Interview46. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie GfÖ

„Entdeckungen wie von Darwin, Haeckel oder Einstein sind auch heute noch möglich – mit ungebrochenem Entdeckergeist“
Im NeFo-Interview: 
Prof. Volkmar Wolters

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Prof. Volkmar Wolters
Foto: B. Wolters

Die Ökologie als Begriff von Ernst Haeckel wird 150 Jahre alt. Dieses Jubiläum nimmt die Gesellschaft für Ökologie - auch immerhin schon 46 Jahre alt - zum Anlass nicht etwa für eine Rückschau, sondern eine Diskussion, welche Aufgaben in der Zukunft für Ökologinnen und Ökologen bewältigt werden sollten. Einem Forschungsobjekt, an dem die Wissenschaft im Zeitalter des sogenannten Anthropozäns, nicht vorbei kommt, gehören sie selbst an. Denn Ökosysteme ohne menschliche Einflüsse gibt es so gut wie nirgends mehr. Die Dynamik dieser Einflüsse zu erfassen, Ursachen und Kausalitäten zu beleuchten und Gegenmaßnahmen zu zeigen, ist sicherlich eine der Hauptaufgaben unserer Zeit. Prof. Volkmar Wolters, Präsident der Gesellschaft für Ökologie, spricht sich aber dafür aus, diese Grenzen der Zeit zu überwinden. Neue Paradigmen wie sie Haeckel, Darwin oder Einstein hervor brachten, seien auch heute noch möglich.

 

NeFo: Herr Wolters, das Motto Ihrer Tagung „150 Jahre Ökologie – Lektionen/Aufgaben für die Zukunft“ ist ja an die Definition von Ernst Haeckel geknüpft. Was bedeutet Haeckel für Sie?

Wolters: Haeckel war ein begnadeter Anatom und Biologe. In einer Zeit, in der die biologische Forschung ihr Heil in der immer feineren, mikroskopischen Analyse der Welt suchte, öffnete er als glühender Anhänger Darwins den Naturwissenschaften die Augen für das große Ganze der Wechselwirkungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt. Das war eine ebenso revolutionäre wie großartige Leistung, die mir auch heute noch viel bedeutet. Eigentlich bräuchten wir wieder einen „Haeckel“, der uns zeigt, dass der Mensch durch das Ignorieren der Wechselwirkungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt ökologische Probleme verursacht hat, die wir nur global und nicht durch das Klein-Klein der Egoismen oder Nationalismen lösen können.

NeFo: Ernst Haeckel ist noch heute, nach 150 Jahren, berühmt. Ähnlich wie Darwin, Einstein etc. Wie kommt das?

Wolters: Das hat er durch seine Beteiligung an der Neubegründung einer ganzen Wissenschaftsdisziplin auch verdient. Zu Haeckels andauernde Popularität haben sicherlich seine wunderschönen Zeichnungen von Quallen, Embryonen und vielen anderen biologischen Strukturen beigetragen, die man immer noch in vielen Lehrbüchern findet. Für ihn war das Zeichnen aber nicht etwa nur ein Hobby, sondern ein wesentlicher Teil des Erkenntnisgewinns. Auch heute erklären wir noch den jungen Menschen, die anfangen Biologie zu studieren: was man nicht gezeichnet hat, das hat man nicht gesehen. Darüber sollten mal unsere grandiosen Bildungspolitiker nachdenken, die immer wieder versuchen, den Kunstunterricht zugunsten der sogenannten Kernfächer zurückzudrängen.

NeFo: Sind denn für heutige Wissenschaftler noch solche wichtigen Entdeckungen oder grundlegende Paradigmen möglich? Oder ist das Wesentliche in der Grundlagenforschung bereits entdeckt und es geht nur noch um Details?

Wolters: Dass so etwas auch heute möglich ist, davon bin ich fest überzeugt. Wissenschaft ist ein dauernder Prozess, bei dem mit jedem Erkenntnisfortschritt neue Fragen und Problem aufgeworfen werden. Dabei geht es keineswegs nur um Details. Jedoch hat es trotz aller methodischen Entwicklungen und toller Ideen in den Naturwissenschaften schon lange keinen so grundlegenden Paradigmenwechsel mehr gegeben, wie ihn Darwin, Haeckel oder Einstein bewirkt haben. Lichtenberg hat mal geschrieben: „… die meisten Menschen müssen, um etwas zu finden, erst wissen, dass es da ist.“ Forschung heißt aber häufig, nach Dingen zu suchen, von denen man nicht weiß, ob sie da sind. Das gilt ganz besonders auch für neue Paradigmen. Da hilft nur der ungebrochene Entdeckergeist – und der ist gerade bei Ökologen und Ökologinnen sehr ausgeprägt.

NeFo: Sie schreiben in Ihrem Vorwort ja, dass das Fachgebiet der Ökologie weit über die Erforschung der menschgemachten Umweltveränderungen hinausginge. Muss das betont werden? Haben sich die Definition des Begriffs und auch die Forschungsinhalte so stark in dieser Richtung verschoben?

Wolters: Leider ja! Insbesondere von politisch motivierten Drittmittelgebern wird ökologische Forschung oft nur noch als Mittel zur Lösung der vom Menschen gemachten Umweltprobleme gesehen. Aber auch dafür benötigen wir eine ökologische Grundlagenforschung, bei der ein Bezug zur gesellschaftlichen Relevanz oft erst später zu erkennen ist. Mit anderen Worten: den uneingeschränkten Entdeckergeist. Wegen der schlechten finanziellen Ausstattung der Universitäten und anderer akademischer Institutionen kann sich dieser Geist aber nicht entfalten und die Wissenschaftler – und damit deren Fragestellungen - müssen sich nach der Decke der Drittmittelgeber strecken.

