek, Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Als wesentliche Fragen für Nachhaltigkeit in der Wissenschaft nannte sie Fragen von Open Data und Open Access, da beides dazu führe, den Transfer von Wissen in die Praxis zu vereinfachen und den Austausch von Wissen zu fördern. Entsprechend müssten diese Fragen auch bei der Forschungsförderung mitbedacht werden. Zudem betonte auch sie die Bedeutung von Wissenschaft-Politik-Schnittstellen, da Macht- und Zielkonflikte im Hinblick auf verschiedene Verständnisse und Ziele nachhaltiger Entwicklung nicht von der Wissenschaft selbst gelöst werden können, wissenschaftliche Ergebnisse aber in Politik Eingang finden müssten, was entsprechende Transferprozesse voraussetzt.

Georg Schütte, Staatssekretär des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), reflektierte über den Diskurs rund um Nachhaltigkeit in der Forschung – wer ihn bestimme und was eigentlich mit dem Ausdruck gemeint sei. Er unterschied zwischen drei Aspekten der Nachhaltigkeit in der Wissenschaft: Erforschung der Nachhaltigkeit, nachhaltig Forschen und nachhaltige Forschung. Außerdem forsche die Wissenschaft nicht nur zu globalen Herausforderungen, sondern auch zu deren Zielkonflikten. Somit müsse man sich die Frage stellen, welche dieser Zielkonflikte man angehen und lösen wolle und wie Wissenschaft dabei helfen könnte. Er räumte ein, dass die Möglichkeiten und Horizonte der Forschung unter Umständen durch ein konkretes Ziel beschränkt werden könnten und dass Wissenschaft ihre Freiheit brauche. Er unterstrich jedoch auch, dass mit Freiheit Verantwortung einher gehe und zitierte Klaus Töpfer's Frage, ob es nicht auch eine Verantwortung der Wissenschaft gäbe, gerade die wissenschaftlichen Fragen auszuwählen, die gesellschaftlich relevant seien.

Als nächster Sprecher warnte der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Peter Strohschneider, vor der Sinnesentleerung des Ausdrucks 'Nachhaltigkeit' und stellte dar, ob und wie Forschung zur 2030 Agenda beitragen könne. Wichtig sei vor allem eine dezentralisierte und pluralistische Organisation und Finanzierung der Wissenschaft. Vor allem bei komplexen Themen (wie z.B. nachhaltige Entwicklung) könne man zwar Fragen angehen, deren Nutzen schon jetzt erkennbar sei, man müsse sich aber auch dessen bewusst sein, dass sich zukünftig Fragen entwickeln würden, die man mit heutigem Wissen noch gar nicht absehen könne. Er kritisierte außerdem, dass Nachhaltigkeit in der Wissenschaft zum Prüfkriterium (z.B. in Forschungsanträgen) simplifiziert und reduziert würde. Er warnte vor einer Totalisierung des Forschungssystems und vor einem quasi populistischem Ansatz, in dem nur ein Prinzip herrsche: die Rettung der Welt. Die Argumentation beruhe seiner Ansicht nach auf Moralisierung, aber die Differenzierung zwischen Nutzen und Wahrheit in der Forschung sei eine falsche Dichotomie und hindere das Erreichen der SDGs: komplexe Themen benötigten strukturell pluralistische Ansätze.

Margret Wintermantel, Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), setzte den Schwerpunkt auf Internationalität als zusätzliche Dimension der Nachhaltigkeit in der Wissenschaft, wie sie im Leopoldina Buch 'Nachhaltigkeit in der Wissenschaft' angesprochen wurden. Sie erläuterte, dass Nachhaltige Entwicklung nur mit inter- und transdisziplinären Ansätzen vorangetrieben werden könne. Die Zielsetzung müsse in gesellschaftlichen Dialogen erarbeitet werden und sich an eben diesen orientieren. Wichtig sei, zu überlegen, wie die Schwellen- und Entwicklungsländer sich artikulieren könnten. Eine gemeinsame Forschungsagenda müsse mit ihrem Einbezug entwickelt werden, da Forschung und Ergebnisse auch sie direkt betreffen. Beispiele solcher internationalen Zusammenarbeit seien z.B. die transdisziplinären Exceed Zentren sowie bilaterale SDG Graduiertenkollegs, aus denen die zu lösenden Probleme der 2030 Agenda stammen. Forschung zu nachhaltiger Entwicklung müsse selbst auch nachhaltig sein und dazu zähle sowohl die Bindung hervorragender Nachwuchswissenschaftler_innen als auch die Ausbildung von akademischen Betreuer_innen, die bald für die rapide wachsende Bevölkerung mancher Regionen Afrikas benötigt würden. Eine inklusive, chancengerechte Bildung und 'lifelong learning' (SDG 4) benötigt internationalen Aufbau von Kapazitäten (siehe 2016 UNESCO report). Angesichts dessen und des Grundprinzips der Partnerschaftlichkeit (SDG 17) betonte Frau Wintermantel, dass weder rein nationale Forschung noch die Orientierung an angelsächsischen Ländern ausreiche und dass eine „Entprovinzialisierung“ der Forschung notwendig sei. Die Erfahrungen des DAAD, die sie zu diesem Zwecke anbot, könnten hier von großem Nutzen sein.

