InterviewDeutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv)

„Ordentlich „Dampf“ und jede Menge Überraschungen“
Im NeFo-Interview: 
Prof. Christian Wirth und Prof. Helmut Hillebrand

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Fotos: ICBM / C. Hüller

Vor dreieinhalb Jahren erst nahm das Deutsche Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig seine Arbeit auf. Doch in dieser kurzen Zeit hat es sich in der Welt der Biodiversitätsforschung zu einem international angesehenen Player etablieren können. Über 700 wissenschaftliche Veröffentlichungen sind entstanden. Acht Professuren wurden mit internationalen Hochkarätern besetzt. Mehr als 250 Mitarbeiterinnen und Mitglieder arbeiten schwerpunktmäßig an vier Standorten in drei Bundesländern: der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Universität Leipzig sowie, in Kooperation, am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Sieben weitere nicht-universitäre Kooperationspartner gehören zum iDiv-Konsortium.

Ziel des Zentrums ist es, die biologische Vielfalt in ihrer Komplexität zu erfassen, wissenschaftliche Daten auf globaler Ebene bereitzustellen bzw. zu nutzen und für Entscheidungsträger tragbare Strategien, Lösungen und Nutzungskonzepte zu entwickeln, um den weiteren Verlust an Biodiversität zu stoppen. Strategisch möchte die DFG mit der Förderung aber auch die internationale Bedeutung deutscher Biodiversitätsforschung stärken. Im Sommer bekam das Zentrum nach positiver Evaluierung eine weitere vierjährige Förderperiode mit 36,5 Mio. Euro.

Gut angelegtes Geld für die deutsche Biodiversitätsforschung, auch über die direkt beteiligten Institute hinaus, findet der Meeresbiologe Prof. Helmut Hillebrand, Direktor des Instituts für Chemie und Biologie des Meeres an der Universität Oldenburg, der als iDiv-Mitglied außerhalb Mitteldeutschlands die neuen Möglichkeiten nutzt. Was iDiv Neues bringt und welche Beteiligungsmöglichkeiten es bietet, erklären Hillebrand und Prof. Christian Wirth, geschäftsführender Direktor von iDiv, im NeFo-Interview.

 

NeFo: Herr Wirth, was sind die Ziele von iDiv und was bringt es Neues?

Wirth: Wir entwickeln die wissenschaftlichen Grundlagen für einen nachhaltigen Umgang mit biologischer Vielfalt. Dafür müssen wir wissen, wieviel Biodiversität in all ihren Facetten es gibt, warum und wie schnell sie sich verändert, und was mit Ökosystemen und uns passiert, wenn wir sie verlieren. Als DFG-Zentrum sind wir der Grundlagenforschung verpflichtet, aber die Dringlichkeit der Biodiversitätskrise verlangt von uns auch praktische Lösungen und Politikberatung. Dafür müssen wir alle aus unserer disziplinären Komfortzone heraus. Das „Neue“ an iDiv ist die Fusion von verschiedenen Wissenschaften und Denkweisen. Wieviel Biodiversität? Da sind nicht nur Taxonomen, sondern auch „Omics“-Forscher, die mit den neuesten molekulargenetischen Technologien arbeiten, Informatiker und Fernerkunder gefragt. Der Nutzen von Biodiversität? Hier braucht man Mathematiker für die Modellierung und Biogeochemiker. Strategien zum Schutz? Geht nicht ohne Sozialwissenschaften und Kommunikationsexperten. Das meinen wir mit „Integrative Biodiversitätsforschung“.

NeFo: Welchen Mehrwert bringt iDiv für die deutsche Biodiversitätsforschungscommunity?

Wirth: Unser Synthese-Zentrum sDiv finanziert internationale Arbeitsgruppen, die sich bei uns mehrmals für ein bis zwei Wochen zu wissenschaftlichen Workshops treffen. Das wird von der deutschen und internationalen Community begeistert angenommen. Fast tausend Forschungsgäste, davon 400 aus Deutschland, haben bereits bei uns gearbeitet. Auch unsere Graduiertenschule yDiv wird stark von außerhalb genutzt. Wir fördern mit unseren flexiblen Mitteln vorrangig Community-Projekte, von denen Wissenschaftlerinnen in Deutschland und weltweit profitieren. Beispiele sind GEO-BON, die TRY-Datenbank für Pflanzenmerkmale, das sPlot-Projekt für globale Vegetationsdaten u.v.m. Wir bauen neue Plattformen, wie das Ecotron, auf und bemühen uns, bewährte Plattformen (z. B. Jena Experiment, Leipzig Canopy Crane, BEF-China oder Nutrient Network) zu erhalten und weiterzuentwickeln. Diese Plattformen sind das Herzstück für Forschungskooperationen weit über iDiv hinaus.  

