Konferenz der Arten

„Ohne die Ehrenamtlichen wäre das Insektensterben der letzten Jahrzehnte unentdeckt geblieben.“
Im NeFo-Interview: 
Prof. J. W. Wägele

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Prof. Wolfgang Wägele
Foto: ZFMK

Bei einem Fachsymposium am 1. Juli 2016 in Berlin im Rahmen der „Konferenz der Arten“ von Leibniz-Gemeinschaft und Berlin-Brandenburgischer Akademie der Wissenschaften diskutierten 100 Experten aus akademischer Forschung, Vereinen/Verbänden der Zivilgesellschaft und des amtlichen Naturschutzes, wie ehrenamtliche Bürgerforscher und Biodiversitätsforscher gemeinsam Daten erheben können, die für einen verlässlichen Überblick über den Stand und die Entwicklung der biologischen Vielfalt in Deutschland unerlässlich sind. Als Resultat verfassten die Teilnehmer eine gemeinsame Abschlusserklärung (siehe Kurzbericht von NeFo-Mitarbeiterin Katrin Reuter). Im NeFo-Interview legt der Organisator der Konferenz Prof. J. Wolfgang Wägele, Direktor des Leibniz-Institut für Biodiversität der Tiere (Museum Koenig, Bonn), dar, weshalb die Teilnehmer im Konsens ein umfassendes Biodiversitätsmonitoring fordern und wie wichtig ehrenamtliche Experten für Schutz und Forschung sind.

 

NeFo: Herr Wägele, Sie fordern in Ihrer Abschlusserklärung "eine rasche rechtliche Unterbindung biodiversitätsgefährdender Maßnahmen, den Ausbau der ökologisch verträglichen Forst- und Landwirtschaft sowie Agrarförderung, eine strikte Kontrolle der Anwendung geltender Gesetze". Staatliche Ämter sind ja explizit als Mitunterzeichner genannt. An wen richtet sich also der Appell?

Wägele: Für Gesetzesvorhaben und deren Umsetzung sind Bund, Länder und Kommunen zuständig. Die Abschlusserklärung ist jedoch keine Petition, sondern ein bei Bedarf zitierbarer Konsens der akademischen Forschung, von Vereinen/Verbänden der Zivilgesellschaft, dem amtlichen Naturschutz und engagierten Bürgerinnen und Bürger. Diese Übereinstimmung festzustellen und publik zu machen war ein wesentliches Ziel der „Konferenz der Arten“.

NeFo: Wenn es um Biodiversitätsverlust und -schutz geht, wird immer eine Reihe von Triebkräften und Problemfeldern genannt, an denen angesetzt werden müsste. Eine Dringlichkeitsgewichtung wird allerdings vermieden. Wo und durch was findet in Deutschland denn der größte Biodiversitätsverlust statt bzw. in welchem Bereich müsste man ansetzen, um den größtmöglichen Effekt zur Erhöhung der biologischen Vielfalt in unserem Land zu erreichen?

Wägele: In Deutschland gibt es leider weder ein großflächiges Monitoring von Biodiversität noch umfassendere analytische Ursachenforschung von Trends. Eine Rangordnung der wichtigsten Biodiversitätskiller lässt sich daher mangels Analysen nicht erstellen. Die auf der Konferenz anwesenden Experten nennen als wichtigste Verursacher die Intensivierung der Landwirtschaft und Landnutzungsänderungen, Nährstoffe (Gülle u.a.), Herbizide, Fungizide, Insektizide, wobei regionale Unterschiede verallgemeinernde Aussagen verbieten. Am Beispiel der Diskussion in den Medien um das Glyphosat wird deutlich, dass nur die Wirkung auf den Menschen zu interessieren scheint, während die Veränderungen in unserer biologischen Umwelt ignoriert werden.

NeFo: Welche Maßnahmen wären da aus Ihrer Sicht am erfolgversprechendsten?

Wägele: Wir brauchen a) systematische Forschung zu den Veränderungen der Biodiversität und Ursachenanalysen, b) transparente Information über alle Maßnahmen, die potentiell Biodiversität gefährden, und c) eine zentrale Erfassung der dazugehörigen Daten als wesentliche Voraussetzung für Analysen und darauf aufbauende Politikberatung. Die Bereitstellung der Informationen könnte ein politisch unabhängiges Forschungszentrum übernehmen, dessen Aufgaben analog zu denen der Klimaforschungszentren zu sehen sind.

NeFo: Brauchen wir denn wirklich ein Monitoring und genaue Zahlen über die Entwicklung der Artenvielfalt? Was wissen wir heute schon ohne das von Ihnen geforderte Monitoring, bzw. was fehlt tatsächlich an Wissen für eine effektive Umsetzung der politischen Schutzziele?

Wägele: Die Frage lässt sich mit dem Hinweis auf das unbemerkte Insektensterben illustrieren. Die Entdeckung, dass in Nordrhein-Westfalen nur noch 20% der Insekten vorkommen, die es noch vor 20-30 Jahren gab, ist weder von akademischen Forschungseinrichtungen noch vom amtlichen Naturschutz gemacht worden. Diese Einrichtungen haben nichts gemerkt, wenn man von vereinzelten Berichten über den kleinräumigen Rückgang von Tagfaltern absieht. Amtliches Monitoring, z.B. von ausgewählten Zeigerarten, die überwiegend Vögel sind, erlaubt keine Aussagen über die Merkmale des Insektensterbens.

