Veranstaltung „Warum Biodiversität? Attraktivität, Evidenz und Operationalisierung eines Konzepts“ am 2. und 3.12.2016 am Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin (ZfL)

Rainer Schliep

biodiv_begriff.jpg

Der Begriff "Biodiversität" hat sich durchgesetzt
NeFo

Dieses Jahr wird der Begriff der Biodiversität 30 Jahre alt. Das Konzept hat sich schnell zu einem Schlüsselwort unserer Zeit entwickelt und steht im Zentrum von lokalen und globalen Initiativen zum Schutz der Natur, Projekten zur nachhaltigen Nutzung von Naturressourcen, Sammlungs- und Ausstellungsstrategien von Naturkundemuseen, wissenschaftlichen Forschungsprogrammen und vielem mehr. In der öffentlichen und politischen Kommunikation funktioniert „Biodiversität“ offenbar gut: der Begriff transportiere Achtung und Verantwortung für die Natur und Freude an der Heterogenität und Mannigfaltigkeit der natürlichen und kulturellen Vielfalt. Er passe in eine Moderne, die sich selbst als pluralistisch versteht, so schreiben die Veranstalter.

Der Workshop, der von Dr. Georg Toepfer (ZfL) und Dr. Michael Ohl (Museum für Naturkunde Berlin) konzipiert und moderiert wurde, reflektierte den rasanten Aufstieg des Begriffs und die ihn begleitende Kritik anhand von drei Fragen an die Referenten:

  • Warum hat sich der Begriff in der Praxis – etwa im Naturschutz oder für die Sammlungen und Ausstellungen von Museen – durchsetzen können?
  • Inwiefern hat sich Forschung unter dem Einfluss des neuen Leitbegriffs verändert? Wie beeinflusst der Begriff die Forschung der Referenten?
  • Werden durch den Begriff wichtige Entwicklungen und Fragen in den Hintergrund gedrängt? Welche Vorteile, aber auch welche Gefahren sind also mit Biodiversität als einem leitenden Begriff für die unterschiedlichen Felder der Praxis – vom lokalen Naturschutz bis zur globalen Umweltpolitik – verbunden?
 
Der Begriff „Biodiversität“

Biologische Vielfalt oder Biodiversität ist die deutsche Übersetzung des seit den 1980er Jahren wissenschaftlich verwendeten Begriffs „biodiversity“, der von W. G. Rosen geprägt wurde. Er bezeichnet die biologische Vielfalt der Natur, womit sowohl die genetische Vielfalt, als auch die Vielfalt der Arten und Ökosysteme und ihre Beziehung zueinander und ihr Zusammenspiel gemeint sind. Insbesondere durch die Konvention über Biologische Vielfalt ist der Begriff Biodiversität in den letzten zehn Jahren zunehmend in die politische Diskussion eingeflossen. Zu dem rein wissenschaftlichen Terminus kamen gesellschaftliche Ansprüche: der Anspruch des Menschen an die Natur und ihre Ressourcen, aber auch seine Verantwortung. So steht der Begriff heute im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen, die sich zwischen Schutz und Nutzung bewegen. Er wird von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen mit unterschiedlichen Zielen und Wertvorstellungen benutzt (FUE 2002).

 

 

Die Vorträge

In seinem einleitenden Vortrag lenkte Dr. Toepfer zunächst die Aufmerksamkeit darauf, dass der Begriff Biodiversität viel mit Bildern zu tun habe: Er wird assoziiert mit der Vorstellung vom Menschen in der Natur und mit Ganzheit.

Der Begriff und das Konzept verweisen auf verschiedene Dimensionen:

  • In der Wissenschaft stünden sie für eine quantitative Größe, Biodiversität wird gemessen, gezählt und klassifiziert.
  • In der ethischen Dimension wäre der Begriff mit Normen und Werten aufgeladen: Bio ist immer gut, Diversität verkörpert einen Wert.