NeFo: Herr Hillebrand, in welchem Rahmen arbeiten Sie mit iDiv zusammen?

Hillebrand: Ich bin Mitglied des iDiv und Teil des sDiv Review Panels, das heißt, ich wähle mit Kolleginnen und Kollegen die Syntheseprojekte aus, die im Rahmen von sDiv gefördert werden. Ich war auch Teil des Prozesses, der zur Ausschreibung des DFG-Forschungszentrums geführt hat, und habe diesen Prozess in den Gremien der DFG begleitet.

NeFo: Welche Vorteile haben Sie als Forscher davon?

Hillebrand: Ich hatte selbst die Chance, an drei Synthesegruppen teilzunehmen und einen eigenen Antrag bewilligt zu bekommen. Synthesen sind ein wichtiger Bestandteil meiner Forschungstätigkeit, da ich dadurch aus der kontextabhängigen Information der Ökologie allgemeinere Schlussfolgerungen ziehen kann. Daher ist die Gründung von iDiv für mich ein wichtiger Schritt, in dem es solchen Aktivitäten einen Raum gibt. Darüber hinaus interagiere ich mit einigen der berufenen Kollegen am iDiv sehr eng. Aus diesen Aktivitäten sind einige wichtige Manuskripte, Forschungsanträge und Zusammenarbeiten entstanden.

NeFo: Wie sieht die Zusammenarbeit im iDiv-Rahmen organisatorisch aus? Welche Möglichkeiten der Beteiligung gibt es?

Wirth: Wir haben etliche Instrumente entwickelt, um in iDiv Kommunikation zu „provozieren“. Köpfe zusammen zu bringen ist aber nicht genug. Unser sogenannter Flexible Pool hilft unseren Mitgliedern dabei, die ausgeheckten Projekte zu realisieren, auch wenn sie riskant sind. Dafür haben wir ein eigenes Antragsverfahren entwickelt. Wir haben wichtigen Kooperationspartnern aus ganz Deutschland die Mitgliedschaft angeboten und damit den Zugang zu diesem Pool ermöglicht. Jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler kann Anträge für sDiv working groups bei uns stellen, und ebenso ist eine Beteiligung bei den von uns geförderten Community-Projekten möglich. Darüber hinaus sind wir sehr offen für gemeinsame Projekte und engagieren uns in vielen Initiativen in Deutschland und weltweit.

Nefo: Was hat iDiv nach nunmehr dreieinhalb Jahren Laufzeit schon erreicht? Auf welche Errungenschaften sind Sie besonders stolz?

Wirth: Wir haben iDiv sehr schnell aufgebaut, viele administrative Herausforderungen gemeistert und die neuen Professuren exzellent und vor allem auch international besetzt. Mehr als 40 Prozent unserer neu rekrutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind aus dem Ausland. Diese hohe Quote war harte Arbeit. Besonders stolz sind wir auf sDiv, das uns in kürzester Zeit weltweit bekannt gemacht hat. Dass es uns mit Henrique Pereira gelungen ist, das Sekretariat von GEO BON, dem übergeordneten globalen Netzwerk von Biodiversitätsobservatorien, ans iDiv zu holen, war ein weiteres Glanzlicht. Wir sind froh und erleichtert, dass unsere neuen Plattformen, z. B. das Ecotron und unser Ecometabolomics-Labor, fertig sind. Mich persönlich freut vor allem, dass so viel Unerwartetes passiert und die vielen Nachwuchswissenschaftler so viel „Dampf“ machen. Diese Energie und die Erfolge wurden ja auch jüngst mit der Bewilligung und Aufstockung für die zweite Phase belohnt. Unsere Partner vom UFZ und von den Max-Planck- und Leibniz-Instituten haben einen großen Anteil daran.

NeFo: Wie bewerten Sie, Herr Hillebrand, die bisherige gemeinsame Arbeit als externes Mitglied?

Hillebrand: Ich habe bisher eine Synthesegruppe geleitet und war sehr beeindruckt, wie gut die Organisation der Gruppenarbeit am Standort bereits läuft. sDiv ist sehr gut organisiert in der Begutachtung, die Abläufe stehen, trotz der erst kurzen Laufzeit, wie bei anderen Begutachtungsprozessen auch und laufen geradlinig. Diese Zusammenarbeit wird sich in den nächsten Jahren noch deutlich intensivieren, da mit dem Helmholtz-Institut für funktionelle marine Biodiversität, das 2017 in Zusammenarbeit des Alfred Wegener Instituts für Polar und Meeresforschung und der Universität Oldenburg in Oldenburg entstehen wird, ein äquivalentes Institut mit einem marinen Schwerpunkt entsteht, das den terrestrischen Fokus des iDiv perfekt ergänzt.

