Nicht schwarz-weiß sondern rosa

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Foto: pinkchickenproject.com

Während neben mir ein Delegierter laut schnarcht höre ich den Verhandlungen zu synthetischer Biologie zu. Es wird gerade die Entscheidung diskutiert, ob die Arbeit einer Expertengruppe zu diesem Thema fortgesetzt wird, sowie die Frage, woran genau diese Gruppe arbeiten soll.

Das vorliegende Dokument enthält mehrere Aussagen, die die positiven und negativen Auswirkungen der Synthetischen Biologie erwähnen. Zum Beispiel: SBSTTA "erkennt an, dass sich die synthetische Biologie rasch entwickelt und ein Querschnittsthema mit potenziellen Vorteilen und potenziellen negativen Auswirkungen im Hinblick auf die drei Ziele des Übereinkommens über die biologische Vielfalt ist". "Potenzielle positive und potenzielle negative Auswirkungen der Synthetischen Biologie" werden erwähnt, ebenso wie "das gesamte Spektrum der Anwendungen und potenziellen Auswirkungen der Synthetischen Biologie".

Somit wird verdeutlicht, dass das Thema nicht schwarz-weiß zu betrachten ist. Das erinnert auch an eins der auffälligsten Merkmale dieses Treffens: der Anwesenheit eines knallrosa Huhns, das von einem der Teilnehmer zu SBSTTA getragen wird, und dessen Hintergrund auch nicht gerade deutlich in die eine oder andere Richtung zeigt.

Warum eine rosa Henne? Ich war auch perplex - bis ich die Postkarten des Pinkchickenprojekts entdeckte, welche zusammen mit den anderen Dokumenten zur Ansicht auslagen. Auch NeFos SBSTTA-Faktenblätter und IPBES-Guide lagen hier, und unter den Flyern, Broschüren, Informationskarten mit Bildern der schönen Natur ragten zwei Postkarten mit künstlichem knallrosa heraus ... Was ich für Satire hielt, die genetische Veränderungen von Organismen kritisieren will, erwies sich als nicht ganz so eindeutig. Die Website des Projekts lässt größtenteils keinen Zweifel an der Absicht, alle Hühner der Welt mit CRISPR Gene-Drive-Methoden rosa zu färben und die "Gesteinsschichten wieder zu besetzen", d.h. eine rosa Schicht im Gestein zu hinterlassen, um das geologische Alter des Anthropozäns zu dokumentieren.

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Rosa Gesteinslinie soll Erdzeitalter des Anthropozäns sichtbar machen
Foto: pinkchickenproject.com

Erst ganz unten taucht ein Hauch von Kritik auf. Und die Postkarten zeigen einen Link zu Non(human) Non(sense), einem Design- und Ingenieurstudio in London, dessen Titel auch evtl. etwas über die Intention des Projekts aussagt ... Aber ganz simpel schwarz-weiß ist hier keine Aussage - eher rosa.

The Pink Chicken Project ist eine Geschichte, auf der man andere Geschichten aufbauen kann; ein spekulatives Vermischen mehrerer ineinandergreifender Systeme der ökologischen und sozialen Krise. Das Projekt lehnt die gegenwärtige Gewalt gegen die nicht-menschliche Welt ab, ist aber selbst ein Akt der Gewalt durch die aufgezwungene Veränderung der Körper von Milliarden von Hühnern. Es stellt die Frage nach der Wirkung und Kraft der synthetischen Biologie und der Gene drives, verwendet aber dieselben Technologien, um die Kritik zu formulieren. Sie verdeutlicht das unergründliche Ausmaß der industriellen Landwirtschaft und der Massentierhaltung, bedient sich ihrer aber gleichzeitig als Plattform. Es besetzt die Steinschichten wieder, statt sie zu ent-besetzen.

Die Absicht solcher Widersprüche ist der Versuch, komplexe Verstrickungen komplex zu belassen - eine Einladung zum Nachdenken über das "Warum". Ein Schritt zur Wiederbelebung des öffentlichen Imaginären in einem ökologischen Diskurs, der Fragen der sozialen Gerechtigkeit einbeziehen muss, um die radikale Umstrukturierung der Gesellschaft zu erreichen.

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