Die alarmierende Meldung, dass wir 80% der Insekten (gemessen als Biomasse) verloren haben, stammt vom Krefelder Entomologischen Verein, der seit mehr als 30 Jahren standardisiertes Monitoring in zahlreichen Lebensräumen in NRW ehrenamtlich durchgeführt hat. Für andere Organismengruppen (wie z.B. Pilze) gibt es keine vergleichbaren Daten. Zu den erklärten Zielen des BMUB gehört die Reduktion weiterer Biodiversitätsverluste. Wenn nicht bekannt ist, welche Organismen betroffen sind, in welchen Regionen und bei welcher Form der Landnutzung/ des Pestizideinsatzes die Verluste auftreten, lassen sich die schädlichen Prozesse nicht aufhalten.

NeFo: Mit einem solchen Monitoring tut sich die Politik ja eher schwer. Ein flächendeckendes bundesweites Biodiversitätsmonitoring wäre ja auch nicht ganz billig. Eine Iher Referentinnen beim Symposium war ja Elsa Nickel, Abteilungsleiterin Naturschutz des Bundesumweltministeriums, die die Naturschutzoffensive 2020 des Umweltministeriums vorgestellt hat. Was konnte sie denn in Hinsicht auf ein Biodiversitätsmonitoring konkretes anbieten?

Wägele: Vom BMUB wissen wir, dass es nicht die Mittel hat, um die Monitoringaktivitäten auszuweiten. Machbar sei ein detaillierteres Monitoring von Habitaten auf Flächen, die jetzt schon unter Beobachtung stünden. Dieses soll nun im Rahmen der Naturschutzoffensive 2020 realisiert werden. Zur Verbesserung dieser Situation schlagen wir daher der Bundesregierung vor, eine unabhängige Forschungsinfrastruktur aufzubauen, die automatisierte und weniger personalintensive Methoden zur Verfügung stellt (z.B. Habitatbeobachtung mit Satellitenaufnahmen). Die technischen Möglichkeiten werden bisher nicht genutzt.

NeFo: Ehrenamtlich erhobene Daten wie etwa Vogel-, Tagfalter- oder Mückenmonitorings haben in der Biodiversitätsdatenlandschaft Deutschlands ja eine große Bedeutung. International sieht es nicht anders aus. Welche Rolle und welchen Anteil sehen Sie bei einem nationalen Monitoringprogramm bei der institutionellen Wissenschaft, welchen bei den Ehrenamtlichen?

Wägele: Im Rahmen der Konferenz wurde diese Frage intensiv diskutiert. Die akademischen Institutionen müssen übergeordnete Analysen planen und daraus den Datenbedarf feststellen, Infrastrukturen für Feldarbeit, IT-Bedarf, Datensichtbarkeit, Labortechniken bereitstellen, die Automatisierung vorantreiben, wo immer das möglich ist.

Die taxonomische Expertise außerhalb der akademischen Institutionen ist unersetzbar. Es besteht Konsens darüber, dass die Ehrenamtlichen besser unterstützt werden müssen, dass Mittel bereitgestellt werden müssen, damit Daten digitalisiert, standardisiert, offen sicht- und nutzbar gemacht werden können. Der Zugang zu wertvollen Biotopen muss für die Feldarbeit erleichtert werden (Abschaffung kleinteiliger Genehmigungspflichten). Die außerberuflichen Experten sollen an übergeordneten Analysen beteiligt und auf Schulungen mit technischen Neuerungen vertraut gemacht werden.

Die akademischen Institutionen müssen den Dialog mit dem Ehrenamt verbessern, auch helfen, Nachwuchs auszubilden, Technik, Literatur und Analyseverfahren bereitstellen, gemeinsam Forschungsprogramme entwickeln. Da keine Gruppe von Akteuren den Bedarf alleine abdecken kann, ist die Verbesserung der Kooperation essentiell.

NeFo: Eine Frage, die in den Arbeitsgruppen des Symposiums diskutiert wurde, war, wie Jugendliche für Naturkunde begeistert werden könnten – analog oder digital. Welche Ansätze wurden hier favorisiert? Und bewahrheitete sich dies am zweiten Konferenztag, dem Mitmach-Tag für Familien?

Wägele: Rainer Borcherding (Schutzstation Wattenmeer in Husum) empfiehlt im Einklang mit den Teilnehmern des Gruppengesprächs, Kinder und Jugendliche bei dem vertrauten Einsatz von Smartphones abzuholen, um sie mit interessanten Anwendungen in der Natur vertraut zu machen. Dadurch werden Naturerlebnisse „cool“. Entscheiden ist, dass die digitale Welt nicht die analoge verdrängen darf. Trainer müssen dafür digital aufgerüstet werden. Im Rahmen des Open-Air-Salons wurde dieser kombinierte Einsatz nicht simuliert, es zeigte sich aber, dass Kinder und Jugendliche die realen Objekte in die Hand nehmen wollten (Tausendfüßer aus einer Wanne Waldboden, Vogelfedern, Schneckengehäuse…).

Das Interview führte Sebastian Tilch

 

Weitere Informationen:

Webseite zur "Konferenz der Arten" (inkl. Link zur Stellungnahme)

NABU-Pressemeldung "Dramatisches Insektensterben: Rückgang um 80 Prozent in Teilen Deutschlands"

NeFo-Bericht zur "Konferenz der Arten" von Katrin Reuter