Garagenbiologie als Rettung aus der Antibiotikakrise?

Der Bundestagsausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung befasste sich mit den Herausforderungen der neuen Gentechnologien

Katrin Vohland, Katrin Reuter

 

Am 29.9.2016 fand das öffentliche Fachgespräch zu synthetischer Biologie, Genome Editing und Biohacking unter dem Übertitel der Herausforderungen der neuen Gentechnologien statt, das sich mit den Ergebnissen der gleichnamigen TAB Studie befasste. Dabei wurde schnell deutlich, dass eine Herausforderung schon darin besteht, juristische Klarheit darüber zu gewinnen, ob die neuen Methoden der gezielten Veränderung des Genoms wie beispielswiese CRISPR-Cas, was zur Zeit besonders diskutiert wird, überhaupt unter das aktuelle Gentechnikgesetz fallen, da die Veränderungen oft nur Sequenzen unter 20 Basenpaaren betreffen und diese Punktmutationen nicht erfasst werden. Trotz teilweise großer Veränderungen, was die Funktionalität des neuen Produkts  angeht.

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Cover TAB-Gutachten zu Synthetischer Biologie

Aber der Reihe nach. Begonnen hat die Veranstaltung mit einem Block, der sich mit den Potentialen der Do-it-yourself (DIY)-Biologie befasst. Dieses Themenfeld  wurde explizit auf Wunsch des Forschungsausschusses vertieft im TAB-Bericht betrachtet. Rüdiger Trojok, der schon lange in der Szene aktiv und auch Mitautor der TAB-Studie ist, stellte Akteure des globalen Netzwerks vor, wobei er DIY-Biologie als Form von Citizen Science versteht. DIY-Biologie ist ein globales Phänomen, welches sich seit 2008 über das Internet über die gesamte Welt verbreitet hat. Hauptanliegen sei die Herstellung von mehr Transparenz in der biologischen Forschung, der Open Source-Gedanke, aber auch die – teilweise künstlerische – Auseinandersetzung mit der Gentechnik. Wie konkret der Beitrag der jenseits von etablierten wissenschaftlichen Institutionen aktiven Biologinnen und Biologen zur Lösung aktueller Probleme wie beispielsweise der Antibiotikakrise ist, war unklar bzw. blieb umstritten. Rüdiger Trojok betonte jedoch, dass sich die DIY-Bioszene nicht in einem Lager pro oder contra Gentechnik verortet, sondern die Akteurinnen und Akteure wissenschaftlich schauen wollen, was im Hinblick auf beispielsweise die Lösung der Antibiotikakrise möglich sei. Seit ca. 10 Jahren würden kaum noch neue Antibiotika entwickelt, die DIY-Bio-Szene möchte hier einen anderen Ansatz als die etablierte Forschung und die großen Pharmakonzerne probieren und perspektivisch beispielsweise eine personalisierte Medizin auf der Grundlage von Open Source-Phagenproduktion entwickeln. Die nächste Rednerin, Frau Dr. Ursula Theuretzbacher, bestätigte die Probleme der Antibiotikaforschung, die auch damit zusammenhingen, dass immer weniger Chemiker und Chemikerinnen Erfahrung und Expertise im Umgang mit Naturstoffen haben, von denen es insbesondere in Bodenorganismen reichlich gäbe. Sie betonte, dass es bislang noch keine Phagen-Therapien gibt, die systemisch eingesetzt werden könnten und dass sie es für unwahrscheinlich hält, dass aus Citizen Science-Aktivitäten neue Antibiotika resultieren würden. In der Abschlussdiskussion dieses Blocks wurden Bedenken im Hinblick auf die Beachtung ethischer Aspekte in der DIY-Biologie deutlich. Rüdiger Trojok stellte dar, dass diese Debatte innerhalb der Szene sehr intensiv geführt wird und dass diese Diskussion die erste war, die mit Entstehung der DIY-Biologie aufkam. Zudem betonte er noch einmal, dass ein wesentliches Merkmal der DIY-Biologie das Aufbrechen disziplinärer Grenzen sei.

 

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Bild von Zuschauertribüne herunter während des Ausschusses
Fachgespräch Synthetische Biologie im Forschungsausschuss des Bundestages
Katrin Vohland

Der zweite Block befasst sich stärker mit den Sicherheitsaspekten der neuen Technologien. Herr Prof. Dr. Detlef Bartsch, Leiter der entsprechenden Abteilung im Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, stellte heraus, dass für die behördliche Risikobewertung ein ausreichendes Instrumentarium zur Verfügung stünde. Dr. Michael Liss als Vertreter der angewandten Industrie präsentierte eine Datenbank, die als Konsortium von verschiedenen Gentechnikfirmen betrieben wird und zur Sicherheit bei herausgegebenen Materialien sowohl die Sequenzen der Gene im Hinblick auf Gefährdungen als auch die Käufer screent. Christof Potthof vom gen-ethischen Netzwerk sah die Sicherheitsaspekte kritisch; er bemängelte, dass die Risikobewertung unzureichend sei, da Detailwissen zu einzelnen GVOs fehle. Er betonte außerdem, dass die Meinungen bezüglich DIY-Biologie auch innerhalb des gen-ethischen Netzwerkes auseinandergehen.

Sehr spannend war die wissenschaftsphilosophische Analyse von Herrn Prof. Alfred Nordmann, die er zu Beginn des letzten Blocks zur gesellschaftlichen Verankerung vorstellte. Er leitet das europäische Verbundprojekt SYNENERGENE, welches sich mit der Integration des Konzepts verantwortlicher Forschung und Innovation (Responsible Research Innovation, RRI) in gentechnische Forschung befasst. Er sah die synthetische Biologie weniger von Erkenntnisdrang getrieben als vielmehr von einem lösungsorientierten Ingenieurs-Ethos. Mit dieser Geisteshaltung sei es nicht mehr wichtig, alles bis in letzte zu verstehen, sondern es gehe darum, Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu bauen. Ein schönes Bild dafür sind die „biobricks“, modulare-Bio-Bausteine, die sich zu neuen Genen und Eiweißen zusammensetzen lassen. Diese Ungeduld dürfe aber nicht dazu führen, dass die – ethischen - Bedenken der Bevölkerung übergangen werden. Darin waren sich auch die Beteiligten der Abschlussdiskussion einig: Es ist wichtig, die frühzeitige Teilhabe der Bevölkerung am Diskurs zu den Möglichkeiten und Risiken der neuen gentechnologischen Methoden zu gewährleisten. Dabei wurde betont, dass sich Biosecurity nicht in Fragen der technischen Sicherheit erschöpft, sondern es auch um Fragen geht, wie technische Entwicklungen in einen gesellschaftlichen Wertzusammenhang eingebunden werden können.

Während der gesamten Veranstaltung wurde deutlich, dass dem Selbstbewusstsein und wissenschaftlichen Anspruch der DIY-Biologie-Szene (noch) eine ausgeprägte Skepsis von Seiten der etablierten Wissenschaft wie auch der Politik gegenübersteht. Nicht nur für die etablierte Wissenschaft, sondern auch für die DIYBio-Szene ist es also wichtig, Labore zu öffnen und einen offenen Diskurs auch über kritische ethische Fragen zu führen.