13. BMBF-Forum zur Forschung für nachhaltige Entwicklung (FONA) am 9./10.05.2017 in Berlin

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Bundesministerin J. Wanka eröffnet das Forum
Foto: BMBF

13. BMBF-Forum zur Forschung für nachhaltige Entwicklung: „Was tun mit der Agenda 2030!

Von Jonas Geschke, Dr. Kristina Raab und Dr. Katrin Vohland

Am 9./10. Mai lud das BMBF zum jährlichen Forum zur Forschung für nachhaltige Entwicklung (FONA). Mit 500 Anmeldungen war die Veranstaltung mit dem Motto „Was tun mit der Agenda 2030!“ ausgebucht. Einige Plätze waren im Plenum dann aber doch noch frei als Bundesforschungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka sowie Peter Altmaier (Chef des Bundeskanzleramtes und damit Verantwortlicher für die nachhaltige Entwicklung in Deutschland) das Forum eröffneten. In den Eröffnungsreden wiesen die beiden darauf hin, dass die Aufgaben der FONA vielschichtig wären, die Ziele für nachhaltige Entwicklung (sustainable development goals, SDGs) teilweise konkurrierten und die Umsetzung von Maßnahmen zur Erreichung der Ziele daher sehr komplex seien müssten.

Aus diesem Grund wurde die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie von 2016 im Januar 2017 neu aufgelegt. Im Sommer (Juni-Juli) solle der entsprechende Nationale Aktionsplan präsentiert werden. Weiter wurde darauf eingegangen, wie schwer und teilweise enttäuschend der umweltpolitische Weg seit der Weltklimakonferenz in Kopenhagen 2009 gewesen sei. Die Erarbeitung der SDGs aber auch das Pariser Umweltabkommen seien international anzurechnende Errungenschaften, denen es sich zu stellen gelte. Dabei müssten aber nicht nur die Wirtschaft, Politik und Wissenschaft eingebunden werden, sondern auch die Gesellschaft selbst. Nur so ließe sich die Konkurrenz der nachhaltigen Entwicklung mit dem Prinzip der „Menschenwürde über allem“ angehen. Für die Umsetzung der SDGs seien eine gesteigerte Ressourceneffizienz durch Technik und Innovationen notwendig.

Nach den Eröffnungsreden wurde das Wort Herrn Prof. Dr. Hartmut Rosa überlassen, der die Teilnehmenden des Forums in seine ganz eigene und doch so spannende Gedankenwelt rund um die Themen der SDGs, der Nachhaltigkeit, der Ressourceneffizienz und Modernität, der Resonanzräume und des Weltweitreichungsbedürfnisses der Menschen mitnahm, einhergehend mit der westweltlichen Auffassung, bestehendes nur durch Steigerung erhalten zu können. So wies er insbesondere darauf hin, in der heutigen Gesellschaft ein Auseinanderfallen von Umweltbewusstsein und Umwelthandeln zu beobachten, das sich darauf begründe.

Weitere Programmpunkte des FONA-Forums waren die Präsentation der neuen Wissenschaftsplattform „Nachhaltigkeitsplattform 2030“, die die Forschung zur Umsetzung der SDGs voranbringen und deren Ergebnisse kommunizieren soll - und damit letztendlich dazu beitragen, diese zu erreichen. Vielfältigste Podiumsdiskussionen und Workshop-Runden zu Themen rund um die nachhaltige Nutzung von Ressourcen, nachhaltige Landnutzung und eben der FONA folgten. Konsens unter den Teilnehmenden schien zu sein, dass die 17 SDG-Ziele zwar nicht per se im Konflikt zueinander stehen würden – teilweise sogar Synergien bei ihrer Umsetzung entwickeln – die Maßnahmen zu ihrer Umsetzung allerdings häufig in Zielkonflikten resultieren.

