Die junge Generation in internationalen Verhandlungen zur Biodiversität – eine aufstrebende Spezies

Dr. Katja Heubach, NeFo-Team, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung -UFZ und Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (BiK-F)

Vertragsstaatenverhandlungen zeichnen sich durch ihre Vielfalt an unterschiedlichen Akteurs- und Interessensgruppen, Repräsentanten von Nationalstaaten, indigenen Völkern und lokalen Gemeinschaften, wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Instituten, Projekten und Initiativen aus. Auf den langen Fluren des Convention Centers hier in Korea zwitschert es aus einem bunten Strauß engagierter Menschen, scheinbar gebunden über alle Altersstufen und Hierarchieebenen hinweg.

Wenngleich, etwas genauer hinter die Türen der Kontakt- und Arbeitsgruppen geblickt, dann doch die älteren Generationen, die noch die Anfänge der globalen Biodiversitätspolitik in Rio de Janeiro 1992 – die Geburtsstunde der Biodiversitäts-Konvention – erlebt haben, dominieren. Berechtigt ist das allemal, denn die ‚alten Hasen‘ bringen langjähriges Prozesswissen in die aktuellen Verhandlungen ein und wissen, wann es kniffelig werden könnte – und glücklicherweise oft auch, wie man gordische Knoten (und davon gibt es bekanntermaßen einige!) wieder lösen kann.

Aber auch die junge Generation hält immer stärker Einzug in die internationale Biodiversitätspolitik – um mitzugestalten, mitzudiskutieren und ihre eigenen, oft neuen Perspektiven einzubringen. Auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Einerseits als Teil der Regierungsdelegationen, wie beispielsweise bei der norwegischen, deutschen und britischen Delegation. Hier wird aktiv mitverhandelt: Interventionen verlesen, in Kontaktgruppen nationalstaatliche Interessen verfolgen, zu Hause Bericht erstatten – und damit hoffentlich dazu beitragen, dass die Entscheidungen der COPs in nationale Maßnahmen umgesetzt werden.

Die Mehrzahl der jungen Leute allerdings kommt als Beobachter (‚observer‘) zu den Verhandlungen, aus Universitäten, wissenschaftlichen Instituten, lokalen Gruppen und Projekten sowie nationalen und internationalen Umwelt- und Naturschutzverbänden wie BUND, NABU und WWF. Während die einen wegen bestimmter Themen, die auf der COP-Agenda stehen, wie beispielsweise marine Schutzgebiete, synthetische Biologie oder die Zusammenhänge zwischen Biodiversität und Klimawandel, auf das internationale Parkett strömen, studieren die anderen die Verhandlungen an sich, also die Prozessebene und die institutionellen Gefüge und Netze, die sich rund um COP spinnen.

Während ‚die Jugend‘ (Youth), die zumeist aus Umwelt- und Naturschutzverbänden kommt, aber auch Studierende umfasst, als eigenständige Gruppe bei der CBD auftritt (wenngleich nicht als ‚Major Group‘ wie im UN-System geführt) und sich in den Wochen vor den COPs zu bestimmten Themen mit eigenen Positionen organisiert, so fehlt eine solche Selbstorganisation unter jungen Wissenschaftler*innen bislang.

Bis jetzt. Denn seit Anfang des Jahres gibt es ein Netzwerk von Nachwuchswissenschaftler*innen, die sich im Themenfeld Globale Biodiversitäts-(und Klima)politik und Science-Policy Interfaces bewegt. Das interdisziplinäre Netzwerk mit dem vorläufigen Namen ‚Young Scientists @ Biodiversity-related Science-Policy Interfaces‘, das sich insbesondere an Doktoranden und junge Postdocs richtet, hat bislang 30 ‚early career scientists‘ aus der ganzen Welt zusammengebracht. Sie leben in Europa, Japan und Afrika und kommen aus den Politik-, Bio- und Sozialwissenschaften. Sie beforschen die Prozesse von CBD, SBSTTA, IPBES und IPCC oder behandeln in ihren wissenschaftlichen Projekten biodiversitäts-bezogene Thematiken. Das Netzwerk soll dazu beitragen, Informationen und Erkenntnisse zu den Prozessen auszutauschen und gemeinsame Forschungsfragen zu identifizieren und zu bearbeiten – Hand in Hand mit dem Aufbau von Kompetenzen zur Teilnahme und Mitgestaltung an diesen Prozessen.

Einige Mitglieder des Netzwerks sind hier vor Ort in Korea, um sich weiter innerhalb und außerhalb zu vernetzen und die Ergebnisse der Verhandlungen gemeinsam zu analysieren. Das wichtigste Ereignis steht jedoch für morgen Abend an.

Gemeinsam mit dem BMUB und DIVERSITAS International richtet das Netzwerk ein Side Event zur Relevanz von Forschung und Wissenschaftskommunikation für die Globale Biodiversitätspolitik und die Rolle von Nachwuchswissenschaftler*innen bei diesen Themen aus. Basierend auf den Ergebnissen einer Umfrage, die im Netzwerk durchgeführt wurde, werden prominente Vertreter aus Wissenschaft, Politik und SPIs, darunter z.B. der SBSTTA-Chair Gemedo DalleTussie und Nicola Breier, Leiterin der deutschen CBD-Delegation und National Focal Point, in einer sog. Fishbowl darüber diskutieren, welches Wissen für die Erreichung der Aichi Biodiversitätsziele tatsächlich notwendig ist.

Denn, wenngleich unser Wissen über ökologische Zusammenhänge und die Treiber des globalen Wandels in den letzten 22 Jahren seit Verabschiedung der CBD enorm gewachsen ist, sind wir heute weiterhin Riesenschritte von der Erreichung unserer internationalen Ziele entfernt. Die Veröffentlichung des GBO-4 am Montag letzter Woche hat es einmal mehr gezeigt. Haben wir also bestimmtes Wissen vernachlässigt und uns zu sehr auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse verlassen? Sollten wir vielleicht stärker in die Fragen nach dem menschlichen Verhalten, den institutionellen Prozessen oder auch den sozial-ökologischen Zusammenhängen von Natur und Mensch eintauchen? – Die Diskussion morgen Abend verspricht auf jeden Fall sehr spannend zu werden!

Weitere Informationen zum Netzwerk unter katja.heubach@ufz.de oder auf unserer Facebook-Seite https://www.facebook.com/biodivspis.

Auch ein Blick in unsere Mailinglist lohnt sich: https://groups.google.com/forum/bspin.