  • Biodiversität habe auch spätestens mit dem TEEB-Prozess eine ökonomische Dimension: sie wird monetarisiert, in Wert gesetzt und marktfähig gemacht.
  • Und schließlich habe Biodiversität einen ästhetischen Wert, der seinen Ausdruck u. a. seit dem Mittelalter in der Malerei fände.

jan_van_kessel.jpg

Mittelalterliches Stillleben (zugeschrieben Jan van Kessel d. Ä.)
commons.wikimedia.org

Die Kritik an dem Begriff, insbesondere der Rekurs auf „Diversität“, hat ebenfalls verschiedene Dimensionen. Das Konzept arbeite mit Diskriminierung, um Diskriminierung zu bekämpfen. Es sei ein im Kern narzisstisches Konzept und gehe mit einer Überbewertung des Individuums einher. Carlos Santana (2014) konstatiert unter dem Titel „Save the planet: eliminate biodiversity!“, dass in der gegenwärtigen wissenschaftlichen Praxis das Konzept der biologischen Vielfalt in der Regel ein unnötiger Platzhalter für biologische Werte aller Art sei und dass es besser sei, den Begriff aus dem Naturschutz zu eliminieren oder zumindest in seiner Bedeutung drastisch zu relativieren. Denn, so führte Dr. Toepfer weiter aus, der Begriff erschwere die Trennung von Tatsachen und Werten, was sich insbesondere im Themenfeld Wissenschaft und Politik negativ bemerkbar mache: Für die wissenschaftliche Politikberatung wäre dieser Umstand höchst problematisch. Morar und Kollegen (2015) bezeichnen ihn deshalb auch als „red herring“ oder Nebelkerze, der die Anstrengungen zur Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen behindere, weil die Betonung der Unterschiedlichkeit der natürlichen Erscheinungen vom eigentlichen Wert ablenke: der Natur selbst mit ihrem Reichtum. So erfolgreich seine Interpretationsfähigkeit ihn strategisch gemacht habe, so hinderlich wäre er für die Entwicklung langfristig tragfähiger Lösungen. Es müsse für alle Akteure auf der Basis eines gemeinsamen Verständnisses gleichermaßen erkennbar sein, was geschützt und erhalten werden muss und warum.

In der anschließenden Diskussion wurde u. a. vorgeschlagen, den Begriff Biodiversität durch „biologische Komplexität“ zu ersetzen, um die wertenden und normativen Anteile auszublenden. Außerdem wurde die Aufmerksamkeit auf die Schöpfer des Begriffes gelenkt, die sich folgendermaßen charakterisieren ließen: weiß, männlich, konservativ. Die angeklungene parallele Entwicklung des gesellschaftlichen Diskurses zu kultureller und biologischer Vielfalt sei zwar sicherlich nicht zufällig, aber wohl nicht kausal verknüpft gewesen.

Prof. Johann-Wolfgang Wägele (Zoologisches Forschungsmuseum Alexander Koenig Bonn) wies in seinem Vortrag besonders auf die Differenz zwischen dem gedanklichen Konzept und der materiellen Realität hin. Alle Abgrenzungen biologischer Komponenten voneinander, seien es Arten, Populationen, Gemeinschaften oder Ökosysteme, seien gedankliche Artefakte. Einzig ein Individuum wäre materiell abgrenzbar von anderen. Das zentrale Konstrukt für Biodiversität seien Arten. Für das große Artensterben gäbe es aber keine ausreichenden Daten. Monitoring beziehe sich überwiegend auf wenige Taxa wie Vögel oder Tagfalter, weil sie einfach zu erfassen und ästhetisch ansprechend seien. Der Verlust der Insektenfauna werde dagegen nicht erfasst: wo keine Daten, da keine Entscheidungsgrundlagen und keine Kurskorrekturen. Da die für eine umfassende Erfassung der Taxa benötigten Experten nicht mehr vorhanden seien, wird eine Automatisierung des Biodiversitätsmonitorings vorgeschlagen und im Rahmen von bspw. BioM-D (Deutsches Zentrum für Biodiversitätsmonitoring) konzeptionell und apparativ vorbereitet.