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Podiumsdiskussion
Foto: K. Vohland

Nachhaltigkeitsplattform 2030

Die Nachhaltigkeitsplattform 2030 wurde am 8. Mai unmittelbar vor dem FONA-Forum gegründet. Frau Prof. Dr. Patrizia Nanz, Herr Prof. Dr. Dirk Messner und Herr Prof. Dr. Martin Visbeck, die drei Vorsitzenden des Lenkungskreises der Plattform, führten die Teilnehmenden des Forums in die Ziele der Nachhaltigkeitsplattform ein. So liege ein Schwerpunkt der Plattform darin, das durch FONA zusammengetragene Wissen so zu synthetisieren, dass es unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten eröffne. Dazu müssten verschiedenste Akteure der nachhaltigen Entwicklung einbezogen und integriert werden, um nicht nur eine gemeinsame Wissensschaffung, sondern auch eine Wissenstransformierung zu erreichen und damit wissensbasierte Entscheidungen zur Umsetzung der SDGs zu erreichen. Die Nachhaltigkeitsplattform 2030 sei damit „ein Ansatz, zu tun was wir wissen“ (Nanz).

Perspektiven Afrika

In der Podiumsdiskussion „Perspektiven Afrika“ sollten zunächst zwei 15-minütige Vorträge über die politische und ökonomische Situation des Kontinents die Grundlage zur Diskussion ebnen. So wurde erklärt, dass Afrika beispielhaft für die fünf Megatrends der Welt stünde: dem demographischen Wandel, der rasanten Urbanisierung, der sozialen (Un-) Gerechtigkeit, den Folgen des Klimawandels und der Konnektivität bzw. der Digitalisierung. Aufgrund der Komplexität dieser Megatrends und der politischen Gegebenheiten würde Afrika es nicht schaffen, die Gesellschaften gewaltfrei in nationale Governance-Prozesse einzubinden. Dadurch würde wiederum der Druck auf die Gesellschaften wachsen, was die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung erschwere. Bedauernswerterweise (insbesondere in Bezug auf die SDGs) war bei der Podiumsdiskussion im Übrigen kein_e einzige_r Afrikaner_in unter den Teilnehmenden, was die Diskussion über Afrika als „fremden“ Kontinent sicherlich bereichert hätte.

Bezüglich der Wissenschaftskooperationen zwischen Deutschland und Afrika wies Herr Wilfried Kraus vom BMBF darauf hin, dass eine Begegnung auf Augenhöhe und Partnerschaften statt Anweisungen nötig wären, um in Afrika zur nachhaltigen Entwicklung beitragen zu können. Ein entscheidender Punkt hierbei, wie Herr Kraus mehrfach betonte, sei die Kapazitätsbildung in Afrika, die nötig sei, um Entwicklungen nachhaltig aufzubauen und umzusetzen. Nur so könne Afrika Besitz von dem gemeinsam Entwickelten ergreifen und sich nachhaltig für die Umsetzung der SDGs einsetzen. Neben dem BMBF setze sich übrigens auch der DAAD für Wissenschaftskooperationen ein, wobei sowohl Breiten- als auch Spitzenförderung betrieben würde, da die Erwartungen an Bildung global vergleichbar seien. Dem entgegen steht allerdings, dass in internationalen wissenschaftlichen Verlagen (bspw. Elsevier) keine regionale Autoren-Balance gegeben sei, was weniger an den Verlagen selbst als vielmehr dem Hinterherhinken Afrikas in wissenschaftlichen Kapazitäten liege. Dies könne nur durch staatliches Engagement aus Afrika und eine stärkere konzertierte Diversifizierung der Wissenschaftskooperationen angegangen werden.

Workshop "Zukunft der Ozeane: Nahrung aus dem Meer"

Dieser Workshop zur Rolle und Zukunft der Ozeane bzw. deren essbaren Bestandteile wies auf die Problematik der wenig nachhaltigen Fischerei hin und stellte zum Teil neue Ansätze für eine solche vor. Tatsächlich sei beispielsweise der ‚fish independence day‘, also der Tag, an dem (umgerechnet auf ein Jahr) Europa den eigenen Fisch verkonsumiert hat und sich danach von Fisch aus anderen Regionen ernährt) bereits vorbei, erläuterte Frau Heike Vesper, Leiterin Meeresschutz beim WWF. Der darauffolgende Vortrag von Herrn Prof. Dr. Martin Quaas stellte eher technisch verschiede Aspekte der EU Fischereipolitik dar.