NeFo: Welchen Effekt hat die Gründung von iDiv aus Sicht der internationalen Forschung?

Hillebrand: Das iDiv hat sich zu einem nationalen und internationalen Player in der Biodiversitätsforschung entwickelt. Es strahlt bereits jetzt nach wenigen Jahren stark in die Community aus, was sich an der Vielzahl bilateraler Kooperationen mit den neuberufenen KollegInnen zeigt, aber auch an der internationalen Reichweite der sDiv Anträge, die zu einem großen Anteil aus dem Ausland kommen. Das heißt, iDiv hat sehr schnell einen wichtigen Platz in der internationalen Biodiversitätsforschung erobert.

NeFo: Als das Zentrum von der DFG ausgeschrieben wurde, war die Konkurrenz der Bewerbungen in Deutschland ja sehr stark. Wie  erleben Sie die Wahrnehmung Ihres Institutes heute?

Wirth: Viele hatten Angst, dass wir die deutsche Biodiversitätsforschung monopolisieren. Unser Handeln war aber immer darauf ausgerichtet, den Forschungsstandort Deutschland zu bereichern. Die Forschungsaufgabe ist gewaltig, und iDiv kann und will sie nicht im Alleingang lösen. Die Leiter führender Konsortien in Deutschland (Böhning-Gäse, Mosbrugger, Hillebrand, Rillig, Weisser, Scheu) sind iDiv-Mitglieder. Wir freuen uns, dass die Biodiversitätsforschung in Deutschland boomt. Das BiK-F in Frankfurt ist verstetigt, das BBIB (Berlin-Brandenburg Institute of Advanced Biodiversity Research) etabliert, das Helmholtz-Institut für funktionelle marine Biodiversitätsforschung HIFMB in Oldenburg beschlossene Sache. Das sind alles wichtige Partner für iDiv. In der Wissenschaftswelt nimmt man uns als „international player“ wahr. In der Wissenschaftspolitik schaut man vor allem darauf, wie wir es geschafft haben, eine Institution über drei Ländergrenzen hinweg aufzubauen. Da sind wir Pioniere und auch eine Blaupause für Länder übergreifende Kooperationen in anderen Wissenschaftsbereichen.

NeFo: Wie wollen Sie die Ergebnisse aus der iDiv-Forschung auch an Politik und Gesellschaft vermitteln?

Wirth: Ein wichtiger Partner für uns ist hier der Weltbiodiversitätsrat IPBES. iDiv und seine Mitglieder stellen insgesamt 14 Autoren und die gesellschaftliche Wirkung dieser Arbeit wird hoch sein. Wir haben eine eigene Öffentlichkeitsabteilung mit vier Personen, mit der iDiv 2016 den Sprung in die nationalen und internationalen Medien geschafft hat. Unser Science-Policy-Board mit wichtigen lokalen, nationalen, internationalen Vertretern berät uns, öffnet Türen und hilft uns den richtigen Focus in unserer Kommunikation entwickeln. Unser Instrumentarium ist sehr vielfältig und reicht von lokalen Ausstellungen, über Zeitung, Radio, Film und gezielten Vorträgen bis zu Citizen Science Projekten. Wir arbeiten eng mit Experten aus Verbänden, Fachgesellschaften und Behörden, z.B. über BürGEr Schaffen WISSen (GEWISS) oder unsere Machbarkeitsstudie zu einem Lebendigen Atlas – Natur Deutschland. In Zukunft müssen wir noch stärker die Jugend erreichen. Frau Merkel trifft sich mit Youtubern. Wir sollten das auch tun. 

NeFo: Welche Entwicklungs- bzw. Ausbaumöglichkeiten für iDiv sehen Sie, Herr Hillebrand?

Hillebrand: Ich unterstütze die Überlegungen am iDiv, die Synthesearbeit weiter zu stärken. Dazu gehört die Möglichkeit, den Synthesegruppen mehrere Treffen (statt bisher 1-2) zu erlauben, da dadurch die Möglichkeit gestärkt wird, weitere Analysen und letztendlich auch die Veröffentlichungen im Rahmen der Gruppen anzugehen. Auch die Ausschreibung für Katalyse-Postdocs ist ein wichtiger Baustein zur gewünschten integrierenden Funktion des iDiv.

NeFo: Was können wir von iDiv in den nächsten Jahren erwarten?

Wirth: Spannende und relevante Wissenschaft, eine Intensivierung der Forschung im Bereich Biodiversitätsökonomie, die Geburt neuer nationaler und internationaler Projekte und ansonsten: jede Menge Überraschungen!

Das Interview führte Sebastian Tilch

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