Die Reduktion von Biodiversität wird in der anschließenden Diskussion kritisch gesehen. Es wird vermutet, dass die Gegenstände des Biodiversitätsschutzes komplexer seien als beispielsweise im Klimaschutz, wo eine Reduktion auf das 2 °C-Ziel strategisch sehr erfolgreich sei. Dagegen wird gesetzt, dass es auch im Biodiversitätsschutz möglich sei, Kernprozesse herauszuarbeiten, die sich dann in Konzepten wie „no net loss“ im Artenschutz niederschlügen.

Prof. Kurt Jax (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig) widmete sich in seinem Vortrag insbesondere der Frage, ob die Innovation „Biodiversität“ dem Naturschutz eher genützt oder geschadet habe. Hat er die Betrachtung von Natur eingeengt auf ihren Nutzen für den Menschen, hat er zu einer „Verzweckung“ von Natur geführt? Zunächst sei festzustellen, dass sich Naturschutz schon immer auch auf utilitaristische Aspekte bezogen habe. Anhand von einigen zentralen Veröffentlichungen lasse sich nun eine Verschiebung ins ökonomische nachweisen. Die Funktionen von Natur für den Menschen träten zuungunsten der Funktionsträger bzw. Arten zunehmend in den Vordergrund, die Funktionsträger selbst würden austauschbar. Im Diskurs über die Biodiversität werde die Unterscheidung von Begriffen, Werten und Strategien vernachlässigt, wobei doch sowohl der utilitaristische als auch der intrinsische Gehalt des Begriffs erhalten und seine Engführung auf den reinen Nutzen der Natur für den Menschen vermieden werden sollte.

Zu den weiteren Referenten, deren Vorträge hier nicht vorgestellt werden, gehörten Dr. Barbara Warner (Akademie für Raumforschung und Landesplanung – Leibniz-Forum für Raumwissenschaften), Dr. Karsten Grunewald (Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung Dresden), Prof. Andreas Graner (Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung Gatersleben), Dr. Michael Glemnitz (Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung Müncheberg), Dr. Michael Ohl, Dr. Tahani Nadim (beide Museum für Naturkunde Berlin) und Prof. Thomas Potthast (Universität Tübingen).

 

Das Fazit

Der kleine Kreis der Teilnehmer machte eine äußerst produktive und interessante Diskussion möglich, die die verschiedenen Dimensionen des Begriffes Biodiversität beleuchtete und viele Denkanstöße zu seiner Verwendung gab. Die Vorträge waren nicht immer auf die Diskussion des Begriffs fokussiert, dies tat der Veranstaltung jedoch keinen Abbruch, sondern verdeutlichte vielmehr die Vielfalt in der Vielfalt. Es wurde deutlich, dass sich der Begriff Biodiversität auch deswegen auf breiter Front hat durchsetzen können, weil er „in die Zeit“ passt und positiv besetzt ist. Ob das unter den sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so bleibt? Klar wurde auch, dass die Biodiversitätsforschung im Kielwasser des Begriffes eine Aufwertung erfahren hat und neue Forschungsgelder erschlossen werden konnten. Einen Einfluss des Begriffs auf ihre Forschungen sahen die Referenten des ersten Tages nicht.

Es bleibt spannend, die Deutung des Konzeptes in den unterschiedlichen disziplinären Zusammenhängen und die Verwendung des Begriffes vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen weiter zu verfolgen. Und vielleicht ist es in weiteren 30 Jahren ein Begriff wie die „biologische Komplexität“, der sich einer kritischen Bilanzierung und Diskussion stellen muss.

 

Literatur

FUE – Forum Umwelt & Entwicklung (Hg.) (2002): Globale Gerechtigkeit ökologisch gestalten. Bonn: 7-10.

Morar, N. et al. (2015): Biodiversity at Twenty-Five Years: Revolution Or Red Herring? Ethics, Policy & Environment 18 (1): 16-29. http://dx.doi.org/10.1080/21550085.2015.1018380

Santana, S. (2014): Save the planet: eliminate biodiversity. Biology and Philosophy 29 (6): 761-780.