Frau Prof. Dr. Bettina Meyer gab noch einen weiteren Überblick zur antarktischen Krillfischerei, die einem ganz anderen Managementsystem folgt. Dies kam durch die ‚Commission for the Conservation of Antarctic Marine Living Resources‘ (CCAMLR) als Konsequenz der Übernutzung des Ökosystems vor einigen Jahrzehnten zustande. Aus dem Publikum wurde darauf hingewiesen, dass sich viele in Europa über die gemeinsame Fischereipolitik beschwerten und damit antieuropäische Gefühle weckten, die Fischreipolitik jedoch durch die Minister_innen der jeweiligen Länder betrieben würde, die die EU-Quoten gemeinsam verabschiedeten, und daher eben doch die nationale Ebene die Verantwortung für die nachhaltige Fischerei trüge – nicht die EU als Ganzes.

Zusätzlich zu den Vorträgen über traditionelle Fischerei (und zum Teil Aquakulturen) wurde auch unterstrichen, wie nährstoffreich Algen seien. So stellte Herr Dr. Levent Piker das Konzept der ‚integrierten multi-trophischen Aquakultur‘ vor. Hierbei würden Algen und anderen Organismen die überschüssigen Nährstoffe der Fisch-Aquakulturen verwerten und damit Verunreinigungen und Überdüngung vermeiden. Aquakulturen seien weltweit ein rasend schnell wachsender Sektor der Ernährungsbranche.

Wenn nicht gerade eine Aquakultur-Farm Nährstoffe zur Verfügung stellt, ist es in marinen Ökosystemen üblich, dass Nährstoffe durch Auftrieb tieferer Gewässer an die Oberfläche verfrachtet werden. An diesen Auftriebsstellen ist die Produktivität der Meere besonders hoch. Einen überraschenden, zum Teil kontroversen Beitrag zur Diskussion lieferte Herr Prof. Dr. Ulf Riebesell vom GEOMAR, der mit künstlichem Auftrieb die Anzahl der Auftriebsstellen vervielfachen möchte. Hierfür startet er ein Pilotprojekt vor den Kanarischen Inseln.

Geoengineering ist bei FONA also kein Tabu. Ob diese Idee langfristig zur Entwicklung einer nachhaltigen Fischerei und Aquakultur beitragen kann bleibt allerdings offen, da die ersten Schritte noch zu gehen sind und die Risikoanalyse dieser technischen Eingriffe zwar Teil des Projektes vom GEOMAR seien, diese aber noch nicht durchgeführt wurden.

Land ist begrenzt – Wie gehen wir damit um?

Dieser schon früh ausgebuchte und mit Spannung erwartete Workshop zielte darauf ab, Herausforderungen in der nachhaltigen Landnutzung zu identifizieren, darauf aufbauend zu diskutieren, welchen Beitrag FONA dazu leisten kann, und abschließend Transformierungs- und Umsetzungsansätze zugute der SDGs abzuleiten. Nach kurzer Vorstellung des SDGs Nr. 15 (Leben an Land: Landökosysteme schützen, wiederherstellen und ihre nachhaltige Nutzung fördern, Wälder nachhaltig bewirtschaften, Wüstenbildung bekämpfen, Bodendegradation beenden und umkehren und dem Verlust der biologischen Vielfalt ein Ende setzen) inklusive des Indikator-Systems zur Messung der Erreichung des SDG, bei dem einzelne Nationen neben einem vorgeschlagenen Indikatorwert einen eigenen – und damit schwerer vergleichbaren – Indikatorwert entwickeln dürfen, wurde darauf eingegangen, dass Ökosysteme und Landschaften als ein System zu betrachten seien.