Martin Stratmann, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), betonte, dass Nachhaltigkeit als Leitbild in der Wissenschaft sowohl eine Überfrachtung des Ausdrucks als auch eine Bevormundung der Wissenschaft sei. Nur ungeleitete Wissenschaft könne als Werkzeug in der Politik benutzt werden. An Max-Planck-Instituten erforsche man die Fragen, die am meisten Erkenntnisse ermöglichten bzw. deren „Erkenntnisgradienten“ besonders steil seien – dort sei Wissenschaft effektiv und effizient. Diese Gradienten zu finden könne nur die Wissenschaft selbst übernehmen und die Rahmenbedingungen müssten stimmen, um es Personen zu ermöglichen, ihre Erkenntnisse zu erlangen. Oft könnten Zukunftsentwicklungen nicht vorhergesehen werden (siehe die globale Ausbreitung des Smartphones) und deswegen sei es essenziell, statt 'Segelboot auf Nachhaltigkeitskurs, Surfer auf der Suche nach der steilsten Welle' (sic) zu sein. Vielfalt in der Forschung zu fördern, also sowohl Forschung zu Themen nachhaltiger Entwicklung als auch zu Themen, die nicht spezifisch auf Nachhaltigkeit zielen, sei unentbehrlich. Egal wie gut gemeint das Nachhaltigkeitsdiktat auch sein möge, könne man sich diesem nicht unterwerfen, sonst stünde u.U. das Vertrauen von Politik und Gesellschaft auf dem Spiel.

Als nächstes sprach Rolf-Dieter Heuer, ehem. Generaldirektor des CERN, der an verschiedenen Wissenschaft-Politik-Schnittstellen aktiv ist. Er betonte, dass sich 'disruptive innovation' nicht planen ließe, sondern nur ein Klima geschaffen werden könne, in dem sich Ideen entfalten könnten. Das CERN ist ein Grundlagenforschungsinstitut und Beobachter der UN Generalversammlung - eines von wenigen Instituten, die international arbeiten und finanziell und politisch unabhängig sind. Herr Heuer stellte die Frage in den Raum, ob man nicht mehr von solchen Instituten benötige. Institute, die explizit der Wissenschaft und Völkerverständigung dienen, seien unentbehrlich, um den Vertrauensaufbau zu fördern, ohne den die SDGs nicht erreicht werden könnten. Eine Stärkung von Schnittstellen könne erreicht werden, indem die Wissenschaft pro-aktiv auf die Politik zugehe, sich kritischen Fragen der Politik stelle, sich politikwissenschaftliche Expertise einhole und ihre Kommunikationsfähigkeit stärke. Man bräuchte dabei sowohl kreative Wissenschaft als auch findige, weitsichtige Politik. Nur in einer freien Gesellschaft könne sich auch eine freie Wissenschaft entfalten. Dementsprechend schlug er vor, dass staatliche Wissenschaftsförderung mehr 'Risiko-Forschung' unterstützen sollte.

Sibylle Baumbach brachte als letzte und 'jüngere' Sprecherin etwas frischen Wind in die Runde, und sprach gezielt über Nachhaltigkeit und wissenschaftlichen Nachwuchs. Sie erläuterte die Überproduktion von Nachwuchswissenschaftler_innen, die nur teilweise vom System aufgefangen würden. Es verhinderten manchmal noch immer Hausberufungen und Zitierkartelle angemessene Förderung von Nachwuchstalenten. Die langfristige Bindung von talentierten Nachwuchswissenschaftler_innen in die internationale Hochschullandschaft sei angesichts der Degeneration des Doktortitels zum 'gesellschaftlichen Schmuckstück', der eher unattraktiven Postdoc Phase und relativ niedrigen Gehältern schlichtweg schwierig. Außerdem sei es für den Nachwuchs oft zu riskant, eigene neue Forschungsthemen anzuschneiden, da die Wissenschaftsgemeinschaft bei ihren Entscheidungen zur Förderung von Projekten oft Risiken meide. In Anbetracht dessen könnte ein Nachhaltigkeitsdiktum Innovation weiter eindämmen. Interdisziplinäre Forschung werde zwar regelmäßig eingefordert, jedoch selten tatsächlich gefördert. Ein Ausbau der individuellen Förderung sei deswegen wünschenswert - um zu vermeiden dass die (wissenschaftlichen) Giganten von morgen von Google oder Apple abgeworben würden…!

In der abschließenden Podiumsdiskussion wurde noch einmal deutlich, dass manche Panel-Teilnehmer_innen der Wissenschaft eine komplette Entscheidungsfreiheit und Unabhängigkeit lassen möchten, es andere aber als gefährlich ansehen, innerwissenschaftliche Machtverhältnisse und Entscheidungsprozesse unergründet zu lassen.

Die Abschlussdiskussion ließ nur sehr wenig Raum für Fragen aus dem Publikum. Erst durch diese kamen letztendlich noch die psycho- und soziokulturellen Aspekte der Nachhaltigkeit kurz ans Licht, die während der gesamten Veranstaltung kaum angesprochen wurden. Nicht alle Probleme würden sich technisch behandeln lassen lautete der Kommentar und Projekte zu sozialer Veränderung seien daher unabdingbar.

In der Zusammenfassung kommentierte Jörg Hacker, Präsident der Leopoldina, dass die Gespräche des Nachmittags vom Thema Nachhaltigkeit abgekommen und in die Richtung von Analysen des Wissenschaftssystems gewandert seien. Er unterstrich zuletzt noch die Wichtigkeit von Internationalität und Nachwuchsförderung für nachhaltige Entwicklung.