NeFo: Sie haben ja auch, wie schon in den letzten Jahren, eine Session zum UN-Weltbiodiversitätsrat IPBES. Welche Aktivitäten unternimmt die GfÖ im Rahmen dieses Politikberatungsprozesses?

Wolters: Die GfÖ ist ja die Vereinigung wissenschaftlich arbeitender Ökologen und Ökologinnen im deutschsprachigen Raum. Unsere Aufgabe ist es also, in der zum Teil sehr emotional aufgeladenen Biodiversitätsdebatte das beste und aktuellste Wissen über die Entwicklung, den Erhalt und die nachhaltige Nutzung der biologischen Vielfalt bereitzustellen. Genau diese Aufgabe übernehmen wir bei IPBES. In einer Zeit, in der bei öffentlichen Debatten eher die Lautstärke als das Fachwissen zählt, hat es allerdings eine Wissenschaftsorganisation wie die GfÖ nicht immer leicht.

Nichtsdestotrotz ist das für uns natürlich eine wichtige Aufgabe. Wir nehmen an den Plenarsitzungen teil, unsere Mitglieder beteiligen sich an den regionalen und globalen Assessments, wir schlagen Experten vor, versuchen eine zielgerichtet ökologische Forschung voranzutreiben und vieles mehr. Die GfÖ unterstützt ihre Mitglieder bei der Beteiligung, indem wir über die Kommunikationskanäle des Verbands, wie Nachrichtenheft, Webseite, Facebookseite oder Mailing-Liste, auf Beteiligungsmöglichkeiten aufmerksam machen. Auch an der Entwicklung eines der Stakeholder-Netzwerke für IPBES mit Schwerpunkt auf Wissenschaftsorganisationen und Umweltverbänden ist die GfÖ beteiligt. Weitere potenzielle Beiträge zur Kommunikation und Bewertung der IPBES-Ergebnisse wird die GfÖ-IPBES-AG als Zukunftsaufgabe aufgreifen.

NeFo: Nun ist das Engagement von Wissenschaftlern in Politikberatungsprozessen ja in der Regel eine freiwillige Zusatzarbeit und von daher gerade unter Mitgliedern mit starker Ausrichtung auf Grundlagenforschung schwer vermittelbar. Welche Bedingungen von Seiten der Auftraggeber würden Sie sich wünschen, um Ihre Mitglieder hier leichter motivieren zu können?

Wolters: Eine inhaltliche Motivation ist sicherlich nicht erforderlich. Leider muss ich aber mal wieder das schnöde Geld nennen. In einer Zeit, in der die ökologische Forschung unter sinkender Mittelausstattung und schrumpfender Personaldecke leidet, ist es sehr schwer – und manchmal sogar unverantwortlich – den einzelnen Experten noch mehr Zusatzarbeit in der Freizeit aufzubürden. Da ist natürlich nicht nur IPBES durch eine Honorierung der erbrachten Leistungen in der Pflicht. Biodiversitätsforschung ist eine personalintensive Hightech-Wissenschaft von ungeheurer gesellschaftlicher und ökonomischer Relevanz. Deshalb sollte es gut ausgestattete Förderprogramme zur wissenschaftlichen Unterfütterung des IPBES-Prozesses geben. Da sehe ich insbesondere im Bereich der Nachwuchsförderung erhebliche Defizite.

NeFo: „Lessons for the future“ könnte ja auch als „lessons learned for the future“ verstanden werden. Gibt es etwas, das die ökologische Forschungsgemeinschaft aus Ihrer Sicht nicht mehr oder besser machen sollte?

Natürlich will ich der Diskussion während der Tagung nicht vorgreifen. Persönlich sehe ich aber die interdisziplinäre Zusammenarbeit über Grenzen der Bio- bzw. Naturwissenschaften hinaus als große Herausforderung an die Umweltforschung an. Für mindestens ebenso wichtig halte ich es, der an Arten orientierten organismischen Forschung, die in den letzten Jahrzenten durch eine gewisse molekularbiologische Euphorie zurückgedrängt wurde, wieder mehr Geltung zu verschaffen. Dann würde ich mir eine problemorientierte Bündelung der ökologischen Forschung, wie sie z.B. in der Medizin gängig ist, wünschen. Und schließlich wäre es gut, mal wieder eine breite Diskussion über die theoretischen Grundlagen unserer Disziplin zu führen.

NeFo: Worauf freuen Sie sich besonders bei der Tagung?

Für mich sind die vielen persönlichen Begegnungen besonders wichtig. Ökologie ist eine außergewöhnlich breit gestreute Wissenschaft, bei der man sich schnell aus den Augen verlieren kann. Die GfÖ-Tagung bietet hier eine ideale Plattform für Gespräche in vertrauter Runde– keineswegs nur über wissenschaftliche Themen. Ich freu mich auf alle Keynotespeaker, bin aber besonders gespannt auf Shahid Naeem, mit dem ich mehrere Jahre in einem internationalen Gremium eng zusammengearbeitet habe. Toll ist auch, dass ich in Marburg noch einmal für die im letzten Jahr spontan gegründete GfÖ-Rockband „The Sustainabilities“ zur Gitarre greifen darf.

Das Interview führte Sebastian Tilch

 

Weitere Informationen:

Webseite mit Programm der Tagung

NeFo-Pressemitteilung zur GfÖ-Jahrestagung

Pressemitteilungen zu von der GfÖ-Pressestelle ausgewählten Vorträgen auf der GfÖ-Webseite