So unterlägen alle Ökosysteme speziellen Dynamiken, die es zu Beginn und im Laufe der Umsetzung von SDGs stets zu berücksichtigen gelte. Dazu würde eine normative inter- und transdisziplinäre, regional angepasste Forschung benötigt. Trotzdem funktioniere die Umsetzung der SDGs nicht ohne eine Inwertsetzung von Natur und Ökosystemleistungen, also ohne Ökonomie. Schlussendlich würde FONA also nicht nur eine Anwendungs- bzw. Umsetzungsforschung benötigen, sondern auch eine Grundlagenforschung, um auf das jeweilige System angemessen eingehen zu können. Nur so könne FONA nicht nur forschen, sondern auch beginnen zu wirken. Dazu bedürfe es einer deutlichen Steigerung der Wissenschaftskommunikation, um neben der Wirtschaft und Politik eben auch die Gesellschaft zu erreichen.

Der anschließende „Land ist begrenzt“-Workshop zu verschiedenen Regionen der Welt (national, Asien und Afrika/Lateinamerika) startete mit drei Impulsreferaten. Herr Prof. Dr. Jörn Fischer stellte dar, wie stärker systemisch beispielsweise an das Thema „Nahrungsmittelsicherheit“ herangegangen werden könne, indem nicht nur die die Höhe der Erträge, sondern auch Ernteverluste, Verteilungsmechanismen und Governance-Strukturen, also das das gesamte System in den Blick genommen würden. Auch in Deutschland könnten die Beziehung zwischen Stadt und Land systemischer gestaltet werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmten, die insbesondere den (monetären) Ressourcenfluss betreffen. Einen weiteren Link zur Bioökonomie beschrieb Herr Dr. Jes Weigelt, der zudem dazu aufforderte, die Nachhaltigkeitsforschung so zu denken, dass sie umsetzungorientiert wird: normativ, empowering und transdisziplinär.

Anschließend wurden die Teilnehmenden des Forums detailliert in die Diskussion einbezogen und nach ihren eigenen Erfahrungen und Ratschlägen für die FONA gefragt. Anstelle von konkreten Umsetzungshinweisen wurden hier jedoch wieder größtenteils Herausforderungen einer flexiblen und regional angepassten Forschungsförderung und sowie Kapazitätsaufbau zusammengetragen, die es zu bewältigen gelte – die aber größtenteils schon seit Jahren bekannt sind. Die Formulierung weiterer Forschungsbedarfe und von Erfolgsindikatoren für die Umsetzung von SDG-bezogenen Projekten waren weitere Schritte der Diskussion.

 

Fazit

Zusammenfassend kann für den Workshop aber auch das FONA-Forum gesagt werden, dass die Diskussionen der Veranstaltung eher unter dem Motto „Was tun mit der Agenda 2030?“ anstelle von „Was tun mit der Agenda 2030!“ standen. Dennoch war sehr zu begrüßen, dass die international verhandelten Nachhaltigkeitsziele so intensiv Eingang in die Diskussion der nationalen Nachhaltigkeitsforschung fanden und die Zielkonflikte in der Priorisierung und Maßnahmendurchführung so explizit angesprochen wurden. Biodiversität als solche wurde eher als Rahmenbedingung denn als eigenes Thema angesprochen und tauchte insbesondere in den Diskussionen um Zielkonflikte bei den Maßnahmen wieder auf.

Die Teilnehmenden des Forums haben eine beachtliche Liste an Herausforderungen für die FONA zusammengetragen, die eher in neuen Forschungsbedarfen resultieren als in konkreten Handlungsansätzen. Letztere müssten aber ohnehin erst noch von der Wissenschaft angenommen und letztendlich mit den Projekten vor Ort entwickelt werden. Dazu bedarf es, wie die Stichwortwolke der Teilnehmenden prägnant zeigt, vor allem Mut, vorhandene Lösungs- und Handlungsansätze auch tatsächlich umzusetzen und damit mal nicht nur nach dem „tun“ zu fragen (zu forschen), sondern das „tun“ auch auszuführen (zu wirken). Damit verbunden sollte auch eine ressortübergreifende (BMBF, BMZ, BMUB, BMWi) Forschung stehen, die ihren ersten Ausdruck in der neuen Nachhaltigkeitsplattform findet.

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